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Essay : Die Kirche und das Euro(pa)dilemma

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Der Fiskalpakt weist aus dem Dilemma keine Alternative. Was nützen finanzielle Sanktionen gegenüber Ländern, die nichts zahlen können? Warum überhaupt sollte dieser neue Pakt eingehalten werden, nachdem alle anderen Verträge bislang gebrochen wurden? Auch keynesianisch begründete öffentliche Wachstums- oder besser Nachfrageprogramme auf Pump bleiben ohne glaubwürdigen Konsolidierungswillen nicht mehr als ein teures Strohfeuer. Auch das Abwürgen von Volkswirtschaften durch eine zu restriktive Politik ist kein Allheilmittel. Unterschiedliche kulturelle Mentalitäten im Euroraum konnten sich jetzt beim letzen EU-Gipfel in Brüssel nicht auf eine strenge juristisch durchsetzbare Solidität einigen. Gerade Deutschland muss umso mehr darum ringen, mit Nachdruck für einen solchen Kurs wieder Verbündete zu finden. Andernfalls kann ein Festhalten am Euro um jeden Preis Deutschland nicht nur in die wirtschaftliche Depression, sondern auch in politische Isolation führen. Das gilt es zu verhindern.

Eine weitere Preisgabe finanzpolitischer Solidität in Europa wäre zudem ohne eine Volksabstimmung verfassungswidrig. Die konsequente Nutzung der Ausstiegsoption für Krisenländer könnte wieder Vertrauen im Euroraum schaffen und Möglichkeiten eröffnen, ihnen mit nunmehr eigenen Währungen beizustehen. Die zurückgewonnenen Instrumente der Auf- und Abwertung sowie die Unabhängigkeit von einer nivellierenden Geldpolitik, die nicht zwischen boomenden und rezessiven Volkswirtschaften unterscheidet, könnten die Wettbewerbsfähigkeit solcher Länder stärken. Im Euroraum ergäben sich neue Koalitionen, die einen Kurswechsel zur Solidität wieder wahrscheinlicher machten.

Wo können die Kirchen konkrete Akzente setzen? Natürlich ist hier ihr caritativer Einsatz für die Menschen gefragt, die vor allem in den Krisenländern kaum noch durch soziale Netze aufgefangen werden. Dazu müssen von ihnen in aller Schärfe Korruption und Verschwendung angeprangert werden. Ein neuer Schwerpunkt kirchlicher Bildungsarbeit sollte die Aufklärung über sozialethische Zusammenhänge sein, um eine mündige Kompetenz zu stärken. Einem Geist nationaler Egoismen gegenüber hat die katholische Kirche die Chance und den Auftrag, eine Kultur gemeinsamer Verantwortung zu stärken. Internationale Begegnungen kirchlicher Gruppen gerade auf lokaler Ebene haben zur Versöhnung zwischen Deutschland und seinen Nachbarn maßgeblich beigetragen. Vor allem solche wie auch überregionale Treffen im Geist gegenseitiger Wertschätzung und Redlichkeit dienen der großen Vision des europäischen Friedens mehr als das Festhalten an politisch populären Ideen, denen der Boden unter den Füßen abhandenkommt.

Der Autor

Elmar Nass arbeitet als Verantwortlicher für Fortbildung im Generalvikariat des Bistums Aachen und lehrt außerdem Wirtschafts- und Sozialethik an der Technischen Hochschule der Kaiserstadt. 1966 in Kempen am Niederrhein geboren, hat Nass nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann Theologie, Sozialwissenschaften und Philosophie in Bonn und Rom studiert. In Rom wurde er auch zum Priester geweiht. Nach der Promotion in Theologie 2002 in Trier folgte 2006 noch eine Promotion in Sozialpolitik und Sozialökonomik an der Universität Bochum. Nass engagiert sich zudem in der Grundwertekommission der CDU-Sozialausschüsse. (hig.) Die ideologischen Positionen katholischer Wirtschaftsethiker liegen weit auseinander. Eine subsidiaritätsvergessene Solidarität sät eine Kultur des Unfriedens.

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