https://www.faz.net/-gqe-6zbwh

Euro-Tsunami : Die große Geldschwemme

Viel Geld ist im Euroraum unterwegs: seit 2001 hat sich die Geldmenge M3 verdoppelt Bild: dpa

Gold und Immobilien werden immer teurer. Es ist viel Geld in der Welt. Platzt bald die nächste Blase?

          Vergessen Sie für einen Moment die Euro-Krise, kommen Sie mit nach China - und lernen Sie die Näherin Zhang kennen. Sie war erst 21 Jahre alt, da hatte sie schon in neun unterschiedlichen Fabriken gearbeitet. Vom bitterarmen chinesischen Land war sie an die südliche Küste gekommen, nach Shenzen, weil sie dort in den Fabriken etwas Geld verdienen konnte. Jeden Tag arbeitete sie von 7.30 Uhr bis mindestens 23 Uhr, unterbrochen nur von einer kurzen Pause zum Essen. Wenn sie bei der Arbeit Fehler machte, musste sie Strafen zahlen, die in einem Monat leicht den ganzen Lohn auffressen konnten. Amnesty International schildert: Als Zhang in ihrer letzten Fabrik nicht mal mehr ihren Lohn ausgezahlt bekam, stahl sie zusammen mit einigen Kollegen den Schlüssel zum Fabriktor und verließ das Unternehmen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Verzweiflung Zhangs am anderen Ende der Welt hat mehr mit der Euro-Krise zu tun, als man im ersten Moment denkt. Dass Fabriken in China jahrelang trotz solcher Bedingungen Arbeiter gefunden haben, hatte auch Auswirkungen in Europa. Es drückte die Preise. Und damit die Inflation.

          Das ist wichtig. Denn seit Jahrzehnten hat sich in vielen Köpfen der Gedanke festgesetzt: Wenn es zu viel Geld gibt, dann entsteht Inflation. Diese Idee hat nichts von ihrem Ansehen verloren. Selbst Leute, die in der Euro-Krise dieser Tage noch mehr billiges Geld fordern, argumentieren mit dieser Regel - zum Beispiel Notenbanker in der Europäischen Zentralbank. Sie sagen: Wir können immer noch billiges Geld verleihen, es gibt ja bisher keine Inflation.

          Die klassische Inflation scheint fast ausgestorben

          Dabei ist schon viel Geld im Euroraum unterwegs. Die Geldmenge (M3) hat sich seit 2001 verdoppelt, sie ist mehr als doppelt so schnell gewachsen wie das Bruttoinlandsprodukt und weit schneller, als die EZB selbst anzielt. Doch Verfechter einer laschen Geldpolitik stört das nicht. Sie verweisen eben darauf, dass noch lange keine hohe Inflation zu sehen sei.

          Tatsächlich scheint die klassische Inflation, wie man sie noch in den siebziger Jahren kannte, fast ausgestorben zu sein. Zwar hat die Euro-Einführung viele Verbraucher erschreckt. Doch die Mieten in Deutschland sind jahrelang kaum gestiegen. Selbst jetzt, wo die Benzinpreise durch die Decke steigen und die Mieten in Großstädten anziehen, bleiben viele andere Preise recht konstant - und die Inflationsraten bleiben noch weit unter denen, die die Deutschen aus den Siebzigern kennen.

          Warum zusätzliches Geld nur noch selten Inflation verursacht

          Die Ökonomen Pedro Teles und Harald Uhlig haben das Phänomen wissenschaftlich untersucht und festgestellt: Irgendwann gegen Ende des 20. Jahrhunderts hat sich die Welt geändert. Seitdem verursacht zusätzliches Geld nur noch selten Inflation. Inzwischen sind vier Gründe dafür bekannt.

          Erstens: Anfang der Achtziger haben die Notenbanker die Menschen davon überzeugt, dass sie künftig hart gegen Inflation vorgehen werden. Seitdem rechnen viele nicht mehr mit hoher Inflation. Also fordern die Gewerkschaften nicht mehr so kräftige Lohnerhöhungen - schon das dämpft die Teuerung.

          Zweitens: Die Löhne stehen unter Druck, weil technischer Fortschritt einfache Arbeitsplätze überflüssig macht. Also wird die Produktion von Waren kaum teurer.

          Weitere Themen

          „Tarifverhandlungen erneut gescheitert“ Video-Seite öffnen

          GDL-Chef Weselsky : „Tarifverhandlungen erneut gescheitert“

          Die Deutsche Bahn habe ein „beispielloses Schauspiel“ geboten, erklärt Gewerkschaftschef Claus Weselsky. Mögliche Streiks in der Weihnachtszeit oder zu Jahresbeginn seien aber vorerst nicht vorgesehen.

          Wo unsere Smartphones herkommen Video-Seite öffnen

          Von Afrika über China zu uns : Wo unsere Smartphones herkommen

          Wir benutzen sie jeden Tag, doch wir fragen uns selten, wo sie herkommen: Der Weg eines Smartphones beginnt in Afrika und Südamerika und führt zu riesigen Fabriken in China. Unsere Grafik nimmt Sie mit auf die Reise.

          Topmeldungen

          Kommentar zu Straßburg : Das ist deutsche Hybris

          Kann es uns wirklich besser als Franzosen, Briten und Spaniern gelingen, die Ausbreitung von integrationsunwilligen Parallelgesellschaften zu verhindern? Ein Kommentar.

          Von Afrika über China zu uns : Wo unsere Smartphones herkommen

          Wir benutzen sie jeden Tag, doch wir fragen uns selten, wo sie herkommen: Der Weg eines Smartphones beginnt in Afrika und Südamerika und führt zu riesigen Fabriken in China. Unsere Grafik nimmt Sie mit auf die Reise.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.