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Schuldenkrise : Ökonomen warnen vor „faulem Kompromiss“ mit Griechenland

  • Aktualisiert am

Auf einem Graffiti in Athen wird der Euro zu Grabe getragen. Bild: AFP

Selbst wenn Griechenland und seine Gläubiger sich in dieser Woche noch einigen - von einer stabilen Lösung ist man auch dann noch weit entfernt, befürchten führende deutsche Ökonomen. Das Regelwerk der Währungsunion werde weiter beschädigt.

          Die angepeilte Einigung im Schuldenstreit mit Griechenland stößt bei führenden deutschen Ökonomen auf Kritik. „Das dürfte ein fauler Kompromiss werden, der vom ursprünglichen Grundgedanken der Rettungspolitik abweicht - nämlich Auszahlung von Krediten nur gegen nachgewiesene, umgesetzte Reformen“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer am Dienstag. „Von diesem Grundsatz wird man wohl abgehen und sich mit bloßen Reformversprechen begnügen. Das wird das Regelwerk der Währungsunion weiter beschädigen.“

          Andere Experten kritisieren, dass Athen zu sehr auf Steuererhöhungen und zu wenig auf wachstumsfreundliche Reformen setze. „Besser wäre, das Renteneinstiegsalter schneller anzuheben anstatt die Beiträge zum Rentensystem zu erhöhen“, sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. „Ersteres erweitert das Angebot an Arbeitskräften, das zweite macht Arbeit teurer.“

          Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sieht das ähnlich. „Das Land ist chronisch nicht wettbewerbsfähig“, sagte er im Deutschlandfunk. „Selbst wenn man diese Schuldenkrise löst, löst es das Problem ja nun nicht.“ Allein mit Geld könnte man kein Land wettbewerbsfähig machen. Ohne eine Rückkehr zur Drachme und einer Abwertung werde dies wohl kaum gelingen. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte er am Wochenende, dass der öffentliche Diskurs darüber völlig verzerrt und falsch sei. „Der Staatsbankrott wird für die Griechen hart, aber der Grexit nach dem Bankrott ist die Rettung.“

          Hans-Werner Sinn wirbt für den Grexit.

          Die Gefahr einer raschen Staatspleite sehen die Ökonomen bei einer Einigung aber zunächst gebannt. „Aber wir sind von einer stabilen Lösung noch um einiges entfernt“, sagte der Chefvolkswirt der BayernLB, Jürgen Michels. Griechenland scheine aber nach langem Zögern den Forderungen der Gläubiger entgegenzukommen. „Die Kuh wehrt sich nicht mehr, um vom Eis zu kommen - aber steht noch auf glattem Untergrund“, sagte Michels. „Denn ohne Gegenleistung von europäischer Seite wird Athen einem Deal nicht zustimmen. Das läuft auf Schuldenerleichterungen zu einem späteren Zeitpunkt hinaus, wofür es wiederum eines dritten Hilfspakets bedarf.“

          Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer erwartet, dass die Gläubiger eine Staatspleite unbedingt verhindern wollen. „Die Regierungen der Kreditländer müssten ihren Wählern sonst erklären, dass ein Großteil der Hilfen verloren ist“, sagte er. „Allein Deutschland steht für gut 80 Milliarden Euro gerade. Das einzugestehen, ist sehr unangenehm und schafft starke Anreize, doch einen Kompromiss zu machen.“

          Die Euro-Staaten wollen den Schuldenstreit mit Griechenland bis Mittwochabend lösen. Bis dahin sollen Experten von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) die neuen Reformvorschläge aus Athen geprüft haben. Die Finanzminister der Euro-Zone könnten anschließend grünes Licht für weitere Finanzhilfen geben. Auf diesen Fahrplan legten sich die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone zusammen mit Griechenland am Montagabend auf einem Sondergipfel fest.

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