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Europa : Alle schimpfen auf die bösen Deutschen

Tonnenweise mussten die spanischen Bauern bis zur Ehec-Entwarnung Tomaten und Gurken vernichten Bild: REUTERS

Die Spanier mögen uns nicht wegen der Gurken, die Franzosen wegen des Atoms. Und die Griechen brauchen erst recht einen Buhmann. Die Europäer mögen deutsche Perfektion und hassen deutsche Arroganz.

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          Was schert uns die Krise? An diesem Wochenende wird auf Kreta gefeiert. Wahre Althippies zieht es in die Bucht des schönen Matala. Am Strand steigt das große „Wiedersehensfest“: In den 60er Jahren ließen Blumenkinder aus aller Welt vor den Felshöhlen den Joint kreisen, Cat Stevens soll da gewesen sein und auch Bob Dylan. Zum Hippie-Revival 2011 werden vor allem Deutsche erwartet. Die leben auf Kreta zuhauf, bei Chania bevölkern sie ein ganzes Dorf. Und müssen sich seit einem Jahr den griechischen Frust über Deutschland anhören.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Beim Feiern habe das Euro-Thema endlich mal Sendepause, hoffen die Inseldeutschen. Für ein paar Stunden mal keine Karikaturen von Angela Merkel in SS-Uniform oder Fernsehbilder von Europa-Fahnen, auf denen Hakenkreuze prangen. Die wurden zu Wochenbeginn von ein paar Radikalen durch die Athener Straßen getragen, am Rand des Protests gegen Privatisierungswelle und Steuerschraube. Und gegen das deutsche Diktat. Denn mögen die Griechen den strengen Internationalen Währungsfonds auch stärker fürchten: Dass Deutschland, mit dem man trotz der komplizierten Vergangenheit stets sympathisierte, den Griechen jetzt so kompromisslos und unbarmherzig auf die Finger klopft wie kaum ein zweiter Euro-Staat, das schmerzt, das greift ans Herz.

          Da ist es wieder, das Bild vom deutschen Besserwisser. Die Schulmeisterei macht die Bundesrepublik zum Buhmann - und das längst nicht nur in Griechenland.

          58 Kernreaktoren liefern drei Viertel des verbrauchten Stroms in Frankreich: Im Bild das Atomkraftwerk Fessenheim an der Grenze zu Deutschland
          58 Kernreaktoren liefern drei Viertel des verbrauchten Stroms in Frankreich: Im Bild das Atomkraftwerk Fessenheim an der Grenze zu Deutschland : Bild: dpa

          Gerne mal überheblich

          Alle sind sie sauer auf die Deutschen: Die wirtschaftsschwachen Eurostaaten können nicht verstehen, dass ausgerechnet jenes Land, das einst den europäischen Integrationsmotor gab, nun plötzlich auf der Bremse steht. Im atomabhängigen Frankreich blickt die Elite besorgt auf die wachsende Anti-Atom-Stimmung im eigenen Volke und verurteilt den deutschen Sonderweg beim Ausstieg aus der Kernenergie als unverantwortlich und egoistisch. Am vergangenen Donnerstag schickte dann Spanien seinen Europaminister nach Berlin, um der deutschen Gurkentruppe in Bund und Ländern den Kopf zu waschen, die nach Ausbruch der Ehec-Epidemie schnell andalusisches Gemüse gebrandmarkt hatte. Der Verdacht stellte sich als falsch heraus, in Südspanien brach der „Pepino“-Umsatz trotzdem ein: 220 Millionen Euro Verlust beklagen die Spanier - pro Woche.

          Zumindest in der letztgenannten Krise wurde nun offiziell Entspannung verordnet: Spanien wird Deutschland doch nicht vor den Gerichtshof zerren, kein Staat den anderen auf Schadensersatz verklagen. Doch mag der innereuropäische Eklat auch abgewendet sein, bei den Spaniern bleibt der Ärger über die selbstherrlichen Deutschen, an denen man in einer jetzt veröffentlichten europaweiten Umfrage des Goethe-Instituts noch die „gute Organisation“ gelobt hat. Aber Deutschland zeige eben auch gerne „Überheblichkeit“, hatten die Befragten übereinstimmend zu Protokoll gegeben.

          „Die Deutschen differenzieren nicht“

          Wie die „Präsidentin Europas“ sei Merkel bei ihrem pompösen Staatsbesuch in Amerika empfangen worden, kommentierte die spanische Zeitung "El País" diese Woche. Das möge zwar ob der deutschen Wirtschaftskraft gerechtfertigt sein. Doch da sei eben auch jenes Deutschland, das im Ehec-Chaos versinke. Es stünde für eine dunkle, von Kleinstaaterei getriebene Seite, in der eine Nation im Vorbeigehen mal eben die Landwirtschaft der anderen ins Elend stürze.

          Europa wundert sich: Die Deutschen, so wird zwischen Athen und Lissabon halb wütend, halb ängstlich registriert, zeigten immer stärker narzisstische Züge - den Hang der Politik zum Populismus, um deutsches Wahlvolk und Wutbürger ruhigzustellen. „Das ist neu“, sagt der griechische Krimiautor Petros Markaris, der in Athen lebt und sich sonst nicht scheut, mit seinen Landsleuten hart ins Gericht zu gehen. Wolfgang Schäubles Brandrede vom Freitag hat ihm gefallen, die Sprüche von Merkel weniger. Angesichts der andauernden deutschen Pauschalkritik aus Politik und „Bild“-Zeitung an griechischen Steuersündern und Frührentnern, täglich neu übersetzt von den hellenischen Tageszeitungen, habe sich die Gemütslage gegenüber Deutschland verändert. „Da ist viel Bitterkeit“, sagt Markaris. „Die Deutschen differenzieren nicht, sie kehren alle Griechen über einen Kamm und zeigen null Verständnis.“

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