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Erreichbarkeit nach Feierabend : Mobile Gelassenheit

Erreichbarkeit rund um die Uhr: Solch eine Anspruchshaltung kann die Grenzen zur Ausbeutung überschreiten Bild: dapd

Viele Menschen sind es gewohnt, mit ihrem Smartphone jederzeit online zu sein. Wenn Arbeitgeber das aber zu fleißig ausnutzen, führt manchmal kein Weg an einer Aussprache vorbei.

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          Der Fluch kam mit der Erfindung des Handys: Seit durch diese technische Errungenschaft das Telefon bei vielen Besitzern als unverzichtbares Accessoire die ständige Ausstattung ergänzt, ist es mit der Ruhe endgültig vorbei. IPhone, Blackberry, Galaxy tun ein Übriges: Ständige Erreichbarkeit zu jeder Zeit, an jedem Ort ist seither oberste Arbeitnehmerpflicht. So zumindest scheint es.

          Ob das wirklich stimmt, weiß eigentlich niemand so genau. Klare Regelungen wann, wo und vor allem wie lange Mitarbeiter „online“ sein müssen, gibt es in Unternehmen selten. Vielmehr setzt sich die unterschiedliche Anspruchshaltung der Vorgesetzten schnell auf subtile Weise durch: Im besten Fall sieht es der Chef als ein praktisches Hilfsmittel für die effektive Nutzung der Arbeitszeit auch jenseits des Büros - und die Mitarbeiter können die ganzen Vorzüge genießen, die ein Smartphone zweifellos bietet.

          Rund-um-die-Uhr-Service

          Am anderen Ende der Skala rangiert jedoch ein hyperaktiver Chef ohne großes Erholungsbedürfnis, der „mit gutem Beispiel“ vorangeht und seine Untergebenen praktisch zu jeder Tages- und Nachtzeit mit E-Mails traktiert. Freilich in der Erwartung, dass die Antwort postwendend erfolgt.

          Wie Chefs mit diesen technischen Möglichkeiten umgehen, entscheidet über das Wohl oder Wehe, das die Smartphones in eine Unternehmenskultur bringen. Manchmal verfluchen Mitarbeiter schon nach wenigen Wochen, überhaupt damit ausgestattet zu sein.

          Der Reiz des Neuen ist dann schnell verflogen. Sie fühlen sich von ihrer Arbeit verfolgt und kommen abends kaum zur Ruhe, ohne vorher noch mal die elektronische Post nach Arbeitsaufträgen durchforstet zu haben. Damit wird aus der vertraglich geschuldeten Arbeitsleistung schnell ein Rund-um-die-Uhr-Service - ohne Freizeitausgleich.

          An der Grenze zur Ausbeutung

          Solche überzogenen Ansprüche gibt es: Die Werbebranche und die Modeindustrie sind berüchtigt dafür, dass sie von den meist jungen Kollegen viel nehmen, aber nur wenig geben. Sekretärinnen auch aus anderen Branchen hinweg stöhnen, dass Chefs auch im Urlaub wie selbstverständlich noch eine Vollzeitbetreuung einfordern.

          Solch eine Anspruchshaltung kann die Grenzen zur Ausbeutung überschreiten. Unklar ist nur, was man dagegen tun kann. Im Reflex rufen Gewerkschafter nach dem Gesetzgeber, und in ihrer Hilflosigkeit schließen sich manche gebeutelten Mitarbeiter diesem Wunsch an.

          Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) fühlte sich durchaus angesprochen, doch ihr Aktionismus hält sich zum Glück noch in Grenzen: Sie mahnte Arbeitgeber, das geltende Arbeitszeitgesetz einzuhalten. Die Regelungen verschärfen will sie dagegen nicht.

          Angst vor einem Konflikt mit dem Chef

          Das würde auch nichts bringen, denn die bestehenden Grenzen sind eindeutig und fair: Maximal 48 Wochenstunden darf der durchschnittliche Arbeitnehmer ohne Führungsfunktion in Deutschland eigentlich arbeiten. Mehr nicht. Dass viele Beschäftigte trotzdem mehr schuften - und zwar Woche für Woche, Jahr für Jahr -, liegt neben der persönlichen Einsatzfreude auch daran, dass sie ihre Rechte nicht kennen und die Arbeitgeber diese Unwissenheit ausnutzen.

          Erreichbarkeit außerhalb der normalen Arbeitszeiten schuldet der Arbeitnehmer nur, wenn der Chef ihn ausdrücklich dazu anweist - und auch dann darf die tatsächlich geleistete Arbeitszeit die Grenzen der 48-Stunden-Woche nicht überschreiten.

          Viele Beschäftigte vermeiden den Konflikt mit ihrem Arbeitgeber; die Angst vor Kündigung, Gehaltskürzung, Ausgrenzung kann überwältigend sein. Doch wenn die Situation für den Arbeitnehmer untragbar wird, führt an einer Aussprache kein Weg vorbei.

          Die eigenen Rechte kennen

          Da kann der Gesetzgeber nicht übernehmen. Mitarbeiter sollten ihre Rechte kennen - und sie sind der Übermacht von Arbeitgebern keinesfalls schutzlos ausgeliefert: Betriebsräte, Gewerkschaften und der in Deutschland ausgeprägte Kündigungsschutz sorgen schon seit Jahrzehnten dafür, dass Mitarbeiter keine Entlassung fürchten müssen, wenn sie nur auf ihr Recht pochen. Deshalb wäre es absurd, den Umgang mit den neuen technischen Möglichkeiten ausgerechnet am schlechten Beispiel einiger Manager auszurichten.

          Verantwortung für einen sinnvollen Umgang mit Smartphones tragen nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die Beschäftigten selbst. Schließlich profitieren auch sie davon, wenn sie ihre Arbeit zeitlich flexibel auch von unterwegs erledigen können.

          Volkswagen ist die neue Flexibilität schon nach kurzer Zeit nicht geheuer geworden: Dort setzte der Betriebsrat durch, dass E-Mails nur in der Hauptarbeitszeit zugestellt werden. So viel Mitarbeiterbetreuung ist jedoch kontraproduktiv und in vielen Branchen schlicht nicht praktikabel.

          Die Beschäftigten müssen schon selbst die Reißleine ziehen, wenn die Entlastung in eine Belastung umschlägt. Wenn die ständige Erreichbarkeit bedeutet, dass vermehrt unnötige E-Mails geschrieben werden, hilft das niemandem. Die Unternehmen müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Dabei helfen klare Regeln im Betrieb, die Mitarbeiter weder überfordern noch die neu gewonnene Flexibilität unnötig einschränken.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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