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Eurokrise : Oh wie schön ist Nordeuropa

  • -Aktualisiert am
Station Tallinn: Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler und Estlands Premierminister Andrus Ansip in der Reichskanzlei
          7 Min.

          Philipp Röslers Schritt wird schneller, Ministerpräsident Mark Rutte kommt ihm aus der Staatskanzlei in Den Haag entgegen. Sie umarmen sich, klopfen einander auf die Schultern und gehen gemeinsam zu einem Eisstand. Darauf steht „italiaans ijs met slagroom“ - italienisches Eis mit Sahne. Die Touristen an dem Stand treten einen Schritt zurück, Rutte und Rösler kaufen sich ein Eis und gehen in den Palast. „Erdbeer“, sagt Röslers Pressesprecher, „sie hatten Erdbeer, Vanille und Sahne, und wir haben gezahlt.“

          Dabei ist das eine Reise zu denen, die eigentlich auch zahlen: in die nördlichen und wirtschaftsstärkeren Länder der EU. Rösler spricht mit Regierungschefs und Ministern darüber, was werden wird, wenn die Troika im September über Griechenland ihren Daumen senkt, über Spanische Zinsen, Portugiesische Reformen und die anderen europäischen Themen: wohin steuert Frankreich, wie Urteilt das Verfassungsgericht, ESM, EZB, oh jemine. Sicher sprechen sie auch über das schöne Wetter, die Kinder und die Lage der FDP. Die Türen sind verschlossen.

          Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sagte in dieser Woche auch einmal, seine Arbeit als Parteivorsitzender der FDP sei ein „Marathon bei Hitze“. Hier im Norden ist es nicht ganz so heiß. Rösler besuchte in dieser Woche also, wie er sagte, „Verbündete“ oder „Freunde“ in den Niederlanden oder Estland, wo liberale Parteien manchmal sogar ein Drittel der Wählerstimmen erhalten. Er flog nach Tallinn, Helsinki, Den Haag, Warschau. Eine europäische Reise, deren südlichstes Ziel Polen war. Mancher sah darin eine starke Aussage: Rösler wünscht sich eine Nordunion. Vielleicht aber wünscht er sich auch nur etwas Rückenwind. In schwierigen Zeiten fährt mancher normale Katholik ins Kloster, um so etwas wie seine „innere Mitte“ zu finden. Rösler fährt zu „Freunden“. Zu denen, die auch zahlen für das europäische Projekt, und deren Volkswirtschaften, wie öfter betont werden will, trotzdem zugleich „große Profiteure“ der EU sind, woran Wähler und Populisten zunehmend zweifeln.

          Deutschland „nicht gänzlich allein“

          Hinter den verschlossenen Türen also dürfte manches offene Wort über die Grenzen dieser Union gefallen sein; was-wäre-wenn die Troika im September... wie lang sind die Kosten für Europa den Wählern noch zu vermitteln? Allein Estland, das so viele Einwohner wie München hat, trägt rund 150 Millionen Euro zum Rettungsfonds ESM bei. Die Esten verdienen im Durchschnitt rund 850 Euro im Monat, angeblich ist das weniger als die griechische Durchschnittsrente.

          Ob in Helsinki, Warschau oder Tallinn, der Öffentlichkeit präsentiert der deutsche Wirtschaftsminister einander immer recht ähnliche Wortgebilde. Nachdem er in Den Haag rund eine halbe Stunde mit Mark Rutte sprach, tritt er vor einem Heringsstand die Presse und sagt routiniert, beide teilten die „Idee der Stabilitätsunion“, die Regeln müssten eingehalten werden, „keine Rabatte auf Reformen“, „keine Vergemeinschaftung der Haftung“, „feste Überzeugung“, „Union der Werte“. Ein Satz soll auch entschlossen klingen, gerät aber etwas defätistisch: Deutschland sei in diesen Punkten mithin „nicht gänzlich allein“, und „vor allem die Kraft der Argumente ist auf unserer Seite.“ Mark Rutte gibt leider kein öffentliches Statement, er will im Wahlkampf wohl lieber nichts Falsches sagen.

          Am Wochenbeginn, sehr früh am Morgen, startet das Militärflugzeug mit der Aufschrift „Bundesrepublik Deutschland“ erstmals in Berlin Tegel. Da fliegt es nach Estland und Finnland. Vorn sitzen der Wirtschaftsminister und sein Pressesprecher, dahinter Referenten, ganz hinten Journalisten. Über Usedom gibt es Rührei und Himbeerjoghurt von „Käfer“. Unten zieht unter Wölkchen ein Stück Europa fernab der Olivenhaine vorbei: Birken- und Tannenwälder, Haff. Während sich das Flugzeug senkt, kann man auf dem Smartphone lesen: Rösler, der sich einen „überzeugten Europäer“ nennt, empfehle der CSU, ihre polternden Griechenlandkritiker Söder und Dobrindt zu „isolieren“.

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