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Hanks Welt : Brüsseler Milliarden

Die Ergebnisse des EU-Gipfels werden in Deutschland als Erfolg bezeichnet. Bild: Picture-Alliance

Die EU schickt in der Corona-Pandemie Milliarden an notleidende Staaten. In Deutschland erzählt man, warum das vor allem uns selbst nützt. Narrative haben in die Wirtschaftswissenschaft Einzug gehalten.

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          Mit 750 Milliarden Euro will die Europäische Union den sogenannten Wiederaufbau Europas nach der Corona-Pandemie fördern. 390 Milliarden davon werden an notleidende Staaten (vor allem Italien und Spanien) verschenkt, während die EU Kredite aufnehmen und Zinsen bezahlen muss, um das Hilfspaket zu finanzieren.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Die Investition der EU rechnet sich“, so tönt es jetzt vielfach. Das Geld sei nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch gut angelegt. Die Argumentation geht ungefähr so: Wenn Italien Geld geschenkt bekommt, wird es davon seine Wirtschaft fit machen. Die Firmen dort bekommen wieder Aufträge und stellen Arbeiter ein. Und was machen die mit dem Geld?

          Die Firmen kaufen deutsche Maschinen, und die Arbeiter kaufen einen Mercedes oder einen unserer Volkswagen. Wer bezahlt, bekommt für sein Geld also eine Gegenleistung, lautet die Botschaft. Die Gegenleistung bestehe darin, dass in Deutschland Arbeitsplätze gesichert werden, weil die Italiener dank der Aufbauhilfe ihre Märkte offen halten: Deutschland lebe schließlich vor allem vom Absatz seiner Produkte innerhalb der EU.

          Ein Freund aus der deutschen Hochfinanz, mit dem ich diese Brüsseler Hilfslogik jüngst debattierte, schüttelte verdrießlich den Kopf und meinte, das klinge so, als ob mir die Marktfrau erst das Geld in die Hand drücken müsse, mit dem ich anschließend ihre frischen Pfirsiche kaufen könne – eine irgendwie verkehrte Welt, die auf ein wirtschaftliches Perpetuum mobile setzt. Nun weiß auch mein Freund, dass die Hilfseuropäer nicht ganz so simpel ticken, wie es das Marktfrau-Beispiel unterstellt. Das magische Zauberwort in all solchen Fällen heißt „Hebel“, was in etwa bedeutet: Das nach Italien und Spanien verschenkte Geld zahlt sich vielfältig und mit einer positiven Rendite für uns aus, ist also eine Art Anschubfinanzierung, mit der am Ende der Saldo für Daimler, seine Arbeiter und den indirekt profitierenden deutschen Steuerstaat positiv ist.

          Akzeptanz durch eine einseitige Erzählung

          Man hört es freilich schon mit, das „Hätte, hätte, Fahrradkette“: Die Behauptung, das rechne sich, ist sehr stark konditioniert. Wenn Italien es nicht schafft, seine Wirtschaft wettbewerbsfähig zu machen und seine Unternehmen aus dem Geflecht von Vorschriften – vor allem Arbeitsmarktregulierungen – zu befreien, werden die Milliarden aus Brüssel am Ende verpuffen. Und Deutschland kann seine Geldspende abschreiben.

          Was bleibt dann von dem Versprechen, „das rechnet sich“? Leider nur ein „Narrativ“. Das Wort wird seit geraumer Zeit inflationär gebraucht, weshalb man sagen muss, was damit gemeint sein soll. Narrative erzählen Geschichten, damit wir die Welt, in der wir leben, besser verstehen. In diesem Fall also die Geschichte von Italien, das unterstützt werden müsse, damit wir (und nicht nur Italien) bald wieder wirtschaftlich auf die Beine kommen. Narrative konstruieren Wirklichkeit – nicht indem sie etwas komplett frei erfinden, sondern indem vieles ausgelassen wird, was auch zur Wahrheit gehört, zum Beispiel das Risiko, das Geld könnte verpuffen.

          Alles im Leben hat mindestens seine zwei Seiten. Ein Narrativ begnügt sich mit einer Seite. Denn es verfolgt weniger die Absicht, die Wahrheit zu erzählen, als es vielmehr mit Worten oder Sätzen etwas Bestimmtes bewirken will. Im Fall der Brüsseler Milliarden geht es darum, Akzeptanz bei den Deutschen für das viele Geld zu schaffen, mithin für den finanzpolitischen Paradigmenwechsel Europas von einer Haftungs- zu einer Transferunion. Altruismus – Ursula von der Leyen: „We are all Italian“ – genügt offensichtlich nicht zur Legitimation der Hilfsaktion. Unser Narrativ befriedigt darüber hinaus den Egoismus, wenn es behauptet, die Hilfe rechne sich „für uns“.

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