https://www.faz.net/-gqe-7vacg

Erste Bilder aus dem Neubau : Die neue Burg der EZB

  • -Aktualisiert am

In diesem Saal wird künftig die Geldpolitik gemacht. Die Decke, entworfen vom Architekten Wolf D. Prix, zeigt eine stilisierte Europakarte Bild: Eilmes, Wolfgang

Die Europäische Zentralbank hat sich eine neue Zentrale gebaut: für 1,3 Milliarden Euro. Der Präsident tagt dort bald mit spektakulärem Blick, die Mitarbeiter trainieren im eigenen Fitness-Studio, und vor Anschlägen schützt eine Art Burggraben. Ein Rundgang.

          6 Min.

          Zwei Wochen sind es noch, bis die ersten Umzugswagen rollen. Am ersten November-Wochenende ziehen die ersten EZB-Mitarbeiter um: aus dem Euro-Tower im Zentrum Frankfurts in das neue Gebäude, das im Osten der Stadt seit einiger Zeit in die Luft ragt. Der neue Hauptsitz der Europäischen Zentralbank ist ein gigantischer verdrehter Glasturm, der innen aus zwei Türmen besteht; zu seinen Füßen die denkmalgeschützte Großmarkthalle.

          Seit fast fünf Jahren baut die EZB an dem Turm, noch viel länger plant sie daran. Jetzt ist er da. 185 Meter ist er hoch, 1,3 Milliarden Euro soll er am Ende kosten, so lautet die derzeit offizielle Schätzung. Ursprünglich sollten es einmal 850 Millionen Euro sein. Irgendwann hieß es allerdings einmal, der Turm sei im Jahr 2011 fertig. Nun, Ende 2014 ist es so weit.

          Spektakulärer Blick auf die Skyline

          Durch den Haupteingang werden die Mitarbeiter bald in die lichte, riesige Großmarkthalle treten, die sie durchqueren müssen, um zu ihren Büros in den Türmen zu gelangen. Doch jetzt, zwei Wochen vorher, ist man hier noch nicht ganz einzugsbereit: da hängt immer mal wieder ein Stück Decke von oben herunter; da muss man achtgeben, nicht in die Löcher im Boden zu treten; da sind die Aufzüge in den Türmen noch komplett abgeklebt. Noch wichtiger: „Vor allem muss mal gründlich geputzt werden“, sagt Thomas Rinderspacher. Er ist Projektleiter der EZB für den Neubau. Schon die Suche nach einem Grundstück hat er vor vielen Jahren begleitet, später die Ausschreibung, den Bau. Drei Präsidenten und fünf zuständige Direktoriumsmitglieder für den Bau sah er in dieser Zeit kommen und gehen. „Ich bin einer der wenigen, die von Anfang bis zum Ende dabei waren“, sagt Rinderspacher.

          Und das ist der Blick aus dem neuen Ratssaal auf die Frankfurter Hochhäuser. Bilderstrecke
          Und das ist der Blick aus dem neuen Ratssaal auf die Frankfurter Hochhäuser. :

          Und er ist der allererste, der sogar schon eingezogen ist, kurz vor dem offiziellen Umzug. Am Freitag vor einer Woche kamen seine Umzugskisten, am Dienstag hat er sie ausgepackt in seinem gläsernen Büro mit Blick auf den Main. Der Kaffee, den man hier trinkt, kommt schon aus der Nespresso-Maschine, die es in den unangenehm grellbunten Kaffeeküchen auf jedem Stockwerk gibt – allerdings im Pappbecher: Die Spülmaschine läuft noch nicht. Dafür führt Rinderspacher gerne andere Besonderheiten des Gebäudes vor, die schon funktionieren. Die Büros sind standardmäßig unspektakulär eingerichtet. Dafür gibt es technischen Schnickschnack: Die Zwischenräume zwischen den Fenstern öffnen sich auf Knopfdruck und lassen Luft herein. Die Lichtschalter sind an der Glaswand angebracht und senden das Signal per Funk ans Licht.

          Draghi residiert streng geheim

          Doch um was es bei diesem Bau wirklich geht, sieht man erst, wenn man den Schnellaufzug nimmt und abhebt in den 41. Stock. Hier ist der Eingang zum neuen Ratssaal, also zu dem Raum, in dem sich die Gouverneure der europäischen Notenbanken treffen, um über Zinssenkungen und Deflationssorgen zu sprechen – oder sich über ABS-Programme zu zerstreiten. Der Ratssaal im alten Eurotower ist in Holz gehalten, mit schwarzen Stühlen und Fenstern, die von Gardinen verdeckt sind. Jetzt ist alles anders. Drei Seiten Fensterfront bieten einen spektakulären Blick auf die Hochhäuser von Frankfurt, den man hoffentlich nie durch Gardinen verbergen wird. Und die jetzt noch abgedeckten Tische und in Folie verpackten Stühle sind nicht dunkel, sondern aus hellbeigem Leder. Über den Köpfen wölbt sich eine markante metallene Decke in unregelmäßigen Wellenformen. Der Architekt Wolf D. Prix stellt klar: es ist eine stilisierte Europakarte. Das ist nicht selbsterklärend.

