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Athen : Die griechische Jugend feiert ihr Oxi

Jubelnde Tsiprasanhänger in Athen Bild: Reuters

Für die Tsiprasanhänger ist es ein Tag der Freude. Wie schon in den vergangenen Tagen strömten auch nach den ersten Auszählungen vor allem junge Menschen auf die Straßen Athens und feierten ihren Sieg.

          Das Bauchgefühl der vergangenen Tage war richtig. Griechenland hat sich gegen die Austeritätspolitik entschieden. Oxi, übersetzt Nein, hat sich mit deutlicher Mehrheit durchgesetzt, die Nai-Anhänger wurden geschlagen. Die Regierung um Ministerpräsident Alexis Tsipras geht zumindest innenpolitisch deutlich gestärkt aus dem Referendum hervor. Und schon kurz nach Bekanntwerden der ersten Umfragen strömen die Menschen wieder auf den Syntagma-Platz, den zentralen Platz in Athen, direkt vor dem Parlament. Die zahllosen Straßenhändler bauen ihre Stände auf, weil sie das Geschäft ihres Lebens wittern. Flaggen, Getränke, Essen - das alles hat sich in den vergangenen Tagen hervorragend verkauft. Und so riecht es auf dem Syntagma auch diesmal wieder nach Bier, Zigaretten und frisch gebratenem Fleisch. Krise? Zumindest am Syntagma ist davon nichts zu spüren.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Party ist etwas weniger ausgelassen als noch am Freitag, als die zentrale Oxi-Kundgebung etwa 30.000 Menschen auf die Straßen lockte. An diesem Abend sind es vielleicht ein Drittel davon, eventuell noch weniger. Die Party verteilt sich nun auf mehrere Teile in der Stadt. Vielleicht ahnen sie schon, was die Tage kommen wird. Dass die Banken oder die Börse am Dienstag wieder öffnen, ist nun fast ausgeschlossen. Doch vielen jungen Menschen scheint das schlicht egal zu sein. Einer sagt im Überschwang der Gefühle: „Ob ich kein Geld in Euro oder Drachme habe, ob ich bei meinen Eltern wohne und keine Miete in Euro oder Drachmen zahle und mir kein Benzin in Euro oder Drachme leisten kann, ist mir egal.“

          Die Jungen haben für Tsipras gestimmt

          Das trifft die Stimmung vieler der jungen Wähler, die bei Oxi in der Mehrheit sind. Ein Nein, das im restlichen Europa eher für Schrecken sorgt und im Bundeskanzleramt für lange Gesichter, strahlt hier unglaublichen Optimismus aus. Es herrscht eine Stimmung irgendwo zwischen Festival und Volksfest. Die Menschen liegen sich wie schon in den vergangenen Tagen auf Oxi-Demos in den Armen, sie singen und sie klatschen zur Musik. Schmähgesänge sind nicht zu hören, alles taucht in einen riesigen Freudentaumel ein. Die jungen Oxi-Anhänger haben die jetzige Situation am wenigsten verschuldet. Als die Zahlen zum Beitritt zur Eurozone frisiert wurden, gingen viele noch in die Schule. Politisch mitentscheiden konnten viele nie. Dabei hat fast jeder Oxi-Anhänger in den vergangenen Tagen betont: Das ist keine Abstimmung gegen den Euro oder gegen die Politik, sondern nur eine über die „erstickende Wirkung des Programms“, wie eine Taxifahrerin sagte.


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          Für Nai stimmten dagegen ältere Griechen ab. Diejenigen, welche die Drachme schon miterlebt haben und sich selbst noch zum Mittelstand zählen. Ein einzelner Nai-Anhänger verirrt sich auf den Platz. Er meint nur: „Das Ergebnis ist egal. Wir müssen alle zusammenhalten, um das zu überstehen, was nun kommt.“ Damit dürfte er Recht haben. Nur wenn die Spaltung der vergangenen Tage aufgehoben wird und Regierung und Opposition mit einer Stimme sprechen, dürfte es eine Hoffnung geben, die Katastrophe zu verhindern.

          Die vergangenen Tage ließen so etwas schon erahnen. Die Schlangen vor den Bankautomaten wurden täglich etwas länger, die Einkaufskörbe voller und die Regale leerer. Es gab zwar noch keine Panik und Hamsterkäufe blieben aus. Doch mit jeden Tag wurde es schwieriger, 50-Euro-Scheine loszuwerden. Wechselgeld ist mittlerweile Mangelware, die nächsten Tage werden das Problem noch verstärken. Manche Tavernen haben ihre Angestellten gar angehalten, kleine Scheine von Zuhause mitzubringen und diese gegen größere zu tauschen, damit man die Gäste noch bedienen kann.

          Die Gesichter auf dem Syntagma-Platz jedenfalls Strahlen trotzdem eine unglaubliche Freude aus auf das, was kommt. „Das ist heute unsere Unabhängigkeitserklärung“, sagt ein schon etwas älterer Oxi-Anhänger. Doch ob es eine Unabhängigkeits - oder eine Bankrotterklärung sein wird, werden erst die nächsten Tage zeigen.

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