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Euro-Countdown : Warten auf den „Tag X“ - Die Währungsreform 1948

  • -Aktualisiert am

Noch 37 Wochen bis zur Einführung des Euro. Bild:

Euro-Serie: Die Euro-Einführung verunsichert. Auch die D-Mark, das Erfolgssymbol der Deutschen, rief bei ihrer Geburt 1948 gemischte Gefühle hervor.

          Knapp 53 Jahre nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 warten die Deutschen wieder auf den „Tag X“, an dem in Deutschland eine neue Währung eingeführt wird. Im Unterschied zu damals ist der Termin für die Währungsumstellung von der D-Mark auf den Euro schon seit langem bekannt.

          Im Frühjahr 1948 hielten sich die „Macher“ der Währungsreform lange Zeit sehr bedeckt und führten die Reform gleichsam in einer Hauruck-Aktion durch. Die Menschen reagierten zunächst skeptisch auf die neue Währung, zumal die Wirtschaftspolitik zu Beginn nicht transparent war.

          „Glauben Sie, dass das Geld seinen Wert behält?“, fragte das Institut für Demoskopie Allensbach im Rahmen einer von insgesamt drei Umfragen im Juni 1948. Nur 12 Prozent antworteten auf diese Frage mit einem „bestimmten Ja“. Die restlichen 88 Prozent waren sich nicht sicher oder glaubten gar nicht an den Erfolg des neuen Geldes, das die Deutschen am 20. Juni 1948 erstmals erhielten.

          Die alte Währung hat ausgedient

          Vorangegangen waren schwierige Jahre: ein lahmes Wirtschaftsleben, eine hohe Inflation, industrielle Produktion und Investitionsquote stagnierten. Nahrungsmittel und Gebrauchsgüter waren rationiert und nur gegen Bezugsscheine erhältlich. Große Bevölkerungsteile hungerten nach dem Winter 1946/47, Stadtbewohner „hamsterten“ auf dem Land oder betrieben einen regen Tauschhandel, bei dem Zigaretten der Wert einer Ersatzwährung zukam.

          Auch Industriebetriebe setzten auf „Kompensationsgeschäfte“ statt auf das offizielle Zahlungsmittel, die Reichsmark. In dieser Situation feierten Schwarzhandel und -markt ihr Stelldichein, Politiker und Gewerkschaftsangehörige stritten lebhaft über die notwendigen Schritte.

          Die Währungsreform auf den Weg brachten indes die zunehmenden Interessensgegensätze zwischen den westlichen Alliierten und der UdSSR. Um die drei westlichen Besatzungszonen politisch und wirtschaftlich zu stabilisieren, schlossen sich diese im März 1948 zu einer Wirtschaftszone, der „Trizone“, zusammen. Während jetzt noch eine einheitliche Währung fehlte, waren Gerüchte über das neue Geld bereits im Umlauf. Die Akzeptanz der Reichsmark erreichte neue Tiefen, Waren wurden gehortet.

          Ansturm auf die D-Mark

          Die Situation erforderte rasche Maßnahmen. Die Alliierten gaben als „Tag X“ den 20. Juni, einen Sonntag, bekannt. Die Bewohner der „Trizone“ erhielten für 60 Reichsmark in zwei Raten 60 DM „Kopfgeld“. Spargutinhaber verloren kräftig, ihre Guthaben wurden auf ein Zwanzigstel reduziert. Dagegen erlitten Besitzer von Aktien, Fabriken und Grundstücken keine Einbußen. Mit der Währungsreform löste Ludwig Erhard, damals Direktor der Verwaltung für Wirtschaft (Vorläufer des Bundeswirtschaftsministeriums), auch das Bewirtschaftungssystem auf und führte über Nacht die Marktwirtschaft ein.

          Der Ankündigung folgte ein Run auf das neue Geld. Volle Schaufenster riefen eine wahre Sonntags- und DM-Euphorie hervor. Jedoch stiegen die Preise in kurzer Zeit, der Griff nach der Ware wich dem Blick durch das Schaufenster. Die Begeisterung verflog so schnell wie sie gekommen war. Kritiker beschimpften Erhard als „Wirtschaftsdiktator“ und seine Wirtschaftspolitik als Politik der „Preistreiberei“.

          Skepsis und Kritik verstummten erst im Laufe der Jahre 1948/49: Die Produktionszahlen stiegen wieder, der Exportboom setzte ein und die Arbeitslosenzahlen gingen ständig zurück. Langsam aber stetig fasste die Bevölkerung Vertrauen in die neue Währung, womit die Grundlage für das „Wirtschaftwunder“ der 1950er und 1960er Jahre gelegt war.

          Voraussichtlich wird es auch beim Euro eine Zeit lang dauern, bis die Deutschen die Frage nach dem Vertrauen in die neue Währung positiv beantworten. Die im Vergleich positiveren ökonomischen und gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen weisen auf eine kürzere Übergangszeit hin.

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