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IWF-Analyse : Alles noch viel schlimmer in Griechenland

Ein Demonstrant am Dienstag vor dem Parlament in Athen. Bild: AP

Die Griechen können ihre Schulden nicht mehr tragen, sagt der Internationale Währungsfonds. Die Organisation geht damit auf Konfrontationskurs mit Deutschland.

          Griechenlands Schulden sind nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds fast untragbar geworden. Das ist das Ergebnis einer frischen Analyse der Institution, die damit ihre eigene Untersuchung von vor zwei Wochen revidiert. Die Experten rechnen nun vor, dass Griechenland bis Ende 2018 rund 85 Milliarden Euro benötigt, vor zwei Wochen galten noch 50 Milliarden Euro. Der Schuldenberg werde binnen der nächsten zwei Jahre knapp 200 Prozent des griechischen Bruttoinlandproduktes erreichen, vorausgesetzt, man verständigt sich auf ein Restrukturierungsprogramm. Die gravierende Neubewertung führt der Währungsfonds auf den aktuellen Verfall der griechischen Volkswirtschaft und die Bankschließungen zurück, die eine Abwärtsdynamik unterstützt hätten. Um die Schuldenlast für das Land tragbar zu machen, sei nun ein Schuldenerlass nötig, der weit über das hinausgehe, was die europäischen Kreditgeber bisher zugestehen wollten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Der Währungsfonds fordert damit de facto einen Schuldenschnitt, den Bundeskanzlerin Angela Merkel bisher strikt abgelehnt hat. Der Währungsfonds hatte zwar seine Präferenz für einen Schuldenerlass nicht verborgen, bisher aber offiziell die Linie vertreten, man gebe keine Empfehlungen. Diese Position hat der Währungsfonds nun geändert. Bisher waren die Europäer davon ausgegangen, dass es trotz der sich verschlechternden Lage in Griechenland reichen würde, die Laufzeiten der bisherigen Kredite zu strecken und neue Kredite unter gleich günstigen Konditionen auszugeben.

          Schon jetzt ist klar, dass Griechenland mehr Geld braucht

          Doch die vergangenen zwei Wochen hätten nun zu einem weiteren Verfall der Volkswirtschaft geführt und damit ihre Fähigkeit verkleinert, hohe Schulden zu schultern. Auch wenn eine komplette Analyse der Schuldentragfähigkeit noch nicht möglich sei, sei jetzt schon klar, dass Griechenland mehr Geld brauche. Der Währungsfonds führt aus, dass diese Analyse noch auf optimistischen Annahmen fuße. Zu den Unterstellungen gehöre, dass die Politik über lange Jahre einen Haushaltsüberschuss verteidige, den kaum ein Land vorweisen könne. Ferner, dass durch Reformen eine hohe Produktivität als Voraussetzung für Wachstum erreicht werde. Und schließlich: dass sich das komplett marode Bankensystem fängt.

          Der Währungsfonds macht seine Zweifel an der Ausdehnung der Laufzeiten deutlich und nennt als Alternativen jährliche Subventionen an den griechischen Haushalt oder einen tiefen Schuldenschnitt. Die Empfehlung des Währungsfonds entbehrt nicht der Pikanterie: Für die Kredite des Währungsfonds an Griechenland verbietet sich ein Schuldenschnitt. Zugleich würde ein solcher Haircut der Europäer die Kredite, die der Währungsfonds selbst Griechenland gewährt hat, sicherer machen.

          Der amerikanische Finanzminister Jack Lew, der vermutlich auch einen Schuldenerlass für Griechenland erwartet, trifft sich am Donnerstag mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, um über Griechenland zu sprechen. Noch am selben Tag fliegt er nach Paris zu Gesprächen mit dem französischen Finanzminister Michel Sapin. Heute kommt Lew nach Angaben aus seinem Ministerium mit dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, in Frankfurt zusammen.

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