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Kommentar : Niedrigzins-Diktat

Warum soll ein normaler Mensch heute sein Geld zur Bank bringen? Der Zins wird gefressen von der Inflation.

          Die Europäische Zentralbank fährt mit ihrer rigorosen Niedrigzinspolitik seit langem ein Programm, das die Sparer bestraft. Die jüngste Leitzinssenkung auf jetzt 0,5 Prozent verschärft die Sanktionen sogar noch. So tief stand der Leitzins nie seit Einführung der Gemeinschaftswährung 1999.

          Was aus Niedrigstzinsen folgt, ist eine Form der Sparer-Enteignung. Die deutsche Versicherungswirtschaft meldet, dass im vergangenen Jahr die Kunden der Lebenversicherer zinsbedingte Mindereinnahmen von vier Milliarden Euro erlitten haben. Und Kapital-Lebensversicherungen sind nur eine von mehreren als sicher angesehenen Anlageklassen. Die entgangenen Erträge aus anderen Sparformen dürften noch viel höher sein.

          Mit dem Niedrigzinsdiktat der Europäischen Zentralbank verschwindet der Anreiz zum Sparen. Warum soll ein normaler Mensch heute noch sein Geld zur Bank bringen? Der kümmerliche Zinsertrag wird gefressen von Inflation und Transaktionskosten. Das durchschnittliche Zinsniveau beim Tagesgeld beträgt derzeit 0,73 Prozent bei einer Preissteigerungsrate von 1,2 Prozent. Die finanzielle Repression ist längst zum Alltagsphänomen geworden.

          Niedrigzinsphasen sind Gift für Banken

          Dazu kommen neue Unsicherheiten, was die Stabilität von Geldinstituten selbst angeht. Niedrigzinsphasen sind Gift für Banken. Das hat man aus zahllosen historischen Beispielen gelernt. Seit Zypern weiß man auch, dass die Sparer im Spiel sind, wenn es künftig kippende Banken in Europa zu stützen gilt. Im Fall der Bankinsolvenz sollen künftig deren Eigentümer, deren Anleihenbesitzer und eben auch die Sparer haften. Die EU-Kommission will das so, die Bundesregierung ist ganz offensichtlich damit einverstanden.

          Die Sparer reagieren: Sie schichten ihr Geld um in Sparformen, die ihnen erlauben, das Geld sofort flüssig zu machen. Die Bundesbank spricht von einem „Trend zu liquideren Anlageformen“. Sparbriefe dagegen werden aufgelöst. Die Leute halten ihr Pulver trocken, damit sie es schnell abziehen können, sobald neue Bankenkrisen drohen.

          Ein neues Phänomen: das Angst-Konsumieren

          Gleichzeitig gibt es ein neues Phänomen: das Angst-Konsumieren. Der Konsumklima-Index der Nürnberger Konsumforscher GfK ist im Mai so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr. Die Leute gehen einkaufen, statt das Geld für kümmerliche Zinsen zu fragilen Banken zu tragen. Klingt auch irgendwie nachvollziehbar. Aber ist das Geld damit gut ausgegeben?

          Nein. Die europäische Rettungspolitik entmutigt die Sparer, die eigentlich beflügelt werden müssten, Geld fürs Alter zurückzulegen. Deutschland teilt mit den meisten EU-Ländern das Los, dass die Gesellschaft altert. Die Notwendigkeit privater Vorsorge ist deshalb ungebrochen. Das gilt vor allem für die jungen und mittleren Generationen, die sich weniger auf die gesetzliche Rente verlassen können als die Älteren.

          Niedrigzinspolitik animiert Wirtschaftsakteure nicht nur, das Sparen zu unterlassen, sondern auch zum Schulden machen. Denn Kredite sind zumindest in Deutschland wahnsinnig billig geworden. Erfahrungen lehren, dass in Phasen des billigen Geldes auch in den größten Unsinn investiert wird. Die zyprischen Banken etwa hatten vor dem Crash ein vergleichsweise günstiges Zinsniveau genutzt, um sich mit griechischen Staatsanleihen vollzusaugen. Das ist dann nicht so gut gelaufen für alle Beteiligten.

          Man muss ja nicht viel von den ganzen Finanzkrisen der letzten Jahre verstanden haben, um doch wenigstens eine Ursache klar identifizieren zu können: zu viele Schulden bei Unternehmen einschließlich Banken, bei Privatleuten und bei den Staaten. Eine Geldpolitik, die eine solche Verschuldungslage begünstigt, ist ziemlich schwer zu schlucken.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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