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Niedrige Zinsen : Profitiert Deutschland von Griechenlands Krise?

Eitel Sonnenschein? Profitiert Deutschland wirklich von der Krise Griechenlands. Bild: dpa

Nach einer neuen Analyse des Forschungsinstituts IWH profitiert Deutschland von Griechenlands Krise - sogar dann, wenn alle Hilfskredite verloren wären. Andere Ökonomen widersprechen.

          Sind die Deutschen bei der Schuldenkrise im Euroraum die Zahlmeister, weil sie den größten Teil der Hilfspakete bereitstellen, oder sind sie gar große Gewinner, die von niedrigen Zinsen profitieren? Letztere Ansicht vertritt in einer aktuellen Studie das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) (hier das Original, in Englisch). „Deutschland hat finanziell stark von der Griechenlandkrise profitiert“, sagt IWH-Chef Reint Gropp. Er bezieht sich dabei ausschließlich auf die Ersparnisse des deutschen Staats durch die geringeren Zinsen.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Die Ökonomen um Gropp haben mit einer Simulation errechnet, dass Deutschland bei einer unabhängigen Geldpolitik in den Jahren 2010 bis heute um rund 3 Prozentpunkte höhere Zinsen auf Staatsanleihen zahlen hätte müssen. Daraus ergebe sich, dass Deutschland mindestens 100 Milliarden Euro Einsparungen hatte.

          Der ausgeglichene Staatshaushalt sei zum großen Teil auf diese Zinseinsparungen aufgrund der Schuldenkrise zurückzuführen. Deutschland zahle deshalb so niedrige Zinsen, weil es unter Investoren als sicherer Hafen gelte. Ein erheblicher Faktor sei dabei die Krise in Griechenland. Immer wenn von dort schlechte Nachrichten kamen, fielen nach Beobachtung der IWH-Ökonomen die Zinsen auf deutsche Anleihen relativ zu anderen Länderanleihen. Das belege, dass Deutschland von der Griechenlandkrise direkt profitiert habe, betonte Gropp. Dies gelte sogar dann, wenn alle staatlichen Hilfskredite an Griechenland verloren seien. In diesem Fall hätte Deutschland rund 90 Milliarden Euro Verlust. Die Zinsersparnis sei aber größer.

          Finanzwissenschaftler äußerten Kritik und Einwände gegen die Studie des IWH. „Nicht Deutschland profitiert von den Niedrigzinsen, sondern die verschuldeten öffentlichen Körperschaften, also Bund, Länder und Kommunen“, sagte der Finanzwissenschaftler Lars Feld der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Was der Fiskus und damit der Steuerzahler an Zinsaufwand spare, büßten auf der anderen Seite die Bürger in ihrer Eigenschaft als Sparer ein. „Die Sparer sind deutlich mehr geschädigt, das muss man gegenrechnen“, sagte Feld.

          Dieses Argument will Gropp indes nicht gelten lassen. „Die Sparer sollten dann anders investieren, etwa indem sie Aktien oder Immobilien kaufen“, sagte er. Auch der Finanzwissenschaftler Clemens Fuest kritisierte jedoch Gropps Aussagen. „Wenn die Staatsanleihen von Inländern gehalten werden, dann ist der Zinsrückgang kein Gewinn für Deutschland, sondern lediglich eine Umverteilung von den Bürgern zum Staat“, sagte der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Insgesamt sei das Niedrigzinsumfeld kein Gewinn. Die Deutschen seien nämlich insgesamt nicht verschuldet, sondern Nettosparer. „Daher verlieren sie insgesamt bei niedrigen Zinsen.“

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