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Ökonomen-Wettbewerb : Wie der Euro verschwinden könnte

Wachwechsel vor dem Parlamentsgebäude in Athen: Ein Euroausstieg wäre schmerzhaft, aber möglich Bild: Frank Röth

Ein Londoner Ökonomen-Wettbewerb sucht nach Wegen aus der Währungsgemeinschaft. Unmöglich wäre das nicht - es gibt historische Beispiele für zerbrochene Unionen.

          Ein Ausstieg Griechenlands aus der Europäischen Währungsunion wäre „katastrophal“, fürchtet Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Wiedereinführung der griechischen Drachme würde zu einem „Desaster“ führen, sagt José Barroso, der Präsident der EU-Kommission. „Ein Austritt würde nichts verbessern“, warnt Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Aber ist der Euro wirklich eine Reise ohne Rückfahrschein? Ein Ökonomen-Wettbewerb in London geht der Frage nach, wie ein oder mehrere Länder den Euro mit möglichst geringen Schadenswirkungen verlassen könnten. Am Dienstag hat die Jury fünf Vorschläge veröffentlicht, die sie für vielversprechend hält. Der Gewinner soll im Juli gekürt werden.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Was zunächst nach britischem Anti-Euro-Spleen klingt, ist ernstgemeint: „Uns geht es nicht um Publicity, wir suchen Antworten“, sagt Simon Wolfson, der Stifter des gleichnamigen Wirtschaftspreises. Der wohlhabende Brite, Mitglied des britischen Oberhauses und im Hauptberuf Chef einer Textilhandelskette, hat aus seinem Privatvermögen ein üppiges Preisgeld von 250.000 Pfund lockergemacht. „Wir wollen keine Eurofresser prämieren“, stellt der deutsche Ökonom und Währungsfachmann Manfred Neumann klar. Der emeritierte Professor an der Universität Bonn ist Mitglied der hochkarätig besetzten fünfköpfigen Jury des „Wolfson Economics Prize“.

          „Ausstieg darf kein Tabu sein“

          Wie könnte ein Ausstieg aus dem Euro funktionieren? Bei dieser Frage hat die Wirtschaftswissenschaft Nachholbedarf: „Das darf kein Tabu sein, man muss über diese Frage ganz kühl nachdenken, und es gibt dazu bisher nicht genügend Arbeiten“, sagt Neumann, der selbst für ein Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion plädiert. 425 Vorschläge gingen bei der Jury ein, darunter Beiträge aus fast allen EU-Ländern, aus den Vereinigten Staaten, Japan, Indien und China. Das Feld der Teilnehmer reichte von professionellen Ökonomen aus Banken und Forschungsinstituten bis zu einem elfjährigen Jungen aus den Niederlanden.

          Ein Ausstieg aus der Währungsunion wäre für Krisenländer wie Griechenland und Portugal, aber auch für die anderen Euromitglieder Chance und Risiko zugleich. Einige Eurostaaten haben inklusive der privaten Verschuldung ein sehr hohes Niveau erreicht; die Sorgen über ihre Schuldentragfähigkeit nehmen zu. Einerseits kann ein Land bei einem Euroaustritt über Nacht an internationaler Wettbewerbsfähigkeit gewinnen, wenn sein Wechselkurs flexibel wird und durch eine Abwertung Exporte verbilligt werden. Andererseits droht den Ausscheidern eine Welle der Kapitalflucht ins Ausland und in der Folge eine Bankenkrise. Dies könnte sich auch auf andere Wackelkandidaten im Euroraum übertragen, wenn erst einmal das Tabu eines Austritts gebrochen ist. Außerdem drohen lähmende Rechtsstreitigkeiten: Muss ein griechischer Schuldner seinen in Euro aufgenommenen Kredit in Drachmen oder Euro zurückzahlen?

          Drückende Schulden Bilderstrecke

          Die fünf Arbeiten, die in die engere Auswahl des Wolfson-Preises gelangt sind, nennen eine Bandbreite von Lösungsvorschlägen. Aufgeführt wird ein Katalog der Grausamkeiten. „Es wird unmöglich sein, bei der Umstellung große Ungerechtigkeiten zu vermeiden, aber das muss in Kauf genommen werden“, sagt Roger Bootle vom Londoner Beratungsunternehmen Capital Economics, dessen Beitrag es in die letzte Runde des Wettbewerbs geschafft hat.

          Der Devisenhändler Neil Record hält es, wie auch andere Teilnehmer, für dringend geboten, Pläne für eine Aufspaltung der Währungsunion möglichst lange streng geheim zu halten, um zu verhindern, dass Bürger und Unternehmen in den Ausstiegsländern ihr Geld außer Landes bringen. Danach müsse die Kapitalflucht durch zeitweilige Bankenschließungen und Kapitalverkehrskontrollen bekämpft werden. Record glaubt nicht, dass nur ein Land den Euro verlassen kann: „Wenn ein Mitglied ausscheidet, wäre die Vorstellung, dass der Euro unzerbrechlich ist, nicht mehr zu halten“, sagt der Devisenexperte und prophezeit eine Kettenreaktion bis zur vollständigen Auflösung der Währungsunion.

          Vorschlag einer Parallelwährung

          Aber was würde mit in Euro aufgenommenen Krediten geschehen, wenn die gemeinsame Währung im Extremfall komplett abgeschafft werden sollte? Jens Nordvig, Anleiheanalyst der japanischen Investmentbank Nomura, schlägt vor, zumindest einen Teil dieser Schulden in einer Kunstwährung nach dem Vorbild des Ecu abzurechnen. Der Ecu, eine Art Vorläufer des Euro, wurde aus einem Korb europäischer Währungen errechnet. Außerdem empfiehlt Nordvig, einen Markt zu schaffen, auf dem das Risiko, dass die Währungsunion zerbricht, abgesichert werden kann.

          Unter den fünf besten Vorschlägen sind auch originelle Ideen, um die Probleme der Kapitalflucht und der Rechtsunsicherheit zu lösen. Die Privatanlegerin Catherine Dobbs empfiehlt, im Falle einer Spaltung des Euroraums den Mechanismus zur Schaffung der Gemeinschaftswährung umzukehren: Der Euro verschwindet, und die Bürger in der gesamten Währungsunion erhalten dafür eine Mischung an wieder eingeführten Einzelwährungen. „Elegant und überzeugend“, findet der Jury-Vorsitzende Derek Scott diesen Vorschlag für Parallelwährungen.

          Eine tröstliche Botschaft hat Jonathan Tepper vom Beratungsunternehmen Variant Perception parat. Er verweist in seinem Wettbewerbsbeitrag schlicht darauf, dass alles schon nicht so schlimm kommen würde: „In den letzten hundert Jahren gab es 69 Fälle, in denen Währungsunionen auseinanderfielen. In fast allen Fällen war das mit geringen gesamtwirtschaftlichen Verwerfungen verbunden“. Tepper, der in Oxford Geschichte studiert hat, führt unter anderem den Zerfall des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs im Jahr 1919 und den Zerfall der Sowjetunion 1992 an. Ob es um den Zeitpunkt der Ankündigung oder die Währungsfrage bei Schulden gehe - „wir brauchen gar nicht zu theoretisieren, wie eine Aufspaltung des Euro vorgenommen werden könnte“, glaubt Tepper. „Beispiele in der Geschichte geben uns entscheidende Antworten.“

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