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Caja Madrid : Schlaraffenland in Spaniens größter Pleitebank

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Reguläre Kreditkarten für ihre Spesen und Aufwandsentschädigungen hatten die Repräsentanten der Caja Madrid ohnehin Bild: Reuters

Die Caja Madrid hat ihre Führungs- und Aufsichtsratsmitglieder jahrelang mit „schwarzen“ Kreditkarten ausgestattet. Politiker und Gewerkschafter gaben so Millionen aus. Ex-IWF-Chef Rato zahlt nun Geld zurück.

          Spanien hat einen neuen Bankenskandal, und betrogene Kunden sowie Steuerzahler, die Milliarden an Rettungsgeld aufbrachten, raufen sich die Haare. Die inzwischen verstaatlichte Pleitebank Caja Madrid hat, wie eine interne Buchprüfung der Nachfolgerin Bankia jetzt ergab, ihre Führungs- und Aufsichtsratsmitglieder jahrelang mit „schwarzen“ Kreditkarten versorgt. Die Manager gaben damit offenbar missbräuchlich mehr als 15 Millionen Euro unversteuert für private Zwecke aus und sicherten sich ein zweites Zusatzgehalt von bis zu 4.000 Euro im Monat. Der ehemalige Bankia-Präsident Rodrigo Rato – zuvor Wirtschaftsminister im Kabinett von Regierungschef Aznar und geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) – gab inzwischen angeblich das zurück, was er mit seiner Karte für private Zwecke ausgegeben hatte.

          Es war sein Nachfolger als Bankia-Präsident José Ignacio Goirigolzarri, der nach der staatlichen Rettung des Kreditinstituts mit einer öffentlichen Finanzspritze von 24 Milliarden Euro vor zwei Jahren dem Spuk ein Ende setzte und die Kreditkarten sperren ließ. Er ordnete dann eine Überprüfung der Ausgaben von insgesamt 86 Führungskräften in den Jahren 2002 bis 2012 an und wurde fündig. Mit den von niemandem kontrollierten und nicht zweckgebundenen Kreditkarten hatten die Manager der Caja Madrid private Hotelaufenthalte, Reisen, Restaurantbesuche, Einkäufe im Supermarkt, Kleidung und andere Dinge für sich selbst bezahlt. Und wie im Schlaraffenland konnten sie mit ihrer Karte darüber hinaus noch nach Gusto am Geldautomaten Bares abheben. Nur vier Manager sollen sie nicht benutzt haben.

          Eine Allparteienallianz der Selbstbereicherung

          Goirigolzarri übergab die Liste mit Namen von Verdächtigen und genauen Beträgen zunächst an die Bankia-Aufseher in der spanischen Notenbank. Diese reichten sie an die Antikorruptionsabteilung der Staatsanwaltschaft weiter. Und nun ist der Fall in den Händen eines Ermittlungsrichters am Nationalen Gerichtshof.

          Zugelangt hatten sie so ziemlich alle, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Das gilt für die 65 Mitglieder des Verwaltungsrats und der Kontrollkommission der Sparkasse wie auch für die 21 Direktoren und Führungskräfte. Am reichlichsten hat sich nach der Bankia-Aufstellung der Erfinder des Systems der „B-Karten“ und ehemalige Generaldirektor Ildefonso Sánchez Barcoj bedient: 484.000 Euro in zehn Jahren. Dicht gefolgt wird er von dem Vertreter der grün-kommunistischen Partei Vereinigte Linke (IU) im Verwaltungsrat José Antonio Moral Santín: 456.000 Euro verbrauchte dieser. Dann kommt schon bald der langjährige Präsident der Caja Madrid Miguel Blesa: 436.000. Etwas weiter hinten, weil er das moribunde Kreditinstitut nur zwei Jahre führte, steht dann Rodrigo Rato: 54.000. Dabei hatten alle Bankrepräsentanten zusätzlich zur diskreten Variante „B“ noch reguläre „A“-Karten für ihre Spesen und Aufwandsentschädigungen.

          In einer Allparteienallianz finden sich auf der Verdächtigenliste Vertreter der konservativen Volkspartei Partido Popular neben Sozialisten, der Vereinigten Linken IU und den beiden großen spanischen Gewerkschaften UGT und CCOO. Sogar der Name des ehemaligen Verwaltungschefs des Königshauses unter Juan Carlos I., Rafael Spottorno, steht darauf.

          Krisenfestes Unschuldsbewusstsein

          Die neue Bankia-Führung hat nach Abschluss ihrer Revision die Kreditkarteninhaber aufgefordert, das verkonsumierte Geld zurückzugeben. Dem kamen bislang dem Vernehmen nach aber erst vier Personen, darunter Rato, nach. Von den 15 Millionen flossen dadurch rund 200.000 Euro zurück. Während der Ermittlungsrichter prüft, welche Delikte hier vorliegen könnten, hat sich bislang erst der neue Vorsitzende der Sozialistischen Partei, Pedro Sánchez, indigniert über den „Skandal“ geäußert und versprochen, in dieser Angelegenheit „unbeugsam“ zu sein. So werde die Ethikkommission der Partei selbst eine Untersuchung einleiten. Zwei Mitglieder der national wie auch in der Region Madrid regierenden konservativen Volkspartei (PP) traten unter Druck jetzt von anderen Führungsposten zurück.

          Einige der Betroffenen zeigten sich indes verwundert über die ganze Aufregung und reagierten mit dem Hinweis, man habe ihnen einst gesagt, das sei „alles legal“. Ihre Nerven und ihr Unschuldsbewusstsein waren dabei offenbar so stark, dass einige ihre Karten sogar noch nach dem Ausscheiden aus der Bankia-Führung monatelang weiter benutzten. Der Ermittlungsrichter interessiert sich daher nun besonders dafür, wer in der kritischen Phase, als das Sparkassen-Schiff schon sank, noch einmal kräftig zugelangt hat. So soll nach spanischen Zeitungsberichten vom Freitag vor allem Präsident Blesas Karte in den Monaten, als sich seine Ablösung durch Rato abzeichnete, noch einmal richtig „heißgelaufen“ sein.

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