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Griechenland : Wochen des Stillstands in Athen

Die Wirtschaftsdaten waren zuletzt positiv. Auch wenn die Bevölkerung noch Zweifel hat, geht es in Griechenland langsam wieder bergauf. Bild: dpa

„Das ist ein Land, in dem keine Rechnung bezahlt wird, niemand Kredit bekommt und keiner investiert“, heißt es über das krisengebeutelte Griechenland. Bewegung gibt es zwar. Aber nur hinter der Fassade.

          Die Griechen erleben Wochen des Stillstands. Ein Jahr nach dem Höhepunkt der Krise - mit der Debatte über ein Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion, dem Streit der Griechen über das Sanierungsprogramm, zwei Parlamentswahlen innerhalb von sechs Wochen - fehlt dem Griechen auf der Straße immer noch die Zukunftsperspektive. „Das ist ein Land, in dem keine Rechnung bezahlt wird, in dem niemand Kredit bekommt und in dem keiner investiert“, sagt ein junger Agenturreporter.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Doch hinter der statischen Fassade hat sich einiges bewegt. Paul Mylonas, Chefökonom des größten Kreditinstituts des Landes, National Bank of Greece, war vor einem Jahr derjenige Gesprächspartner, der am meisten Optimismus zu verbreiten versuchte, mit Verweisen auf die verborgene Substanz der griechischen Wirtschaft und auf die Wachstumskräfte, die entfesselt werden könnten. Nun wirkt Mylonas so besorgt wie kein anderer in einer langen Reihe von Gesprächspartnern. Denn die seit Monaten verhandelte und scheinbar perfektionierte Fusion seines Instituts mit der kleineren Eurobank wurde von der griechischen Zentralbank und der „Troika“ gerade verboten. Nun muss jede der beiden Banken für sich private Investoren suchen, um nicht in wenigen Wochen in öffentlichem Besitz zu enden.

          „Das ist die Wende für die griechische Wirtschaft.“

          Ganz anders sieht die Lage derjenige griechische Ökonom, der noch vor einem Jahr der größte Pessimist war und mit der strengen Konsequenz seiner kritischen Beschreibung von Griechenlands Problemen in seinem Urteil weitaus härter klang als etwa die Deutsche Bundesbank. Von dieser anerkannten Quelle kommen nun vor allem positive Bewertungen: Das Haushaltsdefizit Griechenlands sei innerhalb von nur drei Jahren um neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschrumpft.

          Vor diesem Hintergrund hat dann der Wirtschaftsberater des Ministerpräsidenten, John Mourmouras, leichteres Spiel, die Sanierungserfolge der griechischen Regierung hervorzuheben. „Es gibt jede Menge gute Anzeichen“, sagt der Wirtschaftsprofessor mit Büro in Rufweite des Ministerpräsidenten in der Maximou Mansion, dem Amtssitz hinter dem Parlament. Die Daten des ersten Quartals nimmt Mourmouras als Bestätigung dafür, dass dieses Jahr der Haushaltssaldo ohne Berücksichtigung von Zinskosten positiv ausfallen werde.

          Dieser Wert, der Primärsaldo, war jahrelang Ausdruck der Verantwortungslosigkeit der griechischen Haushaltspolitik gewesen. Die Tabellen zeigen, dass Griechenland von 2003 an ein wachsendes Primärdefizit hatte und daher sogar alle Zinsen der alten Schulden mit neuen Schulden finanzierte. 2009 erreichte das Primärdefizit einen Rekordwert von 10,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Sanierungsziel für Griechenland ist dagegen ein größerer Überschuss. Allein der Umstand, dass nach einem Jahrzehnt des verantwortungslosen Wirtschaftens wieder eine Null oder ein winziger Überschuss beim Primärsaldo sichtbar wird, stimmt den Wirtschaftsberater des Ministerpräsidenten enthusiastisch: „Das ist die Wende für die griechische Wirtschaft.“

          Zuversicht der Konsumenten hat sich gebessert

          Daneben gebe es noch weitere gute Nachrichten: Auch für das zweite Katastrophendefizit der griechischen Wirtschaft, die Leistungsbilanz, scheint Besserung in Sicht. Als die Griechen noch fröhlich auf Pump lebten und mit ihrem Kaufrausch die Einfuhren aufblähten, ergab sich selbst nach Verrechnung der Einnahmen aus dem Tourismus noch ein dicker Fehlbetrag in den Geschäften mit dem Ausland. 2009 lag das Defizit der Leistungsbilanz bei 10,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nun hat die Rezession Griechenlands Import zusammenschnurren lassen.

          Doch daneben entdecken Mourmouras und andere Ökonomen nun ein kleines Pflänzchen, das hoffnungsvoll stimmt: Der Export sei schon 2012 deutlich gestiegen, so sehr wie in keinem anderen Land der Währungsunion. Diese Entwicklung, die auf kleinen absoluten Zahlen fußt, könne noch weitergehen. Denn die Liberalisierung des Arbeitsmarktes und die dramatischen Lohn- und Gehaltskürzungen bedeuteten nun eine Senkung der Lohnstückkosten um 15 Prozent. Auch der Tourismus werde von den neuen Konditionen auf dem Arbeitsmarkt profitieren und 2013 voraussichtlich ein Rekordjahr erleben.

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