https://www.faz.net/-gqe-7vl07

EZB-Bankenprüfung : Der Test allein hilft nicht

In zehn Tagen übernimmt die Europäische Zentralbank die Oberaufsicht über die wichtigsten Geldhäuser der Währungsunion. Bild: dpa

Wie viel der EZB-Test wert ist, wird sich am Finanzmarkt zeigen. Klar ist aber auch: Die Bankenbranche ist überdimensioniert und steckt mitten in einem technischen Wandel. Daran ändert die Prüfung der Geldhäuser nichts.

          Es gibt viele wirtschaftliche Fragen, über die aus gutem Grunde keine Einigkeit besteht. Eines aber ist seit langem unbestritten: In Europa existieren zu viele Banken. Nicht wenige Häuser besitzen kein nachvollziehbares Geschäftsmodell, in ihren Bilanzen finden sich zu viele fragwürdige Kredite im Verein mit einer nicht eben großzügigen Eigenkapitalbasis, die Gewinnmargen sind oft bescheiden und ohne die Hilfen der Europäischen Zentralbank (EZB) sähe die Lage noch ungemütlicher aus. Zu allem Überfluss sehen sich die Banken in manchen Geschäften durch neue Anbieter aus der digitalen Welt bedroht, das Niedrigzinsumfeld lastet auf den Margen, das geringe Wirtschaftswachstum hemmt die geschäftlichen Perspektiven und die Regulierungen kosten Geld.

          Die Tests der EZB waren dazu gedacht, Aufschlüsse über die Lage der größeren Banken in der Währungsunion zu bringen. Das Vorhaben war umstritten. Besonders kritisch wurde und wird die künftige Doppelrolle der EZB als geldpolitische Instanz und als Bankenaufseher in Deutschland gesehen. In anderen Ländern und auch an den internationalen Kapitalmärkten hatte man die Tests eher als eine Chance betrachtet. Die Optimisten sagen, dass einige Geschäftsbanken angesichts der Tests schon im Vorfeld Eigenkapital aufgenommen oder Kredite verkauft haben. Wer Recht behält, wird sich zeigen.

          Das Ergebnis ist in etwa so ausgefallen, wie es zu erwarten war. Die EZB konnte angesichts der fragilen Verfassung vieler Banken nicht alle Institute den Test passieren lassen, ohne sich von Beginn an als Bankenaufseher selbst zu diskreditieren. Hätte sie andererseits zu viele Banken scheitern lassen, wäre möglicherweise große Unruhe unter den Kunden entstanden – mit eventuell drastischen Folgen. Solche Bankentests sind keine reine Übung in angewandter Mathematik. Sie besitzen auch eine politische Dimension und dies schmälert natürlich ihre Aussagekraft.

          Kranke Branche

          Gleichwohl kann nicht erstaunen, dass die meisten der durchgefallenen Banken im Süden Europas beheimatet sind. Dennoch sollte sich keine Bank ausruhen, nur weil sie den Test bestanden hat. Dies gilt auch für die deutschen Kreditinstitute, die bei genauerem Hinsehen keineswegs alle sehr gut abgeschnitten haben. Die Bundesbank hat in ihrer Kommentierung der Stresstest-Ergebnisse zurecht auf weiterhin vorhandene Schwächen hingewiesen.

          Was die Tests der EZB wert sind, wird sich an den Reaktionen der Finanzmärkte zeigen. Damit ist nicht einmal vorwiegend die Reaktion der Aktien- und Anleihemärkte gemeint, die an diesem Montag einsetzen wird. Werden die Tests als glaubwürdig eingeschätzt, müssten zumindest auf mittlere Sicht auch Reaktionen am Geldmarkt sichtbar werden, auf dem sich die Banken untereinander Geld zur Verfügung stellen.

          Seit Ausbruch der Finanzkrise leidet dieser Markt unter einem Misstrauen der Banken untereinander. Eine Entspannung am Geldmarkt wäre ein Indiz für wachsendes Vertrauen. Sehr umstritten war im Vorfeld, ob die Stresstests dazu beitragen werden, die Kreditvergabe der Banken an Unternehmen in Südeuropa zu beleben. Während eine nennenswerte Zunahme von Investitionskrediten angesichts hoher unausgelasteter Kapazitäten unwahrscheinlich ist, wollen manche Fachleute nicht ausschließen, dass die Vergabe kurzfristiger Betriebsmittelkredite langsam in Gang kommen wird.

          Die Gesundung einer überdimensionierten, kranken und inmitten eines technischen Wandels stehenden Branche gelingt nicht mit einer Überprüfung der Marktteilnehmer. Die Bankentests der EZB müssen als ein Schritt auf einem langen Weg zu einem stabileren europäischen Bankensystem verstanden werden. Europa braucht weniger, aber dafür rentablere Banken. Der Austritt unrentabler Banken ohne Geschäftsmodell aus dem Markt muss möglich sein ebenso wie Zusammenschlüsse von Banken mit einer anschließenden Optimierung ihres Geschäfts, die mit dem Abbau von Überkapazitäten einhergeht.

          Im Prozess der Gesundung des europäischen Banksystems bedarf es einer Lockerung der engen Beziehungen zur Zentralbank und zu den Regierungen. Zentralbanken sollen die Liquidität des gesamten Banksystems gewährleisten, aber es kann nicht ihre Aufgabe sein, ihre Politik als Mittel zur generellen Rentabilitäts-Steigerung der Geschäftsbanken zu verstehen oder gar einzelne unrentable Geschäftsbanken am Leben zu erhalten. Die Regierungen wiederum dürfen die Banken nicht als selbstverständliche Abladeflächen für ihre Anleihen verstehen. Daher kann es nicht sein, dass mit Blick auf die Eigenkapitalvorschriften Staatsanleihen weiterhin gegenüber anderen Anlagen bevorzugt werden.

          Die Bankenunion soll einen europäischen Bankenmarkt schaffen, der aus soliden Kreditinstituten besteht. Dies alleine ist ein anspruchsvolles Unterfangen, dessen Erfolg in den Sternen steht. Die Finanzbranche besteht aber nicht nur aus Banken. Auch wenn eine generelle Dämonisierung der sogenannten Schattenbanken ungerechtfertigt erscheint, verdienen auch sie eine genaue Beobachtung.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.