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Schuldenkrise : Professoren im Protestmodus

Ökonomen haben in der Krise so viele Aufrufe gestartet wie noch nie. Das ist gefährlich: Werden sie als Parteigänger angesehen, wirkt ihre Wissenschaft nicht mehr neutral.

          Die „Euro-Rettung“ spaltet nicht nur Europa, sie hat auch einen Graben durch die Ökonomenzunft gezogen. Seit 2010 mit den Bail-outs für Griechenland und andere Pleiteländer der Maastricht-Vertrag endgültig gebrochen wurde, seit immer größere Kreditpakete geschnürt und Haftungszusagen gemacht wurden, ist ein erbitterter Lagerkampf ausgebrochen.

          Noch nie, so scheint es, hat es so viele Ökonomenaufrufe in Deutschland gegeben wie in den vergangenen Jahren. 2012 erregten zwei widerstreitende Aufrufe zur Eurobankenunion die Öffentlichkeit und die Politik. Jeweils Hunderte Professoren kriegten sich in die Haare. Den ersten Appell, der Kanzlerin und Finanzminister erheblich ärgerte, hatte der Dortmunder Wirtschaftsstatistiker Walter Krämer initiiert, der vor einer Sozialisierung der Bankenschulden warnte. Zum Schluss konnten sich beide Seiten auf eine gemeinsame Position einigen: Bei der Abwicklung von Pleitebanken sollten die Eigentümer und Gläubiger - und nicht die Steuerzahler - für Verluste haften.

          Nun, kurz vor der Bundestagswahl und vor der Karlsruher Entscheidung zu den EZB-Anleihekäufen, haben abermals Hunderte Ökonomen die Klingen gekreuzt. Mehr als 220 Ökonomen aus Europa und Amerika lobten die EZB und ihr Anleihekaufprogramm; das Verfassungsgericht dürfe keine Beschränkungen auferlegen. Es dauerte nicht lange, bis 136 deutsche Wirtschaftsprofessoren aufmarschierten und die Anleihenkäufe als „rechtswidrig und ökonomisch verfehlt“ geißelten. Die EZB betreibe damit verbotene monetäre Staatsfinanzierung.

          „Nicht hilfreich“ fand die CDU diesen Professorenaufruf - eine Formulierung, die einst die Kanzlerin für ein von ihr nicht gelesenes Buch zu Fragen der Demographie und Einwanderung benutzte. Die Öffentlichkeit hat der jüngste Ökonomenaufruf nicht mehr wirklich aufgerüttelt; viele Bürger sind inzwischen abgestumpft. Die unglaublichen Haftungssummen, die in der Euro-Krise auf dem Spiel stehen, übersteigen die Vorstellungskraft. Zudem gilt für Ökonomenaufrufe auch das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen. Werden sie inflationär, verlieren sie an Wert und Wirkung.

          Flammende öffentliche Ökonomenproteste sind keineswegs eine Spezialität deutscher Professoren. John Maynard Keynes protestierte einst mit einer berühmten Schrift gegen den Versailler Vertrag, weil er die Deutschland auferlegten Reparationslasten für verhängnisvoll hielt. Der seinerzeit bekannte liberale Londoner Professor Edwin Cannan veröffentlichte in der Zwischenkriegszeit das Buch „An Economist’s Protest“ gegen die Abkehr von Freihandel und freien Märkten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfestigte sich ein keynesianischer Konsens unter den Ökonomen. Als Margaret Thatcher ihn aufzubrechen begann, gab es wieder heftigen Protest. 364 britische Ökonomen griffen in einem Brief an die „Times“ den Budgetplan ihres Finanzministers an, der in der Rezession Ausgabenkürzungen vorsah. In der Weltrezession 2009 wiederum protestierten mehr als 200 liberale Ökonomen gegen Obamas riesiges Konjunkturpaket, weil keynesianische Ausgabenprogramme nach ihrer Meinung nur Strohfeuer auslösen und kontraproduktiv sind.

          Häufig hat die Politik solchen Protesten die kalte Schulter gezeigt. Manchmal zu Recht, einige Aufrufe waren Produkte des akademischen Elfenbeinturms. Manchmal zeigte sich aber auch die Arroganz der Macht, gepaart mit ökonomischer Ignoranz.

          Der Weg zur Währungsunion war gepflastert mit Warnungen von deutschen, europäischen und amerikanischen Wissenschaftlern, die eine übereilte Währungsunion mit den falschen Teilnehmern als instabil und verhängnisvoll ansahen. 1992, kurz dem Maastrichter Vertrag, protestierten 60 angesehene Ökonomen, darunter der einstige Wirtschaftsminister Karl Schiller, mit dem Manifest „Die EG-Währungsunion führt zur Zerreißprobe“. Ihre Warnung war prophetisch. Im Jahr 1998 veröffentlichten 155 Professoren den Aufruf „Der Euro kommt zu früh“. Die Kohl-Regierung ignorierte sämtliche Einwände. Für sie waren die Eurokritiker nur lästige Kläffer oder Fachidioten ohne Verständnis für den tieferen historisch-politischen Sinn des Europrojekts.

          Aus der Erfahrung überhörter Einwände ist es verständlich, dass so viele deutsche Ökonomen die Währungsunion nun erbittert kritisch sehen und grundsätzliche Alternativen zur Rettungspolitik fordern. Es ist kein Wunder, dass die Protestpartei „Alternative für Deutschland“ von einer stattlichen Zahl von Ökonomen mitgegründet wurde. Sie hat Chancen auf einen Einzug in den Bundestag. Gelänge ihr dies, würde im Parlament künftig über die „Euro-Rettung“ auf einem anderen Niveau gestritten.

          Allerdings birgt eine zu starke Politisierung der Wirtschaftswissenschaft eine Gefahr: Werden Ökonomen als Parteigänger angesehen, so schwindet der Anspruch einer neutralen Wissenschaft. Sie bewegen sich in einer Grauzone. Schon jetzt schadet der Eindruck einer permanent streitenden, uneinigen Ökonomenzunft. Andererseits ist Streit gerade in so unsicheren Zeiten unvermeidlich: Die Wissenschaft lebt vom scharfen Austausch von Argumenten.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

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