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Nach dem Schuldenschnitt : Droht jetzt Lehman II?

Delegationen reisten nach Athen und wieder ab, damit die Gläubiger Griechenlands auch ja freiwillig auf ihr Geld verzichten. Am Freitag kam die Pleite trotzdem Bild: Tobias Wandres

Der Weltuntergang bleibt wohl aus, obwohl die Griechen ihre Schulden nicht mehr bedienen. Aber trotz allem Optimismus ist die Gefahr noch nicht gebannt.

          Vor diesem Moment haben alle gezittert. Monatelang haben die Banken mit der griechischen Regierung verhandelt. In einer schwierigen Nachtsitzung mussten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vermitteln. Delegationen reisten nach Athen und wieder ab - alles nur, damit die Gläubiger Griechenlands auch ja freiwillig auf ihr Geld verzichten. Weil die Angst so groß war, dass nach einer erzwungenen Umschuldung das Finanzsystem zusammenbricht - so wie schon 2008, als Lehman Brothers pleiteging.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Freitag kam die Pleite trotzdem. Nur 85 Prozent der Gläubiger wollten freiwillig tauschen, 95 Prozent wären nötig gewesen. Mittags kündigte die griechische Regierung an, die meisten der übrigen Anleihen per Zwang umzutauschen. Spätabends stellte der zuständige Verband fest: Das ist ein erzwungener Schuldenschnitt - jetzt werden die Versicherungen fällig.

          Die CDS sind nicht die einzige Gefahr

          „CDS“ heißen diese Versicherungen, in Langform „Credit Default Swaps“. Ihr Sinn: Wenn Anleihen nicht zurückgezahlt werden, muss eine Bank der anderen Geld zahlen. Manchmal viel Geld. Die Folgen davon können unkontrollierbar sein. Superinvestor Warren Buffett hat solche Derivate einst als „Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet. Noch vor zwei Jahren warnte der heutige EZB-Chef Mario Draghi, CDS könnten nach einer Griechenland-Pleite ein Systemrisiko auslösen. Schließlich haben Buffett und Draghi Erfahrung mit CDS: Nach der Pleite von Lehman Brothers musste der Versicherungsriese AIG so viel Geld auszahlen, dass er deshalb zusammenbrach.

          Doch die CDS sind nicht die einzige Gefahr. Wenn Gläubiger Panik bekommen, fliehen sie demnächst auch aus den Anleihen von Portugal. Und enteignete Kläger könnten die Griechenland-Rettung mit Gerichtsprozessen behindern. Auch dass die Börsen am Freitagabend noch ruhig blieben, beruhigt die Pessimisten nicht. Sie verweisen darauf, dass die Börsen auch nach der Lehman-Pleite nicht sofort einbrachen. Damals dauerte es zwei Wochen, bis die schweren Verwerfungen an den Finanzmärkten offensichtlich wurden.

          Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer ist trotzdem optimistisch. „Ich halte das Risiko für gering“, sagt er und betont, dass Finanzmanager sich schon lange auf die Umschuldung eingestellt hätten. Im vergangenen halben Jahr sei viel über eine neue Rezession geredet worden. „Der Vollzug wird die Märkte nicht mehr sonderlich bewegen.“ Nicht mal die CDS seien eine große Gefahr, weil weltweit nur wenige Milliarden auszuzahlen seien.

          70 Milliarden Dollar brutto müssen von Bank zu Bank fließen

          Auf diese Zahl verweisen Bankmanager häufig: Statistiker der amerikanischen Organisation DTCC haben erfragt, dass weltweit insgesamt 3,2 Milliarden Dollar an CDS ausgezahlt werden müssen. Doch der Markt ist unübersichtlich - niemand weiß, wie genau die Zahlen sind. Schlimmer noch: Die 3,2 Milliarden Dollar sind nur der Nettowert der Zahlungen, wie der Stresstest der europäischen Bankenaufsicht vom Ende des vergangenen Jahres zeigt. Zwischendurch muss noch viel mehr gezahlt werden.

          Beispiel Deutsche Bank: Zwar verliert sie nach der Griechenland-Pleite theoretisch weniger als 100 Millionen Euro aus CDS und anderen Kreditderivaten. Doch zunächst muss sie 4,4 Milliarden Euro zahlen - sie kann nur hoffen, dass sie selbst 4,3 Milliarden Euro von anderen Banken zurückbekommt. Ähnlich geht es der britischen Bank Barclays. Auch sie muss erst mal 4,4 Milliarden Euro an andere Banken überweisen. Insgesamt müssen brutto 70 Milliarden Dollar von Bank zu Bank fließen, das meiste davon außerhalb Europas.

