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10 Jahre Finanzkrise : Lehman und die Krise des Westens

Ein Bild der Krise: Ein Aktienhändler reibt sich Mitte September 2008 in der Börse von New York die Augen Bild: AP

Die größte Finanz- und Weltwirtschaftskrise seit einhundert Jahren ist nicht ausgestanden. Denn auch sie ist eine Vertrauenskrise. Und ihre finanziellen und politischen Kosten sind gewaltig.

          Die Weltwirtschaft brummt, Deutschland sonnt sich im Boom, Berlin gibt Mehreinnahmen mit beiden Händen aus, in New York eilen Technologieaktien von einem Rekord zum nächsten, und Amerikas Banken sind mächtiger denn je. Zehn Jahre nach dem Untergang von Lehman Brothers, einer nur mittelgroßen Investmentbank, scheint alles wieder im Lot. Die große Ausnahme ist die Europäische Zentralbank, die noch immer eine Geldpolitik betreibt, als befände sich die Eurozone auf dem Höhepunkt der Krise.

          Ist die größte Finanz- und Weltwirtschaftskrise seit einhundert Jahren ausgestanden? Nein. Denn auch diese Finanzkrise ist eine Vertrauenskrise. Die Sorgen um den Wert des Geldes zusammen mit den gigantischen Rettungskosten, für die der Steuerzahler aufkommen musste, erschütterten das Grundvertrauen in Staat, Politiker und Institutionen. Politisch lässt sich eine Linie von der Finanzkrise bis zum Brexit und der Wahl von Donald Trump in Amerika ziehen. Für die meisten steht heute fest: Marktversagen, Deregulierung und Neoliberale sind schuld an allem. Dabei stand am Anfang der Wunsch von Präsident Clinton, alle Amerikaner zu Hausbesitzern zu machen. Deshalb finanzierten halbstaatliche Hypothekenbanken den Hauskauf für alle, Kredit bekam auch, wer ohne Einkommen war. Die Kredite wurden gebündelt und an Banken verkauft. Als die Zinsen stiegen, platzte die Immobilienblase, an den Börsen stürzten die Kurse, niemand wusste, wer die plötzlich wertlosen Kreditpakete in der Bilanz hatte, keine Bank traute einer anderen.

          Politiker und Notenbanker reagierten richtig, schnell und entschlossen. Nach dem Fall von Lehman wurden Banken und Versicherungen in Serie gerettet, mit Staatshilfen und auch, indem die Zentralbanken die Zinsen auf null drückten und die Kapitalmärkte mit Liquidität fluteten. In Berlin gab es einen historischen Moment. Als die Stimmung von nervös zu panisch zu kippen drohte, trat Bundeskanzlerin Merkel mit ihrem damaligen Finanzminister Steinbrück vor die Kameras: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein.“

          Die Rettung deutscher Banken dürfte etwa 70 Milliarden Euro kosten

          Von zentraler Bedeutung war neben den beiden Konjunkturpaketen in Höhe von jeweils 50 Milliarden Euro die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes als Brücke für die Beschäftigung. So wurden Massenentlassungen vermieden – und als dem Konjunktureinbruch ein Aufschwung folgte, konnten deutsche Unternehmen mit ihrer Stammbelegschaft durchstarten.

          Die finanziellen Kosten der Krise sind gewaltig – die politischen ebenso. Die Rettung deutscher Banken dürfte etwa 70 Milliarden Euro kosten. Weil der Banken- die Euro-Krise folgte, sind die Kosten natürlich viel höher. Allein an Griechenland wurden 288 Milliarden Euro Hilfskredite ausbezahlt. Die Rettung koste kein Geld, Hellas habe keine Transfers erhalten, behaupten Politiker bis heute. Doch das stimmt nicht. Das Bundesfinanzministerium beziffert die deutschen Kosten für die Stundung der Zinszahlung auf 34 Milliarden Euro. Ob Griechenland im Jahr 2060 seine letzte Kredittranche zurückzahlen wird, weiß kein Mensch. Sicher ist nur, dass bis dahin kein Verantwortlicher mehr im Amt sein wird.

          Zehn Jahre nach Lehman scheint das globale Finanzsystem stabiler, Banken und Märkte sind mit einem dichten Regulierungsnetz überzogen, die Aufsicht ist zupackender, und die Banken verfügen über etwas mehr Eigenkapital, um Schocks abfedern zu können. Ein Jammer jedoch ist, dass aus wichtigen Erkenntnissen nicht die richtigen Lehren gezogen wurden. Das zentrale marktwirtschaftliche Prinzip, wonach Chance und Risiko, also Entscheidung und Haftung, in eine Hand gehören, wird durch den Euro-Krisenfonds, das EZB-Zahlungssystem und die Vergemeinschaftung der Einlagensicherung immer weiter unterhöhlt. Auch die Lektionen, dass der Kauf von Staatsanleihen für eine Bank ein Risiko ist und Banken nicht zu groß werden dürfen, weil eine Großbank ohne Staatshilfe nicht abgewickelt werden kann, wurden leider nicht gelernt.

          Das Vertrauen in demokratische Entscheidungsprozesse hat gelitten

          Nie wieder Lehman! Diese Lehre zogen geschockte Politiker. Doch die Methode, multiple Schuldenkrisen mit noch mehr Schulden zu bekämpfen, hat Konsequenzen. Der staatliche und private globale Schuldenberg ist sprunghaft gewachsen, auf unvorstellbare 169 Billionen Dollar. Die Autorität der Eliten ist untergraben, weil der Finanz- und Euro-Krise schmerzhafte Sparmaßnahmen folgten. Das Vertrauen in die Rationalität demokratischer Entscheidungsprozesse litt auch darunter, dass der Souverän nicht gefragt wurde, ob mit Merkels „Willkommenspolitik“ Millionen Migranten in die EU gelockt werden sollen. Dass man angeblich Grenzen nicht schützen und der Staat nicht darüber entscheiden könne, wer ins Land kommt, zerstörte bei vielen den Rest an Vertrauen.

          Aufgrund der Vertrauenserosion ist auch die Europa spaltende Flüchtlingspolitik eine Nachwirkung von Lehman. Ein wachsender Teil der Wähler macht das Kreuz bei Protestparteien, weshalb man inzwischen von einer Krise der liberalen Demokratien des Westens sprechen muss. Kommt vielleicht die nächste große Krise gar nicht vom Finanzmarkt, sondern aus dem Herzen der Demokratie?

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