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Spekulant und Staatsmann : Die Euro-Wette des George Soros

Im Februar erscheint hier sein neues Buch voller Warnungen vor dem Untergang Europas, klar zugeschnitten auf deutsche Leser. Der „Spiegel“ besorgt die Vermarktung des Gesprächsbands. Den Titel „Wetten auf Europa“ hat Soros selbst ausgesucht. Das klingt so ambivalent, wie der Mensch Soros ist. Das Wetten auf den Absturz von Volkswirtschaften sei kein Opportunismus, erklärt er seine Verantwortung als Spekulant: Er decke nur Mängel im System auf. „Wer wäre besser als ich qualifiziert, den Kapitalismus zu kritisieren?“

Er will gestalten, unbedingt

Sich einzumischen ist sein Recht. Man kann den Milliardär beglückwünschen, dass er mehr mit seinem Geld anzufangen weiß als noch schönere Paläste zu erwerben als den in Bedford bei New York, in dem Soros kürzlich seine Yogalehrerin geheiratet hat. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds war geladen, der Weltbank-Chef. Die Gäste wurden ermutigt, anstelle von Präsenten für Roma und Straßenkinder zu spenden.

Doch wie einflussreich er dank seiner Milliarden und seiner Fähigkeit, gegen Politik zu spekulieren, wirklich ist, bleibt geheimnisvoll. Transparenz ist nicht Soros’ Stärke. Wenn der Philanthrop im „Frankfurter Hof“ zum Dinner bittet, eilen deutsche Topmanager heran, die Öffentlichkeit bleibt draußen. In Berlin mietete Soros das Restaurant „Borchardt“ und ließ aus New York seinen Privatkoch einfliegen. Joschka Fischer kam, Biedenkopf, Weizsäcker. Diensthabende wie Peer Steinbrück begrüßte Soros in dessen Amtszimmer im Finanzministerium einst mit den Worten: „Sie müssen Eurobonds einführen.“

Außenminister Guido Westerwelle und Steinbrücks Nachfolger Wolfgang Schäuble haben Soros viele Male unter vier Augen getroffen, Merkels früheren G-8-Sherpa und heutigen Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann besuchte Soros im Kanzleramt. Die Bürotür der Hausherrin blieb zu, Angela Merkel ist zu vorsichtig, um sich mit Soros direkt einzulassen. Das macht den Milliardär halb wahnsinnig.

Er will gestalten, unbedingt. Als Soros im Weißen Haus einmal schier endlos auf Bill Clinton wartete, den er zum Feldzug gegen Serben-Präsident Slobodan Milošević überreden wollte, stand er irgendwann auf und ging. Der Präsident ließ ihn zurückholen und redete dann doch nur über die Börse.

In Finanzdingen konnte ihm niemand etwas vormachen

Nicht ernst genommen zu werden soll Soros in der Europa-Frage nicht passieren. Ende vergangenen Jahres brach er sich das Bein und nutzte die Zwangspause, das Manuskript seines Europa-Buches Zeile für Zeile durchzuarbeiten. Er spricht darin über das Trauma seiner Kindheit im besetzten Budapest und über den „guten Deutschen“ in der Person von Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments. Soros hat an der London School of Economics beim Philosophen Karl Popper studiert, dem Gründer der Denkschule des kritischen Rationalismus. Soros wäre selbst gern Philosoph geworden. Dazu reichte es nicht, was er sich nie verziehen hat. Er finanziert ein Popper-Archiv und schreibt. 1998 sagte Soros in einem Buch das nahe Ende des Kapitalismus voraus. Der Star-Ökonom Robert Solow verriss das Werk, die Rezension war mit „Der Amateur“ überschrieben. Das hat Soros mehr weh getan als die 700 Millionen Dollar, die er an einem einzigen Tag mit einer Spekulation verloren hatte.

Unterm Strich konnte ihm in Finanzdingen niemand etwas vormachen. Nach dem Fall der Lehman-Bank 2008 machte sein Hedgefonds Gewinn. 19 Prozent im November, 14 im Dezember, während sich die Märkte pulverisierten. Soros’ Ansehen ergibt sich aus seinem Erfolg als Spekulant. Das wird zum Problem, wenn er als Staatsmann auftritt. 2010 wurde Journalisten ein Dossier angedient, nach dem sich Soros mit anderen Hedgefonds verabredet habe, den Euro kaputtzuschießen.

Das „Wall Street Journal“ druckte die unbewiesenen Anschuldigungen. Soros bestreitet, gegen den Euro spekuliert zu haben. Aber er spekuliert. 2012 saß er im Fernsehstudio eines New Yorker Börsensenders und erzählte unbekümmert, er habe gerade für zwei Milliarden Dollar italienische Staatsanleihen gekauft, weil Zinsen von sechs Prozent „phantastisch“ seien und ohne Risiko: Die EU werde Italien niemals pleitegehen lassen. „Das wäre das Ende von Europa.“

Doch der Staatsmann Soros sagte kurz darauf: Wenn Deutschland nicht zustimme, die Schulden der EU-Staaten zu vergemeinschaften, sei der Kontinent in drei Monaten „verloren“.

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