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Euro-Debatte : Warum die Skeptiker in Amerika sitzen

Viele Experten sehen den Euro nahe am Abgrund. Bild: dpa

Viele Experten sehen den Euro nahe am Abgrund – und fordern entsprechend teure Rettungsmaßnahmen. Doch in den Untergangsprognosen gibt es ein Muster: Die meisten Pessimisten kommen aus Amerika. Die Europäer sehen die Krise viel gelassener.

          Bleibt die Währungsunion intakt? Kaum eine Frage beherrscht die Politik und die Öffentlichkeit so sehr wie diese. Seit mehr als zwei Jahren steckt die Gemeinschaftswährung in der Krise, seit mehr als zwei Jahren schnüren die europäischen Politiker immer neue Rettungspakete, beschließen die Regierungen in den südeuropäischen Schuldenländern immer neue Sparprogramme. Vor ein paar Tagen erst versprach der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, er sei bereit, alles Notwendige zu tun, um den Euro zu erhalten. Die Regierungschefs von Deutschland, Frankreich und Italien sowie der Vorsitzende der Eurogruppe äußerten sich kurz darauf nahezu wortidentisch. Am Donnerstag verkündete Draghi schließlich, dass die EZB bereit sei, Staatsanleihen von Krisenstaaten in großem Stil aufzukaufen, sofern die betroffenen Länder zuvor unter die Rettungsfonds schlüpfen – und somit harte Sparauflagen akzeptieren.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Doch Zweifel bleiben. Viele Experten sehen den Euro nahe am Abgrund – und fordern entsprechend noch teurere Rettungsmaßnahmen. Allerdings gibt es in den Untergangsprognosen ein Muster. FAZ.net hat Aussagen von 25 bekannten Politikern, Wissenschaftlern und Investoren herausgesucht und festgestellt: Die meisten Untergangspropheten kommen aus Amerika. Die Europäer hingegen sehen die Krise viel gelassener.

          „Es gibt keine Euro-Krise“

          Der frühere Präsident der amerikanischen Zentralbank, Alan Greenspan, ist zum Beispiel pessimistisch: Der Euro breche zusammen, sagte er auf einer Konferenz in Washington. Die Richtung, die die Euro-Krise nehme, sei „potenziell tödlich“, sagte der amerikanische Investor George Soros. Dagegen ist der französische Ökonom Pascal Salin überzeugt: „Es gibt keine ’Euro-Krise’. Es handelt sich um ein Verschuldungsproblem in einigen Ländern – die nun mal Mitglied der Euro-Zone sind.“

          Wie lässt sich erklären, dass sich die Einschätzungen von Amerikanern und Europäern in dieser Frage so deutlich unterscheiden? „Die Szenarien der Amerikaner sind deshalb so düster, weil Europa ihre politischen Vorstellungen nicht umsetzt“, sagt Stormy-Annika Mildner, die als Mitglied der Institutsleitung bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zu den transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen forscht.

          „Die Amerikaner wollen Euro-Bonds, eine stärkere Fiskalunion, und dass die Deutschen noch mehr die Führungsrolle übernehmen.“ Weil das nicht passiere, glaubten sie, dass der Euro scheitere. Aus Sicht der Vereinigten Staaten, die den Außenblick auf die Krise haben, fehle es den Mitgliedern des Euroraums „an einer Vision“, so Mildner.

          Amerikanische Angst vor einer Rezession

          Zudem gebe es amerikanische Politiker und Wissenschaftler, die dem Euro von Anfang an skeptisch gegenüber gestanden hätten. Einer von ihnen ist Martin Feldstein, Wirtschaftsprofessor an der Harvard-Universität. Feldstein hat schon in den neunziger Jahren vor der Gemeinschaftswährung und möglichen Konflikten zwischen den Mitgliedsstaaten gewarnt.

          Heute fühlt er sich in seiner Kritik bestätigt, dass die Mitgliedsstaaten zu unterschiedlich seien: „Europa wäre besser dran, wenn es den Euro nie gegeben hätte. Jetzt wieder herauszukommen, geht nicht ohne Schmerzen.“ Dass die Amerikaner den Euro nie wollten, weil er dem Dollar als alternative Leitwährung teilweise Konkurrenz machte, streitet Feldstein ab.

          Schon jetzt belastet die Eurokrise die amerikanischen Exporte und den transatlantischen Handel. Wie groß die Sorgen der Amerikaner sind, zeigte gerade erst der Besuch des amerikanischen Finanzministers Timothy Geithner bei seinem deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble und EZB-Präsident Draghi. Die Angst vor einer Rezession, glauben Experten, hängt auch mit der „great depression“ zusammen, dem großen nationalen Trauma der Amerikaner. Die wohl schwerste Wirtschaftskrise der Vereinigten Staaten führte in den dreißiger Jahren zu einer globalen Rezession.

          Obwohl jenseits des Atlantiks der Pessimismus überwiegt, gibt es durchaus Amerikaner, die an die Währungsunion glauben. Zu ihnen gehört der Amerikaner Kenneth Rogoff. Er glaubt, wie viele seiner europäischen Kollegen, dass der Euro bestehen bleibt – der Euroraum sich aber verändert. „Das wahrscheinlichste Szenario ist der Fortbestand einer reformierten und womöglich reduzierten Währungsunion.“

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