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Ernüchterung in China : Langsameres Wachstum für Schwellenländer

Größere und kleinere Schwellenländer in Asien und Lateinamerika trugen zum wachsenden Wohlstandskuchen bei, oft auch auf Kosten der Umwelt Bild: dpa

Nach zwei Jahrzehnten stürmischen Aufstiegs wird das Wachstumstempo in den Schwellenländern geringer. Es wäre aber voreilig, von seinem Ende zu sprechen.

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          Die Schwellenländer kämpfen mit sinkenden Wachstumsraten, es will kaum Feierstimmung aufkommen. Dabei haben sie in diesem Jahr eine wichtige symbolische Marke überschritten: Ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung der Welt ist erstmals über 50 Prozent geklettert, wenn man die Kaufkraft berücksichtigt. 1990 erwirtschafteten die Schwellen- und Entwicklungsländer nur 30 Prozent des Weltsozialprodukts. Fast spiegelbildlich sinkt der Anteil der sieben traditionellen Industrieländer (G7): Sie kamen 1990 - mit einem Zehntel der Erdbevölkerung - auf stolze 56 Prozent, jetzt sind es 37 Prozent des stark gewachsenen Weltsozialprodukts. In der gleichen Zeit hat sich der Anteil der BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China) auf 27 Prozent verdoppelt. Deutschlands Anteil beträgt knapp vier Prozent.

          Die Tragweite dieser Gewichtsverschiebung lässt sich nur in längerer historischer Perspektive erahnen. Vor zweihundert Jahren war China mit Abstand die größte Ökonomie der Welt mit einem Drittel der globalen Produktion. Dann gingen Europa und Amerika in Führung. Die Industrialisierung und die Dynamik des Kapitalismus katapultierten sie an die Spitze. Eine riesige Wohlstandskluft tat sich auf zwischen den Nationen der Welt. Die Industrieländer hängten den Rest ab. China durchlitt verheerende kommunistische Experimente.

          Wohlstand auf Kosten von Umwelt und sozialen Spannungen

          Nach den Schrecken der Mao-Zeit begann sich China schrittweise zu öffnen.1990 kam es mit einem Fünftel der Weltbevölkerung nur auf vier Prozent des Weltsozialprodukts. Inzwischen hat es seinen Anteil vervierfacht und liegt kaufkraftbereinigt mit rund 16 Prozent nicht mehr weit hinter den Vereinigten Staaten (18 Prozent). Mit billigen Exportartikeln, aber zunehmend auch mit Produkten mittlerer und höherer Qualität haben die Chinesen den größten Devisenschatz aller Zeiten angehäuft.

          Indien wandte sich in den neunziger Jahren der Marktwirtschaft zu, es hat seinen Anteil am Weltsozialprodukt von drei auf sechs Prozent verdoppelt. Andere größere und kleinere Schwellenländer in Asien und Lateinamerika tragen zum wachsenden Wohlstandskuchen bei. Hunderte Millionen konnten sich aus der Armut befreien und in die Mittelschicht aufsteigen. Freilich ist das Wachstum mit Schmerzen, sozialen Spannungen und oft mit dem Raubbau an der Umwelt verbunden.

          Schwache Nachfrage und fehlende Investitionen

          Nach zwei Jahrzehnten stürmischen Aufstiegs scheint nun die Luft dünner zu werden. Chinas Wachstumsrate lag anderthalb Jahrzehnte durchschnittlich über 10 Prozent, in diesem Jahr kämpft es mit dem offiziellen Ziel von 7,5 Prozent. In Indien ist das Wachstum unter fünf Prozent gefallen, der schwächste Wert seit zehn Jahren. Die beiden Rohstoffländer Brasilien und Russland krebsen bei zwei bis drei Prozent herum, weniger als die Hälfte als in den Boomzeiten. Seit Mai gibt es zudem erhebliche Kapitalabflüsse.

          Die Wachstumsverlangsamung ist zum Teil Folge der schwächeren Nachfrage der Industrieländer, die sich mit den Folgen der Schulden- und Finanzkrisen herumquälen. Hinzu kommen hausgemachte Ursachen: Brasilien hat nötige Investitionen in Infrastruktur und Bildung versäumt. In Russland schreckt die mangelnde Rechtssicherheit Investoren ab. Außer Gas- und Ölförderung hat es zu wenig zu bieten. Indien schafft es weiterhin nicht, seine ineffiziente Bürokratie und die Infrastruktur zu modernisieren. China leidet unter faulen Krediten und Überkapazitäten. Es will weg von der Abhängigkeit von billigen Exportwaren und öffentlichen Investitionen, stattdessen den Dienstleistungssektor und den heimischen Konsum stärken. Doch die Widerstände der bisherigen Exportprofiteure sind groß.

          Überholt China Amerika?

          Neben den BRIC-Ländern gibt es weitere aufstrebende Volkswirtschaften, teils mit großen Bevölkerungen und noch hohem Aufholpotential. Der ehemalige Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O’Neill hat elf Hoffnungsträger („The Next Eleven“) hervorgehoben. Doch einige stecken akut in politischen Krisen, etwa Ägypten, andere sind instabil wie Pakistan, Bangladesch und Nigeria oder erstarrt wie Iran. Auch die von Massenprotesten erschütterte Türkei hat stark abgebremst.

          Es ist unwahrscheinlich, dass die elf Länder die Schwächephase der BRIC-Länder überkompensieren können. Sie kommen zusammen auf eine Einwohnerzahl von 1,3 Milliarden, weniger, als jeweils in China oder Indien leben. Die Demographie wird eine Schlüsselrolle spielen. Über China hängt das Damoklesschwert der brutal durchgesetzten Ein-Kind-Politik. In diesem Jahr schrumpft sein Arbeitskräftepotential deshalb erstmals.

          Nach den Prognosen des Währungsfonds wird Chinas Wirtschaftsleistung kaufkraftbereinigt von 2017 an Amerika übertreffen. Doch gibt es viele Unbekannte in dieser Rechnung, etwa den Fracking-Boom in Amerika. Ein mit billigem Schiefergas befeuerter industrieller Aufschwung könnte den Vereinigten Staaten neuen Schub geben. Die Schwellenländer, allen voran China, kämpfen mit dem Übergang vom investitions- zum innovationsgetriebenen Wachstum. Ihr weiterer Aufstieg ist kein Selbstläufer, doch wäre es voreilig, vom Ende des Schwellenländer-Booms zu sprechen. Sie bieten weiter gewaltige Chancen - aber die Konkurrenz für die alten Industrieländer wird noch härter.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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