          Es ist denn auch dieser Raum, der dem Architekten besonders wichtig ist. „Wenn ich mir einen Raum aussuchen könnte als Büro, dann würde ich den Ratssaal wählen“, sagt Prix. „Das ist der schönste Raum.“ Ein perfektes Großraumbüro, wie es Architekturbüros wie das seine namens Coop Himmelb(l)au lieben. Und mit den bequemen Schweizer Markensesseln überdies ein luxuriöses.

          Unter dem Ratssaal liegen im Südturm drei Etagen für die Obersten der EZB. Eine Etage für Präsident Mario Draghi und seinen Vize, zwei für den Rest des Direktoriums und Arbeitsräume. Diese Etagen darf derzeit kein Journalist betreten, sie sind geheim. Vom gewöhnlichen Volk sind sie getrennt durch zwei Etagen voller Technik, die darunter liegen. Und durch eine Tür im Treppenhaus, für die sicher nicht jeder einen Schlüssel bekommt.

          Sicherheit hat hohe Priorität

          Sowieso geht die Sicherheit vor in der EZB. Groß ist die Angst vor Anschlägen, obwohl die EZB in der Innenstadt doch bislang so verletzlich steht und noch nie etwas passiert ist. Das ist aus Sicht der Obersten keine Dauerlösung, war es nie, das war schon klar, als man Ende der 90er Jahre ein Grundstück suchte. Groß sollte es sein. Denn: „Der wesentliche Schutz gegen Anschläge ist der Abstand vom Gebäude zur Straße“, sagt Rinderspacher, der damals schon dabei war.

          Der Architekt Wolf D. Prix sagt: „Ich habe noch kein Gebäude gebaut, bei dem Sicherheitsvorkehrungen eine so große Rolle gespielt haben.“ Das sieht man sofort am künftigen Haupteingang – obwohl die EZB es gerade dort gut verbergen möchte. Ein Graben trennt die Außenwelt vom EZB-Gelände. Wie einst in der Ritterburg dient der Graben dazu, Feinde abzuwehren – bei der EZB ist er ein Mittel, um geländegängigen Fahrzeugen die Anfahrt an die Türme zu erschweren. Das Gute am Graben: Im Gegenzug durfte der Zaun hinter dem Graben niedriger ausfallen, sodass man von der Straße aus die Türme und die Großmarkthalle besser sieht. Wie in einer echten Ritterburg gibt es außerdem auch einen Tunnel. Den braucht es, weil die Lastwagen, die beispielsweise das Essen für die Kantine bringen, nicht bis an den Turm vorfahren dürfen. Sie fahren stattdessen in eine versenkte Einfahrt, dort wird die Lieferung entladen und durch einen Tunnel zum Hauptgebäude gebracht.

          Stattlicher Preis

          Fürs gesamte Gelände gilt zudem: Es gibt mindestens drei Sicherheitsschranken, die Eindringlinge mit Autos überwinden müssten. Die erste stammt von der Stadt: Sie hat an zentralen Stellen – zum Beispiel am Main – dicke Poller auf öffentliche Wege gestellt, um die Bank zu schützen. Die zweite Sicherheits-schranke ist ein unauffälliges Mäuerchen, das als Anprallschutz dient für große Fahrzeuge. Dahinter als dritte Schranke ein Zaun, bis zu 2,20 Meter hoch oder eben teils niedriger und mit Graben davor. Dahinter folgt eine unregelmäßige hügelige Parklandschaft, für die gerade erste Bäume gepflanzt werden. Wenn sie fertig ist, ist sie ein vierter Schutz.

          Das alles sollte Präsident Mario Draghi beruhigen, wenn er bald im 40. Stock über die Zukunft des Euro nachdenkt. Wann er einzieht, gibt die EZB nicht bekannt. Auch das Datum der ersten Pressekonferenz im neuen Gebäude steht noch nicht fest. Wenn es sehr schnell geht, könnte es schon am 6. November so weit sein, dem nächstmöglichen Termin. Der Saal für die Pressekonferenz ist auf jeden Fall schon fertig. Das Podium mit Blick in die Stadt ist aufgebaut, die Stühle stehen noch eingepackt an der Seite.

          Dann wird es sicher auch wieder Fragen zu den Kosten des Bauprojekts geben. Rund eine Milliarde von den derzeit geschätzten 1,3 Milliarden Euro ist schon gezahlt. Dafür musste kein Steuerzahler ran, die EZB zahlt das locker aus ihren Gewinnen. Es bedeutet allerdings, dass die nationalen Notenbanken weniger Geld von der EZB aus Gewinnen erhalten und somit weniger an ihre Finanzminister ausschütten können.

