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Russland-Besuch : Moskau wirbt um saudische Petrodollars

  • -Aktualisiert am

Annäherung in Moskau: König Salman Ibn Abd al-Aziz und Präsident Wladimir Putin Bild: AFP

Mit dem ersten Russland-Besuch eines saudischen Königs sollen die großen Erdölländer wirtschaftlich zueinander finden. Der Kreml profitiert von Amerikas schwindender Relevanz.

          Russland und Saudi-Arabien sind die beiden weltgrößten Erdölexporteure, aber genau diese Konkurrenz stand einer nennenswerten wirtschaftlichen Zusammenarbeit lange Zeit im Weg. Dank des ersten Besuchs eines saudischen Königs in Moskau soll sich das von nun an ändern. König Salman ibn Abd al-Aziz und Präsident Wladimir Putin überwachten am Donnerstag im Kreml die Unterzeichnung einer Reihe von Abkommen. Angesichts der wenig diversifizierten Wirtschaftsstruktur beider Länder liegen die Schwerpunkte zwar auch im Öl- und Gasbereich, aber Saudi-Arabien versucht, sich zumindest vom Export reinen Rohöls unabhängiger zu machen.

          Der Besuch des saudischen Königs hat das russische Außenministerium veranlasst, von einem epochalen Ereignis zu schwärmen. Tatsächlich ist die Visite für Moskau höchst willkommen und mit Blick auf den Erzrivalen Amerika ein Prestigeerfolg: Traditionell unterhalten Saudi-Arabien und die Vereinigten Staaten nicht nur enge politische, sondern auch wirtschaftliche Kontakte. Riad war auf die Schutzmacht und den Ölimporteur Amerika ausgerichtet, der Handelsumsatz mit Russland ist bis heute kaum der Rede wert. Doch seit sich die Vereinigten Staaten durch die Erschließung von Schieferölvorkommen mehr aus eigenen Quellen versorgen können, geht auch der saudische Blick nicht mehr starr über den Atlantik.

          Der saudische und der russische Staatschef vereinbarten in Moskau unter anderem die Gründung eines gemeinsamen Investitionsfonds, der mit einer Milliarde Dollar gefüllt werden und Energieprojekte unterstützen soll. Ferner lotet der größte russische Chemiekonzern Sibur Möglichkeiten für saudische Aufträge aus. Im Vorfeld hieß es in Moskau, Sibur wolle für 1,1 Milliarden Dollar eine Fabrik zur Herstellung von synthetischem Gummi in dem Königreich errichten. Auch eine saudische Beteiligung von 250 Millionen Dollar an dem russischen Erdölservicedienstleiser Eurasia Drilling wird diskutiert. Ironischerweise versucht der amerikanische Konkurrent Schlumberger derzeit schon zum zweiten Mal, bei Eurasia Drilling einzusteigen und diesmal die Mehrheit zu übernehmen - er dürfte aber wieder an politischen Bedenken der russischen Wettbewerbskommission scheitern.

          Trotz oder gerade wegen seines Ölreichtums interessiert sich Riad auch zur Diversifizierung seiner Energiequellen für Russland. Wie ein Vertreter des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco sagte, würden Möglichkeiten geprüft, um verflüssigtes Erdgas (LNG) aus Russland zu erhalten. LNG lässt sich für die petrochemische Industrie verwenden und ist besser zur Stromerzeugung geeignet als das in dem Königreich verbreitete Verbrennen von Öl. Saudi-Arabien hat mit Qatar zwar einen der weltgrößten LNG-Produzenten direkt vor seiner Landesgrenze, aber die politischen Beziehungen zu dem Emirat stecken in einer Krise. Diskutiert wird auch über eine saudische Beteiligung an einem LNG-Projekt des russischen Konzerns Novatek in der Arktis. Gleichzeitig hofft der Kreml-Konzern Rosatom auf Aufträge für den Bau von zwei Kernkraftwerken, vorbereitende Abkommen wurden unterzeichnet. Riad will die Atomenergie bis 2030 stark ausbauen.

          Reine Harmonie herrscht zwischen beiden Ländern allerdings nicht. Moskau hat sich im Syrienkrieg mit militärischer Gewalt als Partei etabliert, die Saudi-Arabien nicht ignorieren kann. Dies gilt erst recht, weil Moskau sowohl Syriens Machthaber Bashar al-Asad wie auch Iran unterstützt und so die genau entgegengesetzten Positionen zu Riad vertritt. Doch so besteht immerhin Gesprächsbedarf, der neben dem wirtschaftlichen Aspekt die ungewöhnliche Visite von König Salman ibn Abd al-Aziz erklärt. Ermöglicht wurde Russlands Erstarken im Nahen Osten wiederum nur, weil die Vereinigten Staaten ihre Rolle als Ordnungsmacht reduzierten. Präsident Putin kommentierte am Mittwoch die Frage nach einer geopolitischen Allianz zwischen Amerika und Saudi-Arabien rhetorisch: „Gibt es wirklich etwas auf der Welt, das von Dauer ist?“

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          In Wirtschaftsfragen wurde das Vertrauen zwischen Russland und Saudi-Arabien vor allem durch eine im September 2016 erzielte, bilaterale Einigung zur Stabilisierung des Erdölpreises gestärkt. Beide Länder leisten zusammen rund ein Viertel der globalen Ölförderung. Auf diese Einigung folgte im November 2016 das Abkommen von 24 Mitgliedern und Nichtmitgliedern der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) zur Begrenzung der Erdölproduktion. Putin ließ anlässlich des saudischen Besuchs nun durchblicken, dass dieses Abkommen zum zweiten Mal verlängert werden könnte. Derzeit wird es im März 2018 auslaufen. Abzuwarten bleibt, ob sich die freundliche Stimmung diesmal für Moskau auszahlt: Im Jahr 2015 hatten beide Länder schon saudische Investitionen in Russland von 10 Milliarden Dollar vereinbart. Davon ist bis heute nur eine Milliarde Dollar angekommen.

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