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Schweiz : Das Wunder vom Gotthard

Durchbruch: Die Tunnelbohrmaschine „Sissi“ des deutschen Herstellers Herrenknecht durchstieß im Oktober 2010 die letzten Gesteinsschichten. Bild: dpa

Viele dachten, es wäre unmöglich. Doch nun ist das Milliardenprojekt fertig: An diesem Mittwoch eröffnet der Gotthard-Basistunnel. Ein Jahr früher als geplant. Wie geht das denn?

          Die Frauenstimme aus dem großen schwarzen Lautsprecher an der Wand klingt angenehm und soll offenkundig beruhigend wirken: „Sie sind in einer Sicherheitszone.“ Sicherheitszone? Jawohl: Wir sind auf der Flucht. Der Zug, der uns in den längsten und tiefsten Eisenbahntunnel der Welt gebracht hat, den Gotthard-Basistunnel in der Schweiz, ist nach einem Drittel der Strecke zum Stehen gekommen. Nehmen wir mal an, wegen Getriebeschaden. Oder weil ein Feuer ausgebrochen ist.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Das wäre das Schlimmste. Hitze kann an der Tunneldecke nicht entweichen und entwickelt so ganz schnell eine ungeheure Zerstörungskraft. In diesem Testlauf zu Demonstrationszwecken lodert natürlich nirgends eine Flamme. Aber der kräftige, kalte Wind, der beim Ausstieg an der Nothaltestelle Sedrun bläst, gibt eine Ahnung vom Ernstfall, der hoffentlich nie eintritt.

          Durch den gewaltigen Belüftungsschacht, der an dieser Stelle 800 Meter durch den Fels nach oben geschlagen werden musste, können je Sekunde 450 Kubikmeter Frischluft in die Tunnelröhren gepustet werden. „Dann geht hier die Post ab“, sagt Renzo Simoni. Der Bauingenieur führt die Projektgesellschaft Alp-Transit Gotthard AG, die dieses Jahrhundertwerk verantwortet. Mit dem „stärksten Ventilator der Welt“, so der Hersteller ABB, sollen die lebensgefährlichen Rauchgase bis auf eine Höhe von zwei Metern aus den Tunnelgewölben gejagt werden.

          Das größte Investitionsprojekt in der Geschichte der Schweiz

          Die gut beleuchtete und idiotensicher ausgeschilderte Evakuierungsroute führt hinüber zur zweiten Tunnelröhre, wo der Rettungszug wartet und die vermeintlich gestrandeten Passagiere aufnimmt. Auch für Gehbehinderte ist gesorgt, und niemand muss Durst leiden: Der Weg führt vorbei an Rollstuhl- und Wasserdepots. Damit er keine Platzangst – und damit Panik – provoziert, ist der Rettungstunnel sehr großzügig dimensioniert. Die Wände sind mit weichen Lärmschutzmatten verkleidet, damit die mehrsprachigen Lautsprecherdurchsagen nicht hallen und gut zu verstehen sind. „Der Tunnel ist zehnmal sicherer als jede andere Stelle im Schweizer Eisenbahnnetz“, behauptet Simoni: Da ist er, einer der vielen Komparative und Superlative, die sich in diesem Projekt aneinanderreihen wie die Waggons eines Güterzugs.

          Die Nord-Tunneleinfahrt in der Nähe von Erstfeld Bilderstrecke

          Der Gotthard-Basistunnel, der an diesem Mittwoch nach 17 Jahren Bauzeit feierlich eröffnet und im Dezember dann offiziell in Betrieb genommen wird, ist mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt. Der Eurotunnel unter dem Ärmelkanal misst fast sieben Kilometer weniger. An manchen Stellen türmen sich die Gesteinsmassen über den beiden Röhren bis zu 2300 Meter hoch in den Himmel. Der Bergdruck ist so stark, dass manche Geologen überzeugt waren, es sei technisch unmöglich, das Gotthard-Massiv jemals zu untertunneln. Doch dann fraßen sich die gewaltigen Bohrmaschinen der deutschen Firma Herrenknecht von beiden Seiten des Gotthards jahrelang ohne große Zwischenfälle aufeinander zu. Im Oktober 2010 gelang der Durchstich mit einer Planungsabweichung von 0,00014 Prozent – eine Meisterleistung.

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