https://www.faz.net/-gqe-8opgm

Italiens Bankensystem : In Siena krankt es gewaltig

Keine Feststimmung trotz Weihnachtsbaums vor dem Monte-dei-Paschi-Hauptsitz: In Siena herrscht Krisenstimmung wegen der Schieflage der Bank. Bild: Bloomberg

Die Misere der italienischen Großbank Monte dei Paschi hat viele Gründe: Politische Seilschaften regierten lange, die Kreditvergabe an Freunde brachte viele Ausfälle. Jetzt herrscht Katerstimmung in der Stadt.

          Die Führungsspitze der drittgrößten italienischen Bank Monte dei Paschi hat offiziell einen Antrag auf staatliche Hilfe gestellt und damit eingestanden, dass ihr Institut nicht mehr mit eigenen Kräften aus der Sackgasse herauskommen kann, in die man sich seit Jahren hineinmanövriert hat. Doch Monte dei Paschi ist kein Einzelfall. Hier vereinigten sich allerdings die Probleme vieler italienischer Banken mit ein paar spezifisch sienesischen Fehlern. Exemplarisch für viele Banken ist der Umstand, dass rund ein Drittel der Ausleihungen als faule Kredite verbucht werden müssen und nicht genügend Rückstellungen gebildet wurden – gerade wegen dieser Bewertungslücke war die Kapitalerhöhung nötig, die nun gescheitert ist.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Die Bank hat mit mehr als 2000 Filialen und 26.000 Mitarbeitern ein viel zu großes, ineffizientes Netzwerk, das wegen des jahrzehntelangen Widerstandes der Gewerkschaften gegen Entlassungen bei den angeblich „reichen“ Banken nur ganz langsam verkleinert werden konnte. Schließlich fehlt Monte dei Paschi wie vielen anderen Banken Italiens oder Europas eine Ertragsperspektive für die Zukunft, weshalb sich kein Großinvestor fand, der bei der Kapitalerhöhung beteiligen wollte.

          Noch schwerer wiegen in Siena aber die vielen hausgemachten Probleme. Denn Monte dei Paschi war einerseits ein Spielball der lokalen Politik, andererseits jahrzehntelang in der Rolle des spendierfreudigen Onkels. In der Stadt bezog man sich auf „Babbo Monte“, Papa Monte, der viele Restaurierungsprojekte finanzierte, medizinische Forschungsprojekte in Kooperation mit dem großen städtischen Krankenhaus und vor allem natürlich die großen Investitionen für Kostüme oder Vereinsheime der Stadtteilvereine, der „Contrade“, die zweimal im Jahr auf dem Stadtplatz beim historischen Pferderennen um den „Palio“ zum lokalpatriotischen Wettstreit aufeinandertreffen. Zugleich ist Monte dei Paschi in der Stadt mit gerade 54.000 Einwohnern einer der wenigen großen Arbeitgeber von überregionaler Bedeutung, neben Universität und Krankenhaus.

          In Siena laufen die Bankenuhren langsamer

          Damit wurde Sienas Bankenpolitik in den vergangenen Jahren alleine von der Furcht beherrscht, dass bei den vielen Zusammenschlüssen von italienischen Sparkassen und Volksbanken irgendeinmal eine Großbank aus Mailand oder Rom die Sienesen schlucken und dann den Hauptsitz in der Stadt auflösen könnte. Während anderswo die staatlich kontrollierten Sparkassen nach 1992 immer weiter privatisiert und zusammengeschlossen wurden, suchte Siena den Lauf der Zeit anzuhalten. Die Sparkasse, vor allem unter Kontrolle der lokalen Politik, wurde schließlich zwar auch aufgeteilt in eine Bank-Aktiengesellschaft und eine Bankenstiftung als Inhaberin der Bankaktien, aber erst später als viele anderen Sparkassen im Jahr 1995. Und bis zum Börsengang ließ sich die Stiftung Monte dei Paschi schließlich bis 1999 Zeit. Während anderswo die Sparkassenstiftungen ihre Bankbeteiligungen reduzierten, sträubte man sich in Siena gegen einen solchen Schritt und wollte möglichst nie die absolute Mehrheit an der Bank abgeben.

          Weitere Themen

          „Tarifverhandlungen erneut gescheitert“ Video-Seite öffnen

          GDL-Chef Weselsky : „Tarifverhandlungen erneut gescheitert“

          Die Deutsche Bahn habe ein „beispielloses Schauspiel“ geboten, erklärt Gewerkschaftschef Claus Weselsky. Mögliche Streiks in der Weihnachtszeit oder zu Jahresbeginn seien aber vorerst nicht vorgesehen.

          Wo unsere Smartphones herkommen Video-Seite öffnen

          Von Afrika über China zu uns : Wo unsere Smartphones herkommen

          Wir benutzen sie jeden Tag, doch wir fragen uns selten, wo sie herkommen: Der Weg eines Smartphones beginnt in Afrika und Südamerika und führt zu riesigen Fabriken in China. Unsere Grafik nimmt Sie mit auf die Reise.

          Topmeldungen

          Kommentar zu Straßburg : Das ist deutsche Hybris

          Kann es uns wirklich besser als Franzosen, Briten und Spaniern gelingen, die Ausbreitung von integrationsunwilligen Parallelgesellschaften zu verhindern? Ein Kommentar.

          Von Afrika über China zu uns : Wo unsere Smartphones herkommen

          Wir benutzen sie jeden Tag, doch wir fragen uns selten, wo sie herkommen: Der Weg eines Smartphones beginnt in Afrika und Südamerika und führt zu riesigen Fabriken in China. Unsere Grafik nimmt Sie mit auf die Reise.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.