https://www.faz.net/-gqe-7kvc8

Euroeinführung in Lettland : Willkommen im Club

  • -Aktualisiert am

Der Lats ist Teil der kulturellen Identität des Landes. Viele Letten lehnen den Euro deswegen ab Bild: dpa

Im Januar führt Lettland den Euro ein, auch wenn die Bevölkerung skeptisch ist. Litauens Beitritt steht für 2015 an. Alle baltischen Länder sind für Deutschland verlässliche Partner.

          Vor zwölf Jahren hat Deutschland die D-Mark abgeschafft und den Euro als Zahlungsmittel eingeführt. Ähnlich schwer wie die Deutschen damals tun sich gerade die Letten, ihre Währung Lats aufzugeben. Unmittelbar bevor Lettland als zweite Balten-Republik und drittes Land des ehemaligen kommunistischen Ostblocks nach der Slowakei und Estland am 1. Januar 2014 den Euro einführt, lehnt mehr als die Hälfte der zwei Millionen Letten den Euro ab. Die EU-Kommission in Brüssel hingegen sieht im Beitritt des achtzehnten Landes ein Hoffnungszeichen für die kriselnde Währungsunion. Aber die Skepsis in der lettischen Bevölkerung hat gute Gründe.

          Anders als die D-Mark war der lettische Lats nie eine wichtige Währung auf den Kapitalmärkten. Aber für die Letten ist der Lats ein Symbol für die erst vor 22 Jahren erlangte staatliche Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Bis 1991 zahlten die Letten mit russischen Rubel. Ihr Verhältnis zu Russland und zur starken russischen Minderheit in Lettland ist auch heute noch angespannt. Fast 30 Prozent der Einwohner in Lettland bezeichnen sich als russisch. In der Sowjetzeit zugezogene Russen bekamen 1991 nicht automatisch den lettischen Pass, sondern müssen dafür einen Einbürgerungstest absolvieren. Viele ziehen es aus Stolz oder Gleichgültigkeit vor, staatenlos zu sein. Ihre Kinder haben oft den lettischen Pass, aber wenn sie im Supermarkt einkaufen, sprechen sie lettische Verkäuferinnen wie selbstverständlich auf Russisch an. Man kann den Eindruck bekommen, die Russen seien noch immer die Herren in Lettland – mit eigenem Theater in der Hauptstadt Riga und viel Einfluss in Wirtschaft und Politik.

          Viele Letten reagieren auf die empfundene russische Übermacht, indem sie ihre kulturelle Identität hochhalten. Dazu zählt die Volks- und Chormusik, mit der sie 1991 die Revolution ersungen haben, und eben auch die eigene Währung. Da können lettische Politiker noch so überzeugend argumentieren, der Lats führe kein Eigenleben mehr, seit er im Jahr 2005 an einen Eurokurs gebunden wurde. Der Lats gehört zur lettischen Folklore.

          Die Maastricht-Kriterien erfüllt Lettland souverän

          Durch die feste Anbindung des Lats an den Euro konnte Lettland anders als etwa Polen und Ungarn seine Währung nie abwerten. Damit hätte sich das größte der drei baltischen Länder zumindest kurzfristig Vorteile verschaffen können, als seine Wirtschaft in den Jahren 2008, 2009 und 2010 schrumpfte. Stattdessen ging man einen härteren Weg, nahm vom Internationalen Währungsfonds 7,5 Milliarden Euro Notkredit, kürzte die Gehälter im öffentlichen Dienst radikal um 20 und die Renten um 10 Prozent. Insgesamt wurden im Staatshaushalt 18 Prozent einer Jahreswirtschaftsleistung eingespart. Die Bevölkerung litt. Die Arbeitslosenquote verdoppelte sich auf 18 Prozent. Proteste gegen den Sparkurs blieben zwar weitgehend aus. Aber 300.000 Letten, vor allem junge und qualifizierte, verließen das Land.

          Inzwischen kehren manche, gestärkt durch Arbeitserfahrung im Ausland, zurück. Denn die Sanierung des Heimatlandes ist gelungen. Lettlands Wirtschaft wuchs 2010 und 2011 um 5 und im Jahr 2012 mit 4 Prozent immer noch schneller als alle anderen EU-Länder. In diesem Jahr behielt sie dieses Wachstumstempo bei. Mit einem Schuldenstand von 40 Prozent und einem Haushaltsdefizit von 1,2 Prozent der Wirtschaftsleistung 2012 erfüllt Lettland souverän diese Maastricht-Kriterien zur Qualifikation für den Euro. Auch die Inflation ist hinreichend niedrig, aber hier kann man sich durchaus Sorgen machen. Denn viel russisches Geld dringt ins Land und treibt etwa die Immobilienpreise. Insgesamt aber erscheint Lettland auf einem gesünderen Wachstumspfad als in den Blütejahren vor der Krise.

          Der Euro ist ein Projekt der Eliten

          Vor 2008 hieß ein Motto „jetzt leben, später zahlen“. Diesen Konsum auf Pump mussten die Letten teuer büßen. Ohne Währungsabwertung hat sich Lettland dann selbst aus dem Schlamassel gezogen. Damit ist es Vorbild für viele überschuldete südeuropäische Staaten, die sich gegen „Austerität“ wehren. Sparen wirkt, wie Lettlands Wachstum zeigt. Doch noch ist es das ärmste Land des Euroraums. Ein durchschnittlicher Lette verdient kaum 900 Euro im Monat. Dass die Letten nun für reichere Griechen und Portugiesen haften müssen, stört sie.

          Noch mehr stört im früher zur Hanse gehörenden Baltikum, wenn Regeln gebrochen werden. Das passt nicht zu hanseatischen Kaufmannstugenden, die dort heute noch geschätzt werden. 2005 gab es daher in Litauen viel Verständnis dafür, dass dem Land vor allem auf Betreiben Deutschlands wegen einer um mickrige 0,1 Prozentpunkte zu hohen Inflation noch der Beitritt zum Euroraum verweigert wurde. Umso enttäuschter aber war man später, als Deutschland selbst gegen die Schuldengrenze verstieß. Auch deshalb ist der Euro ein Projekt der Eliten, nicht nur in Lettland.

          Falls die deutsche Regierung das ändern und künftig sich und andere zur Einhaltung der Regeln verpflichten möchte, findet sie im Baltikum drei kleine, aber sehr verlässliche Partner. Dies hat Estland, das im Jahr 2011 dem Euroraum beitrat, schon gezeigt. Das werden auch Lettland und dann Litauen zeigen, das 2015 den Euro einführen will. Deshalb kann man nur dreimal sagen: Willkommen im Club.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Signale des Bewusstseins, im Computer rekonstruiert: links ein fast bewusstloser Komapatient, rechts ein Gesunder, in der Mitte ein Komapatient mit Bewusstsein.

          Wegen Fehlverhaltens : Urteil gegen den Primus der Hirnforschung

          Der weltbekannte Hirnforscher Niels Birbaumer behauptet, Locked-In-Patienten wieder kommunikationsfähig zu machen. Jetzt hat ihn die DFG wegen Fehlverhaltens verurteilt. Er will trotzdem weitermachen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.