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Athen zahlt IWF-Rate nicht : Ein Desaster für den Internationalen Währungsfonds

Weit weg: Die Zentrale des Internationalen Währungsfonds in Washington. Bild: dpa

Athen kann für den IWF zum Milliardengrab werden. Ein Viertel aller ausgegebenen Kredite des Fonds steckt in Griechenland. Die Konsequenzen für die angeschlagene Institution sind absehbar.

          Für den Internationalen Währungsfonds (IWF), einen der drei öffentlichen Kreditgeber Griechenlands, kommt es ziemlich schlimm, nachdem nun klar ist, dass Griechenland die fällige Kreditrate in Höhe von 1,54 Milliarden Euro (1,7 Milliarden Dollar) am Dienstag nicht gezahlt hat. Griechenland schuldet dem Währungsfonds gut 21 Milliarden Euro (rund 23,7 Milliarden Dollar), das sind 27 Prozent der vom IWF insgesamt vergebenen Kredite an Krisenstaaten. Das europäische Klumpenrisiko vergrößert sich auf zwei Drittel des Kreditvolumens, wenn man die Ausleihungen an Portugal und die Ukraine dazu nimmt. Den Rest teilen sich viele andere Länder, darunter sehr arme.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Wenn die Nicht-Zahlung ein vorübergehendes Ereignis sein sollte, dann bleibt es eine unschöne Erfahrung, die den Krisenspezialisten des Fonds aber nicht neu ist. Bis in die neunziger Jahre hinein kam es immer wieder zu Zahlungsverzögerungen, wenn auch angeblich nie zu nennenswerten Ausfällen. Zahlungsverzögerungen in dieser Größenordnung, argumentiert Jacob Kirkegaard von der Denkfabrik Petersen Institute, würden kein materielles Risiko darstellen, sondern lediglich die Bilanzposition der Forderungen, die schon hätten eingetrieben werden sollen, von aktuell 1,8 Milliarden Dollar verdoppeln auf 3,6 Milliarden Dollar. Somalia, der Sudan und das Simbabwe des Diktators Robert Mugabe sind die anderen Länder, die in der Vergangenheit gegenüber dem IWF in Verzug geraten sind.

          Das Schlimmste ist der geschädigte Ruf des IWF

          Ob es beim Verzug bleibt oder aber ein echter Ausfall droht, ist noch unklar. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind nicht nur 1,7 Milliarden Dollar, sondern ein Großteil der 24 Milliarden Dollar in Gefahr. Ein Ausfall in dieser Größenordnung allerdings wäre ziemlich einmalig für den Fonds. Selbst diesen Verlust könnte der Währungsfonds zwar aushalten, argumentiert Desmond Lachman vom American Enterprise Institute. Denn in der Finanzkrise waren die Mittel und die Zugriffsmöglichkeiten des Fonds erheblich aufgestockt worden. Der IWF finanziert sich überwiegend aus Zuwendungen von Zentralbanken seiner 188 Mitgliedstaaten. Doch schwer wiegt laut Lachman, der früher selbst für den IWF tätig war, der Verlust an Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Und ein solcher Verlust kann gravierende materielle Konsequenzen haben, wenn etwa Politiker dem Fonds künftig Zuwendungen oder die angestrebten Strukturreformen verweigern.

          Der IWF ist seit fünf Jahren in Griechenland und muss nun womöglich einen der höchsten Kredite abschreiben, den er je vergeben hat. In normalen Unternehmen müssten nach einem solchen Desaster „Köpfe rollen“, einige führende Manager ihre Posten räumen. Aber auch eine so politische Organisation wie der Währungsfonds wird mit den schlichten Fragen konfrontiert, ob es klug war, einem Land so viel Geld zu leihen, und wieso das Strukturprogramm gescheitert ist. Die Anteilseigner des IWF würden ferner wissen wollen, wie die Krisenspezialisten der Organisation den Kollaps der griechischen Volkswirtschaft nicht voraussehen konnten, sagt Lachman. Denn dafür werden sie doch eigentlich bezahlt.

          Zudem könnte es für den Währungsfonds schwer werden, die mit der Griechenlandkrise entwickelte neue Kreditpolitik zu verteidigen, die im Grunde jegliche Begrenzungen von Krediten für einzelne Länder aufgehoben hat. Laut Lachman hat der IWF mit den hohen Krediten womöglich die Schuldengeschichte verlängert, einen tieferen Schuldenschnitt zulasten privater Gläubiger verhindert und Griechenlands privaten Kreditgebern die Möglichkeit verschafft, sich zu Lasten des Währungsfonds von den Risiken zu befreien. Und damit sind jetzt indirekt die Steuerzahler der 188 Mitgliedsländer im Boot.

          Krise könnte Reformen des Währungsfonds verhindern

          Das wiederum ist ein Thema, bei der vor allem die amerikanischen Kongressabgeordneten hellhörig werden. Sie blockieren seit 2010 eine Strukturreform des Währungsfonds, bei der sich Machtverhältnisse der Institution zu Gunsten der Aufsteigerländer ändern würden. Bisher sind die Vereinigten Staaten die beherrschenden Anteilseigner des Währungsfonds. Das Griechenland-Desaster und der damit verknüpfte Umgang mit dem „Steuergeld anderer Leute“ wird die amerikanischen Abgeordneten nicht günstig stimmen, die Machtstruktur ändern zu wollen. Eine öffentliche Anhörung im Senat in der vorigen Woche lässt genau diesen Schluss zu.

          Der 2010 amtierende IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ist jetzt mit einer Stellungnahme in die Öffentlichkeit geprescht, um seinen alten Arbeitgeber zu verteidigen. Man habe Griechenland helfen müssen, weil die Eurozone in Gefahr gewesen sei. Auch die Höhe des Kredits sei gerechtfertigt, weil die Europäer trotz Drängens des Fonds nicht rechtzeitig Schutzwände zur Vermeidung einer Ansteckung anderer Krisenländer errichtet hätten. Was man allerdings unterschätzt habe, sei der erbarmungswürdige Zustand der Institutionen des Landes, schreibt der damalige IWF-Direktor, der dann über eine Sex-Affaire stürzte.

          Für den Währungsfonds ist das kein Trost genauso wenig wie die Tatsache, dass Ratingagenturen die Zahlungsverweigerung Griechenlands nicht als Grund nehmen, sofort den Staatsbankrott (default) zu erklären. Die öffentlichen Kreditgeber Griechenlands orientieren sich eher weniger an Ratings und private gibt es kaum noch. Der Fraktionschef der CDU, Volker Kauder, will gerne, dass der IWF bei Griechenland im Boot bleibt. Das allerdings wird man sich im Währungsfonds gut überlegen wollen.

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