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Schuldenkrise : Das Erfolgsrezept Europas ist die Kleinstaaterei

Kleinstaaterei bietet den Bürgern die befreiende Möglichkeit zu emigrieren Bild: Wikipedia

In der Eurokrise läuft alles auf mehr Zentralismus hinaus. Der Krisengipfel in Brüssel am vergangenen Donnerstag ist ein Markstein auf dem Weg in eine undurchschaubare Haftungsgemeinschaft. Das ist ein Verrat an Europa.

          Es war das Jahr der Euro-Einführung 1999. Das ganze Jahr lang reist der holländische Schriftsteller Geert Mak kreuz und quer über den Kontinent. Es wird eine Reise durch vielfältige Regionen und Jahrhunderte. Mak sieht eine zugewachsene Mulde an der Somme, einen schneebedeckten Wald hinter Vilnius, ein Zeitungsarchiv in München, die Kapuzinergruft in Wien und vieles mehr. Nach fast tausend Seiten randvoll mit üppiger Anschauung, aber auch mit schlecht vernarbten Reminiszenzen an die bittere Geschichte des 20. Jahrhunderts beschließt der Erzähler seinen Reisebericht mit der resümierenden Einsicht: „Die Schwäche Europas, seine Vielgestaltigkeit, ist zugleich seine große Stärke.“

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Maks Einsicht ist nichts anderes als die nachgeholte Erzählung der Theorie Europas, wie sie von David Hume, Baron de Montesquieu, Immanuel Kant und vielen anderen Denkern seit der Aufklärung aufgefaltet wurde. Folgt man dieser Theorie, so war es gerade die politische und wirtschaftliche Fragmentierung des Kontinents, ein Sonderweg, welche das „europäische Wirtschaftswunder“ begründete. Europa hat sich, anders als Asien, stets der zentralistischen Versuchung widersetzt. Nach dem Fall Roms im 5. Jahrhundert gab es kein geeintes Europa mehr.

          Das war kein Schaden, sondern Glück. Wissenschaftliche Neugierde, nutzbringende Erfindungen und wirtschaftliches Wachstum entwickelten sich im Wettstreit der Völker und Nationen. Dezentral verteilte und begrenzte Macht hat die Meinungsvielfalt gefördert, Kreativität ermöglicht, den Ehrgeiz des Wettbewerbs angestachelt und den Wohlstand genährt. Zeiten mit viel Kleinstaaterei (die Renaissance in den oberitalienischen Städten um 1500 oder die deutsche Klassik am Hofe von Weimar und anderswo) gebaren Genies und neues Wissen. Kleinstaaterei bietet den Bürgern die befreiende Möglichkeit zu emigrieren, wenn sie sich anderswo bessere Lebenschancen erhoffen. „Anstatt auf Skaleneffekte eines imperialen Großraums zu setzen, verließen sich die fragmentierten europäischen Staaten lieber auf die Flexibilität dezentraler politischer Entscheidungsfindung“, schreibt Eric Jones in seinem Bestseller „The European Miracle“. Gewiss hat die Staatenvielfalt auch die Lust geweckt, Kriege zu führen. Ob allerdings Großreiche extern wie intern friedliebender sind, hat noch niemand ausgezählt.

          Der Fluch der Zentralisierung

          Auch Deutschland, von den Historikern als „verspätete Nation“ beschrieben, weil der wissenschaftliche, technische und industrielle Fortschritt hierzulande immer etwas länger dauert, nimmt im europäischen Vergleich keine Ausnahmestellung ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es weniger der interventionistisch-wohltätige Marshallplan als vielmehr der Wettbewerb der Besatzungsmächte um die Gunst der Wähler und um die mobilen deutschen Leistungträger, der das deutsche Wirtschaftswunder in Gang brachte. General Lucius D. Clay, Chef der amerikanischen Militärregierung, fand in Ludwig Erhard einen Mann, mit dem er sich im Zonenwettbewerb sehen lassen konnte: Erhard führte die D-Mark ein, gab die Preise frei und focht erfolgreich für eine liberale Wettbewerbsordnung.

          Die Gründerväter der Europäischen Union wollten den erfolgreichen Pfad des Kontinents nicht verlassen. Denn das Freiheitsversprechen, das die EU bedeutet, bedarf keinesfalls der Vergemeinschaftung von Politik und Wirtschaft oder eines generalisierten Haftungsverbunds. Offene Handelsräume und fallende Zollschranken integrieren die Mitglieder besser und schützen (wenngleich nicht hinreichend) vor kriegerischen Verirrungen, sofern nur eine von allen akzeptierte Wettbewerbsaufsicht darüber wacht, dass der gesunde Nationalismus nicht in schädlichen Protektionismus umschlägt. Eine auf Freiheit, Friedlichkeit und Marktwirtschaft verpflichtete EU hätte auf dem überkommenen Erfolgspfad das Beste machen können. Nicht ohne Grund zählt das heute vergessene Prinzip der Subsidiarität zum Gründungsauftrag: Dezentralität war Pflicht.

          Doch von Anbeginn an trugen die europäischen Institutionen den Fluch der Zentralisierung in sich, weil sich mit einem eigenen Budget ihr Ansehen und ihre politische Macht steigern ließen und sich mit Interventionismus (gespeist aus allerlei Kohäsionsfonds) allemal mehr Freunde gewinnen ließen als nur mit stets störend wirkenden Wettbewerbskommissaren, für die Europas Politiker nur Hohn und Spott übrig haben.

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