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Schuldenkrise : Greek Exit

Das Stimmungsbild in Griechenland ist eindeutig: Zurück zur Drachme will kaum jemand. 78 Prozent der Griechen wollen den Euro behalten, freilich ohne die Auflagen der Troika zu erfüllen Bild: dpa

„Helft euch selbst“, blafft jetzt sogar IWF-Chefin Christin Lagarde die Griechen an. Ein Austritt aus dem Euro wird mit jedem Tag wahrscheinlicher.

          Am Samstag ging auch der Internationale Währungsfonds auf Distanz. „Helft euch selbst“, blaffte IWF-Chefin Christine Lagarde die Griechen an, jenseits aller diplomatischen Zurückhaltung. „Die Kinder in einem kleien Dorf in Niger brauchen mehr unsere Hilfe als die Menschen in Athen“, fügte sie frech hinzu.

          Nüchterner ließ die Deutsche Bundesbank vergangene Woche verlauten, der Austritt Griechenlands sei zwar schwierig, aber „mit sorgfältigem Krisenmanagement“ bewältigbar. „Meine Präferenz ist es, dass Griechenland im Euro bleibt“, fügte EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen hinzu: „Das ist Plan A.“ Im Klartext: Umso hektischer arbeiten Notenbanker, Politiker und Ökonomen jetzt an Plan B, Griechenlands Abschied vom Euro, dem „Grexit“. Der Kurs des Euro sank am Freitag auf den tiefsten Stand seit 22 Monaten.

          Die Bevölkerung in Deutschland ist mittlerweile ohnehin für den Griechen-Austritt: Laut ZDF-Politbarometer sprechen sich 60 Prozent dafür aus. Noch im November waren es nur 49 Prozent. Überraschend ist das nicht, hat sich doch seit den Wahlen in Griechenland am 13. Mai die Lage dramatisch verändert. Das Land lebt faktisch im Ausnahmezustand, es gibt keine handlungsfähige Regierung. Ob nach neuen Wahlen am 17. Juni überhaupt eine Exekutive zustande kommt und wenn ja, in welcher Koalition - das ist völlig offen.

          78 Prozent wollen den Euro behalten

          Die Nachrichten mehren sich, dass das Land angesichts des Ausnahmezustandes viele Spar- und Reformanstrengungen erst einmal eingestellt hat. Das spiegeln auch die Meinungsumfragen: 78 Prozent der Griechen wollen zwar den Euro behalten, freilich ohne die Auflagen der Troika zu erfüllen. Die Reformen des Arbeitsmarktes mit der Freiheit, die Löhne zu senken, stagnieren, das Privatisierungsprogramm kommt nicht vom Fleck, und die Steuereinnahmen gehen zurück - weil das Land in der Rezession steckt, aber auch, weil Bürger überlegen, ob sie ihrem Pleite-Staat noch Geld geben sollen.

          Sollten diese Nachrichten einer Überprüfung standhalten, wäre der Deal mit den „Rettern“ IWF und Euroländer gebrochen, wonach es Geld nur gegen Reform geben kann. Bis heute hat Griechenland die Hälfte der zugesagten 145 Milliarden Euro vom EFSF erhalten. Hinzu kamen 1,6 Milliarden Euro aus einem 28-Milliarden-Topf des IWF.

          Will die Europäische Union beweisen, dass sie nicht erpressbar ist, müsste sie schon das nächste Kreditansinnen verweigern - im Juni braucht das Land wieder frisches Geld. Dann wäre Griechenland zahlungsunfähig. Denn die am Kapitalmarkt verlangten Zinsen von derzeit 29 Prozent kann es sich nicht leisten. Und die Europäische Zentralbank, die bislang das griechische Bankensystem mit billigem Geld am Leben erhalten hat, dürfte keinen Kredit mehr geben, denn dafür erforderliche griechische Pfänder würden wertlos.

          Nur die Möglichkeit des „Geuro“

          Wie die Weltgeschichte danach weitergeht, ist völlig offen. Sicher ist nur, dass inzwischen nicht mehr über das „ob“, sondern über die Varianten des „wie“ diskutiert wird. Ein jüngst zu Ehren gekommenes Szenario über die Einführung einer Parallelwährung stammt vom Chefökonomen der Deutschen Bank, Thomas Mayer. Danach verschwindet der Euro in Griechenland nicht völlig von der Bildfläche. Das Land brauchte, ob zwar faktisch geschehen, formal den Euro nicht zu verlassen (rechtlich wäre das ohnehin nicht möglich). Die Griechen behielten ihre Euros auf den Konten, müssten also auch nicht in Panik den Banken die Türen einlaufen. Doch der Staat hätte kein Geld mehr, seine Verpflichtungen in Euro zu bedienen. Es bliebe ihm nur die Möglichkeit, „Geuro“ genannte Schuldscheine auszugeben, um etwa die Gehälter und Pensionen seiner Beamten zu bezahlen. In ihnen steckt das - ungewisse - Versprechen, diese Scheine irgendwann wieder in Euro zu tauschen.

          Griechenland vor dem Abgrund

          So hatte es Argentinien vor zehn Jahren gemacht, als das Land die Koppelung seiner Währung Peso an den Dollar aufgab. Die Schuldscheine hießen damals Lecops. Sie sahen aus wie Geldscheine. Mit ihnen ließ sich von der Stromrechnung bis zum Taxi alles bezahlen.

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