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Esprit : Haus ohne Hüter

Laden von Esprit in Hongkong Bild: REUTERS

Das Modehaus steckt in der tiefsten Krise seiner Geschichte. Erst geht die die Führungsspitze, dann rutscht der Kurs der Aktie ins bodenlose. Ein Ende der Malaise ist nicht in Sicht.

          Starke Marke, große Krise, und Esprit Holdings steckt mittendrin. Der Ausweg scheint versperrt, die Konkurrenten eilen davon, die führenden Manager kehren dem traditionsreichen Modehaus den Rücken. Nach der Ankündigung des Rückzugs des Vorstandsvorsitzenden hat nunauch Aufsichtsratschef Hans-Joachim Körber sein Amt niedergelegt. Er wird an der Spitze des Kontrollgremiums des Modehauses durch Raymond Or, den einstigen Chef der Hang Seng Bank, ersetzt.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Anne Ling, Analystin der Deutschen Bank, warf die Frage nach Machtkämpfen in den Führungsetagen des Hauses auf. Gabriel Chan, Analyst der Credit Suisse Group, sagte: „Wer führt den Laden eigentlich?“ Viele Aktionäre fragen sich das auch. Sie reagierten schockiert und verkauften weitere Anteile. Das ließ den Preis der Esprit-Aktie an der Börse von Hongkong einen Tag nach dem größten Kursrutsch in der jüngeren Unternehmensgeschichte (F.A.Z. vom 14. Juni) um weitere 12 Prozent fallen. Damit hat sich der Wert des Papiers in hundert Tagen halbiert. Ein Ende scheint nicht in Sicht. Die Analysten von Religare Capital Markets sehen den Kurs noch weiter fallen.

          Der scheidende Vorstandschef von Esprit, Ronald van der Vis. Er gibt persönliche und familiäre Gründe für seinen Rücktritt an.

          Neun Monate, nachdem das traditionsreiche Textilunternehmen einen Sanierungsplan vorlegte und sich an die schrittweise Abarbeitung machte, um den Umsatz- sowie den Gewinnrückgang zu stoppen und wieder den Anschluss an Konkurrenten zu erhalten, scheint Esprit tiefer den je in der Krise. Während Konkurrenten wie Inditex und H&M auf der Gewinnerseite der Branche stehen, Nobelmarken wie Prada, Armani und Louis Vuitton ein Rekordergebnis nach dem anderen einfahren, sieht sich Esprit nach den Worten seines scheidenden Vorstandschefs zum T-Shirt-Verkäufer degradiert, für den es um alles oder nichts geht. Der neue Verwaltungsratschef Or muss nun eine neue Führung zusammenschweißen und einen geeigneten Kandidaten für den Chefsessel im Vorstand präsentieren.

          Denn die Vorstände für Finanzen und das operative Geschäft sind ebenso neu im Unternehmen wie die Chefdesigner und die Leiter der Produktsparte. Und Anfang dieser Woche hatte auch der Vorstandsvorsitzende Ronald van der Vis aus persönlichen und familiären Gründen angekündigt, den Posten Anfang kommenden Monats zu räumen. Vis habe dem Unternehmen „eine gehörige Portion Enthusiasmus gegeben“, heißt es seitens des Wertpapierhauses CLSA. Enthusiasmus ist zwar wichtig, doch mit ihm allein ist in einer Branche, in der jenseits der Laufstege gehauen und gestochen wird, nichts zu gewinnen.

          Hatte Esprit in den vergangenen Jahren doch einige wichtige Weichen falsch gestellt? Vis hatte im Spätsommer vergangenen Jahres erklärt, Esprit „habe seine Seele verloren“. Das 1968 in San Francisco von Suzie und Doug Tompkins als Textilladen quasi aus dem Kofferraums ihres Kleinbusses heraus gegründete und nur wenige Jahre darauf mit einer Kapitalbeteiligung des Hongkonger Textilagenten und späteren Multimilliardärs Michael Ying groß gemachte Unternehmen steckt in der Sackgasse. Kein Wunder: In den fünf Jahren, bevor die Umsatzzahlen 2008 ihren Höhepunkt erreicht hatten, wurde die am Kapitalstock gemessene Quote der Investition um ein Viertel gegenüber dem historischen Durchschnitt zurückgefahren.

          Schatten an der Werbewand.

          Fortan wirkten die Läden etwas weniger elegant. Auch erschien die Werbung der Konkurrenten anziehender zu sein. Der 2003 ans Steuer des Unternehmens gekommene Heinz Krogner trimmte den Konzern nicht nur auf Effizienz, er verpasste ihm auch eine Akademie zur Entwicklung von Talenten und ging Kooperationen wie die mit dem Musiksender MTV ein. Allerdings machte Esprit einen Gutteil seiner Geschäfte in Europa. Die Finanzkrise rund um den Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers vor knapp vier Jahren hatte Esprit noch ganz gut gemeistert. Durch die derzeitige Krise rund um den Euro ist die Nachfrage auf dem wichtigsten Einzelmarkt des Unternehmens allerdings deutlich gesunken.

          Esprit macht knapp 80 Prozent seines Konzernumsatzes in Europa, bei H&M sind es rund 50 Prozent, bei Inditex keine 40 Prozent. Entsprechend sind die Folgen. Krogner verließ Anfang vergangenen Jahres das Unternehmen. Der einstige Metro-Chef Körber folgte als Aufsichtsrat. Im operativen Geschäft war Vis die neue Hoffnung. Doch wie Vis hat nun auch Körber sein Amt abgegeben. „Die haben ein Führungsproblem“, erklärte Mohan Singh vom Wertpapierhaus Citic Securities. Die Aktionäre sind perplex, der Kurs der Aktie fällt; Esprit hat zwar einen Plan zur Sanierung, aber niemand, der ihn umsetzt - ein Haus ohne Hüter.

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