          Aber weniger Gewinn klingt weniger schlimm, erzeugt weniger Unmut, als wenn die Europäer den Bau aus ihren Steuern bezahlen müssten – auch wenn das kein großer Unterschied wäre. Auf jeden Fall sind 1,3 Milliarden Euro ganz schön ordentlich für 2900 Arbeitsplätze, die hier entstehen. Zum Vergleich: Die Doppeltürme der Deutschen Bank sollen, frisch renoviert und auf Öko getrimmt, für rund 600 Millionen Euro verkauft worden sein. Dabei ging es um eine ähnlich große Zahl von Arbeitsplätzen und um ein zwar deutlich kleineres Grundstück, dafür in allerbester Lage.

          Rechtskosten unterschätzt

          1,3 Milliarden Euro sind auch bedeutend mehr als die zuerst errechneten 850 Millionen Euro – wenn auch die Steigerung im Vergleich zu Katastrophenprojekten wie der Elbphilharmonie oder dem Berliner Flughafen moderat ist. Der wichtigste Grund dafür, dass der Bau so viel teurer wurde, liegt ironischerweise in der Inflation – und in der Zeit. Zu Anfang verzögerte sich das Bauprojekt enorm, weil sich kein Generalunternehmer fand, der es zum von der EZB berechneten Preis übernehmen wollte. Die EZB trat zurück, rechnete lange – und schrieb dann die Bauleistungen einzeln in Paketen aus. „Das war viel mehr Arbeit, aber das bringt Konkurrenz ins Geschäft und bessere Preise“, verteidigt Projektleiter Rinderspacher heute die Entscheidung. Doch damit ging viel Zeit verloren. Zeit, in der die Baupreise enorm stiegen, schließlich boomte damals gerade die Baukonjunktur weltweit.

          Ein weiterer Grund dafür, dass alles teurer wurde, war der rechtliche Aufwand, den man in der EZB unterschätzt hatte. Bei öffentlichen Bauprojekten versuchen sich die Anbieter in der Ausschreibung zu unterbieten. Danach aber setzen sie große Rechtsabteilungen dran, um rauszuholen, was nur geht. Die EZB musste sich externe Rechtsberatung sichern, um dagegen anzukommen. Vor allem, als es Probleme mit der Firma gab, die als Erstes den Rohbau erledigen sollte. Noch während der Tiefbauarbeiten zerstritt man sich so sehr, dass es nicht mehr miteinander ging. Die EZB suchte einen anderen Anbieter für den Rohbau, musste dem alten aber natürlich etwas zahlen, um den Vertrag aufzulösen.

          Leichtigkeit des Rohbaus ging verloren

          Als teuer erwies sich außerdem die Tatsache, dass die Großmarkthalle aus den 20er Jahren erhalten werden musste – und unberechenbar war. Ihre Fundamente waren schlechter, als im Bauplan angegeben. So mussten sie neu verstärkt werden: „durch Betoninjektionen“, erklärt Rinderspacher. „Ähnlich wie man es beim Schiefen Turm von Pisa gemacht hat.“ Aufwendig und teuer.

          Aber über den Preis will sich in der EZB heute keiner mehr ärgern. Jetzt geht es um den Einzug in das Gebäude, das auch für ganz normale Mitarbeiter einige Annehmlichkeiten bietet. In den Ostkopf der Großmarkthalle wird ein Fitness-Studio einziehen: über zwei Etagen. Ebenfalls in der Großmarkthalle befindet sich die Kantine, die mit blitzendem Metall an ein TV-Raumschiff erinnert. Das Beste aber sind die Zwischenetagen, die immer wieder den Nord- und den Südturm verbinden. Hier sind Plattformen eingebaut, auf denen sich die Mitarbeiter begegnen sollen. „Dort kann man mit Kollegen zusammensitzen vor bester Aussicht. Das ist ein neuartiges Konzept“, schwärmt Architekt Prix. Kaffee soll es hier geben und Internet an Stehtischen mit Ausblick Richtung Stadt, Prix wünscht sich zudem Lounge-Sessel. Die sind bislang nicht da, eines ist aber schon deutlich: Der Neubau ist von innen weitaus schöner als von außen. Auf den Zwischenetagen ist es leicht und licht. Man hat mehrere Etagen Luftraum über sich, blickt weit nach oben – und weit in die Ferne, in die Stadt. Von außen hingegen wirkt der Bau mittlerweile ein wenig klotzig. Die Leichtigkeit, die der Rohbau noch hatte, ist weg, seit er mit Glas verkleidet wurde. Aber vielleicht soll das auch so sein. „Die EZB ist ein Powerplayer im System der EU“, sagt Prix. „Und das zeigt sie mit dem Gebäude nun auch.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Einheitliche Regeln : Bundestag stimmt Corona-Notbremse zu

          Ausgangsbeschränkungen ab einer Inzidenz von 100, Schulschließungen ab 165 und einheitliche Regeln für den Einzelhandel: Die „Bundesnotbremse“ ist beschlossen. 8000 Menschen demonstrieren nahe der Abstimmung gegen die Corona-Maßnahmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.