          Bei der Pleite von Lehman Brothers funktionierte die Verrechnung von Brutto zu Netto nicht zuverlässig. Manche Bank musste schon Milliarden zahlen, obwohl sie ihr eigenes Geld noch gar nicht bekommen hatte. Und als der Versicherungsriese AIG ob seiner eigenen CDS-Verluste in die Knie ging, waren plötzlich weitere Banken gefährdet. Auch die Deutsche Bank bekam damals Geld vom amerikanischen Staat, der für AIGs Schulden einsprang, um noch größere Schwierigkeiten zu verhindern.

          Theoretisch müsste alles gutgehen

          Zwei Dinge sind heute anders als damals. Zum einen sind viele Krisenmechanismen heute schon in Kraft, die damals erst mühsam eingeführt werden mussten. Der Bankenrettungsfonds besteht und kann schneller eingreifen, auch die Europäische Zentralbank ist mit Krediten enorm großzügig.

          Zum anderen hatten Banken und Aufseher inzwischen Monate Zeit, sich auf die Pleite vorzubereiten. „Lehman kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel“, sagt Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim. „Ich hoffe, die Manager haben dieses Mal ihre Zeit genutzt, um sich vorzubereiten.“

          Theoretisch müsste also alles gutgehen, sagt Burghof. „So, wie auch ein Auto theoretisch nicht liegenbleiben dürfte.“ Was tatsächlich passiert, werden erst die kommenden Wochen zeigen.

          Mein Geld ist weg: F.A.S.-Redakteur Patrick Bernau spürt den Schuldenschnitt

          Schluss. Aus. Alles vorbei. Ganz unscheinbar lag der Brief im Kasten, wie ein Kontoauszug. „Die Republik Griechenland bietet Ihren Anleiheninhabern an, an der geplanten Umschuldung mitzuwirken“, stand da. Bietet an? Das war wohl ein schlechter Witz. Genötigt worden sind wir, mit fiesen Drohungen erpresst. Commerzbank-Chef Martin Blessing hat es ausgesprochen: „Das ist so freiwillig wie ein Geständnis in der spanischen Inquisition“, hat er gesagt. Ich habe mich nicht erpressen lassen, ich habe abgelehnt. Aber jetzt verliere ich mein Geld trotzdem.

          So war das nicht vorgesehen. „Eine Umschuldung ist kein Thema“, hatte Finanzminister Wolfgang Schäuble versprochen, damals vor zwei Jahren, als ich die Anleihe kaufte. Ich habe ihm geglaubt. Er lässt die Banken nicht zahlen, dachte ich. Das hieß für mich: Griechenland wird mit meinen Steuern gerettet. Die wollte ich mir zurückholen. Sieben Prozent Rendite versprach die Anleihe damals.

          Jetzt mache ich mindestens 70 Prozent Verlust. Klar, wir Gläubiger bekommen neue Anleihen. Doch die Schwindelei geht weiter: Auf den Anleihen steht, sie seien fast die Hälfte der alten Anleihen wert – aber das glaubt niemand. Griechenland ist ja immer noch nicht gerettet. An der Börse hätte ich für die Anleihe zuletzt noch 20 Prozent vom Nennwert bekommen. Immerhin habe ich die Anleihe billiger gekauft und zwischendurch Zinsen bekommen. So bleiben mir insgesamt 30 Prozent meines Geldes.

          Wenn mein Verlust wenigstens Griechenland helfen würde. Aber Griechenland hat ja nach der Umschuldung fast genauso viele Schulden wie vorher. Was wir Privatgläubiger erlassen, kommt großteils als neuer Kredit von den Eurostaaten wieder obendrauf. Weil Griechenland mit seinem Geld immer noch nicht auskommt.

          Was bleibt also? Meine Steuern sind weg, mein Geld ist weg. Und Griechenland ist immer noch nicht gerettet.

          Vielleicht kommt eine Idee aus Spanien: Dort arbeitet ein Wirtschaftsprofessor. Per Mail fragt er, ob ich eine Klage von Privatanlegern auf die Beine stellen will. Aber wer würde Griechenland für mich pfänden? Oder soll ich doch noch eine Insel in der Ägäis besetzen? Erst mal halte ich mich an Schäuble schadlos, das ist leichter. Meine Verluste schreibe ich in die Steuererklärung.

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