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Krisenmanagement : Zombie-Banken verlängern die Krise

Bild: Peter von Tresckow

Werden insolvente Banken am Leben erhalten, lähmen sie ganze Volkswirtschaften. Japan ist ein warnendes Beispiel. Es gibt auch schon Parallelen in Europa.

          Derzeit konzentriert sich die Rettungspolitik in Europa darauf, einen Zusammenbruch des Finanzsektors zu vermeiden. Doch eine fehlgeleitete Rettungspolitik kann längerfristig erhebliche volkswirtschaftliche Schäden anrichten. Im schlimmsten Fall droht, was Ökonomen als „Zombie-Plage“ bezeichnet haben. Das Wort wurde erstmals in den späten achtziger Jahren in Amerika für Banken verwendet, die eigentlich tot waren, aber nicht vom Markt verschwanden, weil Zentralbanken und Regulatoren sie künstlich am Leben erhielten. Am schlimmsten hat es Japan erwischt, das lange unter massenhaften Zombie-Banken und -Unternehmen litt. Heute könnte Ähnliches in Europa drohen. Die Gefahr sei „sehr ernst“ zu nehmen, meint Bundesbank-Vizepräsidentin Sabine Lautenschläger.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Wie gravierend die volkswirtschaftlichen Auswirkungen sein können, zeigt das Beispiel Japan. Sein Abstieg begann, nachdem in den frühen neunziger Jahren eine gigantische Immobilienpreis- und Finanzblase platzte. Die Aktienkurse stürzten um rund 60 Prozent ab, Preise für Häuser und Bauland fielen um 50 Prozent, es begann eine schwere Rezession. Etwa ein Viertel der japanischen Bankaktiva war notleidend, schätzt Richard Werner, Finanzprofessor an der Universität Southhampton und einer der besten westlichen Japan-Kenner. Viele Banken hätten wegen Überschuldung schließen müssen, aber sie betrieben ein durchsichtiges Spiel, um Abschreibungen zu vermeiden: Sie verlängerten Kredite an notleidende Kunden und hielten so Scheinwerte in ihren Bilanzen. Japans Zentralbank unterstützte das durch ihre Niedrigzinspolitik, um eine vermeintliche Kreditklemme zu vermeiden. So wurden die Probleme unter den Teppich gekehrt, und die Regulatoren drückten beide Augen zu.

          Auch in Deutschland siechen Bad Banks vor sich hin

          Die Folgen dieses Verdrängens waren fatal, wie Richard Caballero, Professor am Massachusetts Institute of Technology, und die Ökonomen Takeo Hoshi und Anil Kashyap in einem Aufsatz in der „American Economic Review“ analysiert haben. Das „Zombie-Lending“ führte dazu, dass Japan zwei Jahrzehnte in Rezession und Stagnation verharrte. Denn der normale Wettbewerbsprozess wurde ausgeschaltet. Statt der „kreativen Zerstörung“, die Joseph Schumpeter als Triebkraft des Kapitalismus hervorhob, gab es eine wirtschaftliche Sklerose. Eigentlich tote Unternehmen banden Ressourcen, waren wenig produktiv und lebten von subventionierten Zinsen. Nach Berechnung der drei Ökonomen waren anfangs 5 bis 15 Prozent, um die Jahrtausendwende bis zu 30 Prozent aller Firmen davon abhängig. Der „Aufstieg der Zombies“, wie es die drei Forscher nennen, lähmte das ganze Land. Auch immer neue Konjunkturprogramme bewirkten nur Strohfeuer und konnten die Wirtschaft nicht beleben. Es blieb ein gigantischer Schuldenberg von inzwischen mehr als 220 Prozent der Wirtschaftsleistung.

          Entscheidend für eine Bereinigung ist die Dosis der Rekapitalisierung. Vielfach war die Kapitalinjektion in Japan ungenügend, wie Mariassunta Giannetti (Stockholm School of Economics) und Andrei Simonov (University of Michigan) nachweisen. Viele Banken blieben zu schwach zum Leben, hatten aber auf dem Papier gerade zu viel zum Sterben; daher klammerten sie sich an die Kreditbeziehungen zu ihren Zombie-Kunden. In den Fällen, wo Banken viel Kapital erhielten, war ein Neustart möglich. Diese Institute räumten die Leichen aus dem Keller und gaben Kredite an neue, produktivere Unternehmen, doch gelang dies zu selten.

          In Europa drohen nun unerfreuliche Parallelen zu dieser Geschichte, warnen Beobachter. Vor allem in Südeuropa werden insolvente Banken mit Steuerzahler- und Notenbankgeld am Leben erhalten, sagt Yalman Onaran, Finanzjournalist und Autor des Buchs „Zombie-Banken“. Er lobt die marktwirtschaftliche Überwindung der Krise in Island. Dort gab es einen radikalen Schnitt: Die Bankenriesen wurden aufgespalten, die guten Teile verkauft, der Rest wurde abgewickelt. Nicht die Steuerzahler, sondern die Gläubiger und die Einleger trugen die Verluste. In Irland wurden die Großbanken, die dem Land beinahe das Genick gebrochen haben, aufgespalten und die Altlasten der Anglo Irish in eine Bad Bank ausgelagert. Die Schulden dieses Zombies werden die Steuerzahler noch in Jahrzehnten spüren. In Deutschland siechen die Bad Banks der Hypo Real Estate und der Landesbanken vor sich hin. Einige Landesbanken haben kein überzeugendes Geschäftsmodell - auch sie könnten als Zombies bezeichnet werden.

          Ganze Staaten werden künstlich am Leben erhalten

          Am heikelsten ist die Situation in Südeuropa, nicht nur in Griechenland, dessen Banken offensichtlich nur durch den Zentralbank-Tropf erhalten werden, sondern auch in Spanien. Die Bücher spanischer Banken sind voll mit faulen Immobilienkrediten. Etwa die Hälfte der 67.000 spanischen Immobilienentwickler schätzen Beobachter als „Zombies“ ein, die ihre Kreditgeber zu infizieren drohen. Die beiden Großbanken können wohl aus eigener Kraft überleben, da sie im Auslandsgeschäft genügend Gewinne machen. Düster sieht dagegen die Lage der regionalen Sparkassen aus. Regierung und Zentralbank haben die Probleme dort lange verdrängt. Durch Notfusionen ist die Zahl der Cajas von 45 auf 11 gesunken, doch sind sie dadurch nicht kapitalstärker geworden. Die notwendige Bilanzverkürzung verstärkt nun kurzfristig die Rezession.

          Ob die angeschlagenen Länder aus der Krise finden, hängt entscheidend von einer tiefgreifenden Bereinigung der Bankenprobleme ab. EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia, der für Auflagen zur Restrukturierung zuständig ist, hat als Losung ausgegeben: „Wir können uns keine Zombie-Banken mehr leisten.“ Das Problem könnte aber schon viel höher liegen: Nicht nur viele Banken, sondern auch ganze Staaten sind insolvent und nicht wettbewerbsfähig, werden aber durch Hilfskredite künstlich am Leben erhalten. Der um starke Formulierungen nie verlegene britische Finanzhistoriker Niall Ferguson warnt deshalb, die Währungsunion insgesamt werde zur „Zombie-Union“.

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