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EU-Energiebeihilfe : 40 Milliarden Euro Subventionen für Ökostrom

Nummer eins: Kein Energieträger wird stärker subventioniert als die Sonnenkraft Bild: Getty

Der EU-Subventionsbericht zeigt: Grüne Energie wird überproportional viel gefördert. Kohle ist jedoch wesentlich günstiger – nur nicht bei den Folgekosten.

          Knapp ein Jahr ist es her, seit Energiekommissar Günther Oettinger in letzter Minute konkrete Zahlen zu den Subventionen für Ökostrom, Kern- und Kohlekraft aus einem Vorschlag zur Beschränkung der Hilfen im Energiesektor streichen ließ. „Zensur!“, riefen die Umweltschutzverbände. Die Zahlen hätten Oettinger nicht gepasst, da Kern- und Kohlekraft schlecht wegkämen.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Die Zahlen seien nicht gesichert gewesen, rechtfertigte seine Sprecherin die Entscheidung und kündigte an, die Kommission werde schon bald eine Analyse der Subventionen vorlegen. Deren Präsentation hat sich mehrfach verzögert. Nun aber steht sie offenbar unmittelbar bevor. Die Analyse liegt dieser Zeitung vor, und sie besagt: die meisten Hilfen in der EU erhalten nicht die Betreiber von Atom- und Kohlekraftwerken, sondern die Ökostromhersteller.

          40 Milliarden Euro sind nach der von dem Beratungsunternehmen Ecofys federführend betreuten Untersuchung 2012 an die Erzeuger von Energie aus Wind-, Sonnenkraft und Biomasse geflossen. Das waren mehr als ein Drittel der auf rund 120 Milliarden Euro bezifferten Subventionen. Knapp 15 Milliarden Euro davon entfielen auf die Sonnenkraft und 10 Milliarden Euro auf Windkraftwerke an Land. Die Erzeuger von Wärme und Strom aus Biomasse erhielten rund 8,5 Milliarden Euro. Kohle als Energieträger haben die EU-Staaten nur mit 10 Milliarden Euro gefördert, Erdgas mit 5 Milliarden Euro und Kernenergie mit 7 Milliarden Euro. Dabei sind „historische Subventionen“, etwa für die Entwicklung und den Bau von Kraftwerken, berücksichtigt. Das gilt auch für die Entsorgung von Atommüll.

          Deutschland vor Großbritannien vor Spanien

          Kaum Hilfen haben die EU-Staaten und die EU 2012 für den immer wieder als entscheidend für die Zukunft des Energiemarkts bezeichneten Ausbau der Infrastruktur gezahlt. Insgesamt stellten sie dafür nur 200 Millionen Euro bereit. Die meisten Subventionen im Energiesektor zahlte 2012 Deutschland mit etwas mehr als 25 Milliarden Euro vor Großbritannien (13 Milliarden Euro), Spanien und Italien (jeweils 10,5 Milliarden Euro).

          Das Ergebnis zur Verteilung der Subventionen zwischen den Energieträgern ist allerdings verzerrt, da die Autoren der Analyse Subventionen wie die freie Zuteilung von Emissionsrechten, von denen nicht zuletzt Kohlekraftwerke profitieren, von 14 Milliarden Euro separat ausweisen.

          Das gilt auch für Hilfen für die Energienutzer in Form von Steuernachlässen oder direkten Hilfen von 27 Milliarden Euro, von denen überwiegend die Erzeuger von Energie aus Gas, Kohle und Kernenergie profitieren. Insgesamt ist der Abstand zwischen den Subventionen für die erneuerbaren Energieträger und die anderen Energieträger in absoluten Zahlen damit geringer.

          Kohle ist am günstigsten

          Im Verhältnis zur erzeugten Strommenge wiederum wird kein Energieträger stärker gefördert als die Sonnenkraft. Knapp 115 Euro je Megawattstunde betragen die Hilfen. Das entspreche ungefähr den tatsächlichen Kosten, urteilen die Autoren. Allerdings lagen diese 2008 auch noch knapp doppelt so hoch wie 2012. Die zweithöchsten Subventionen fielen 2012 für Windkraftanlagen auf hoher See (rund 60 Euro) an. Es folgen Windkraftanlagen an Land und Biomasse (knapp 30 Euro). Kohle und Kernenergie erhielten weniger als die Hälfte davon.

          Jenseits der Subventionen haben die Autoren zudem die Wettbewerbsfähigkeit der verschiedenen Energieträger untersucht. Demnach sind die Kosten für die Stromerzeugung aus Steinkohle nach Schätzung der Autoren derzeit mit rund 75 Euro je Megawattstunde am niedrigsten. Strom aus an Land gewonnener Windkraft ist nur unwesentlich teurer.

          Was die Frage aufwirft, ob er überhaupt noch subventioniert werden müsste. Strom aus Gas und Kernkraft kostet rund 100 Euro je Megawattstunde, Sonnenstrom 115 Euro, Strom aus Hochsee-Windanlagen 125 Euro und Wasserkraft beinahe 150 Euro. Derartige Schätzungen sind allerdings unsicher. Die wahren Kosten der einzelnen Energieträger zu bestimmen sei sehr schwierig, geben die Autoren zu.

          Berechnungen zu Folgekosten sind unsicher

          Separat führen die Autoren in der Analyse die Folgekosten auf. Am stärksten gewichten sie dabei die Folgen für das Klima. Auch etwa durch Feinstaub verursachte Gesundheitsschäden fallen stark ins Gewicht. Kohle schneidet dabei – nicht zuletzt, weil sie viel Treibhausgas freisetzt – mit großem Abstand am schlechtesten ab.

          Bis zu 140 Euro je Megawattstunde müssen die Staaten aufwenden, um durch die Verbrennung von Kohle verursachte soziale und gesundheitliche Schäden und Folgen des Klimawandels zu beseitigen. Die Folgekosten von Gas liegen hingegen nur bei bis zu 60 Euro je Megawattstunde. Atomkraft und Sonnenenergie schneiden mit 20 Euro noch besser ab. Windkraft zieht faktisch keine Folgekosten nach sich.

          Oettinger will die Untersuchtung noch innerhalb seiner voraussichtlich Anfang November endenden Amtszeit als Energiekommissar, eventuell schon in dieser Woche, offiziell in Brüssel vorstellen. Innerhalb der Kommission herrscht offenbar noch Streit darüber, wie die Ergebnisse zu bewerten sind. Nicht zuletzt die Schätzungen zu den Folgekosten gelten als unsicher. Die Angaben zu den Subventionen wiederum stützen sich weitgehend auf konkrete Angaben der Mitgliedstaaten.

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