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Erneuerbare Energien : Grüne Energie macht den Strom teuer

  • -Aktualisiert am

Kannibalisierung durch die Photovoltaik: Windräder auf hoher See sollen ein Drittel des grünen Stroms bringen, der bis 2030 zusätzlich benötigt wird Bild: picture alliance / dpa

Noch hat Öko-Strom ein gutes, weil „grünes“ Image, doch der Solarboom fordert seinen Preis: Schon nächstes Jahr wird der Strom um zehn Prozent teurer. Das ist auch der Subventionsgier der Solarlobby zuzuschreiben. Der Unmut wächst - nicht nur bei Verbraucherschützern.

          Die Sonne schickt keine Rechnung, behaupten Solar-Lobbyisten. Doch höhere Kosten für erneuerbare Energien werden im kommenden Jahr den Strom erheblich verteuern. „Die Strompreise dürften 2011 um mindestens 10 Prozent steigen“, sagte Manuel Frondel, Energieexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Die Bürger und Unternehmen zahlen über ihre Stromrechnung den Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Belastung durch diese Ökoumlage steigt trotz der jetzt vom Bundesrat beschlossenen Kappung der Solarförderung noch einmal deutlich, wie auch Holger Krawinkel vom Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin erwartet. Der wichtigste Grund ist, dass die Erzeugungskapazität dramatisch wächst.

          Spätestens 2011 werden die Bürger die Folgen des Solarbooms auf der Stromrechnung sehen, prophezeit Krawinkel. Er schätzt, dass sich die Umlage für erneuerbare Energien auf vier Cent je Kilowattstunde verdoppelt, was für einen Haushalt mit durchschnittlichem Stromverbrauch 14 Euro monatlich wäre.

          Kannibalisierung der Windkraft durch die Photovoltaik

          Verbraucherschützer Krawinkel befürwortet zwar die Umstellung auf Öko-Strom, befürchtet indes, dass die üppigen Solar-Subventionen diese Form des Klimaschutzes diskreditieren, weil Bürger und Unternehmer irgendwann genug haben. „Ich fürchte, dass die Solarförderung beim Umstieg auf erneuerbare Energien die politische Achillesferse ist, weil die Kosten explodieren und damit die Akzeptanz für den Umbau des Energiesystems verlorengehen kann.“

          Der Ausbau des teuren Solarstroms könnte zudem den billigeren Windstrom verdrängen. Bei einem Überangebot kann man zwar Windräder abstellen, aber nicht Sonnenstrom stoppen. Eine Kannibalisierung der Windkraft durch die Photovoltaik würde die Ausbauziele gefährden. Windräder auf hoher See sollen ein Drittel des grünen Stroms bringen, der bis 2030 zusätzlich benötigt wird. Die Projekte in Nord- und Ostsee stocken indes, weil der Netzanschluss fehlt oder die Energiekonzerne eine bessere Einspeisevergütung wollen.

          „Es ist ein technologischer Irrweg“

          In Bayern, wo es die meisten Solaranlagen gibt (daher liebt die CSU die Solarförderung), gibt es an sonnigen Tagen hin und wieder schon mehr Photovoltaik-Strom, als das Bundesland an Elektrizität benötigt. In ganz Deutschland gibt es einen Solarboom, werden fast 50 Prozent der Weltproduktion verkauft, weil die Förderung wie eine Lizenz zum Gelddrucken wirkt - der einmal gewährte Fördersatz gilt 20 Jahre, auch wenn die Subvention stetig sinkt. Weil die Preise für Solarmodule im Vorjahr um 30 Prozent sanken, gab es Forderungen, die Förderung ebenfalls um diesen Prozentsatz zu kürzen.

          Der Lobby gelang es, die Kürzung auf 16 Prozent zu begrenzen und zeitlich zu strecken. Dennoch gab es eine Art Schlussverkaufs-Panik: 2009 wurden Solaranlagen mit 4.000 Megawatt Leistung installiert, 2010 könnten es gar 8.000 Megawatt werden. Addiert man die für 20 Jahre zugesagten Beträge, so sind es inzwischen rund 100 Milliarden Euro. „Es ist ein technologischer Irrweg,“ warnt Frondel, „die Photovoltaik so stark zu fördern, wie es Deutschland tut, weil diese Technik an Bedeutung verlieren wird gegenüber solarthermischen Kraftwerken, wie sie etwa im Desertec-Projekt in der Sahara vorgesehen sind.“

          Imageschaden für Öko-Strom droht

          Noch hat Öko-Strom ein gutes, weil „grünes“ Image, und die meisten Bürger zahlen die Abgabe daher klaglos. Doch der Unmut über die Subventionsgier der Solarlobby wächst, nicht nur bei Verbraucherschützer Krawinkel. Auch Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) fürchtet, dass die anderen erneuerbaren Energien diskreditiert werden, die nicht so üppig alimentiert werden.

          Ein Imageschaden des gesamten Öko-Stroms wäre für Röttgen fatal, er könnte seine ehrgeizigen Klimaschutz-Ziele gefährden. Denn Strom aus Wind, Sonne, Biomasse und Wasserkraft soll, so steht es im Entwurf seines „Nationalen Aktionsplans“, in zehn Jahren bereits 38,6 Prozent der Elektrizität bringen, mehr als das Doppelte des jetzigen Anteils (17 Prozent). Bis 2050 will Röttgen die Energieversorgung sogar völlig auf regenerative Quellen umstellen, sollen Atomkraftwerke längst abgeschaltet sein und Kohle nicht mehr verfeuert werden.

          Bis zum Herbst ein neues Energiekonzept

          Setzt sich die Erfolgsgeschichte des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) fort, wird der gesamte Strom bald grün. Das Gesetz war ein rot-grünes Projekt, wurde aber von der schwarz-gelben Koalition übernommen. Wer an Land Windstrom erzeugt, wird zum Beispiel mit 9 Cent je Kilowattstunde gefördert und erhält damit deutlich weniger als ein Photovoltaik-Panel auf dem Dach (34 Cent). An der Leipziger Strombörse EEX ist eine Kilowattstunde konventionell erzeugten Stroms für etwa fünf Cent zu haben, Haushalte zahlen etwa 20 Cent.

          Der Streit darüber, welche erneuerbare Energien wie stark gefördert werden sollen und wie der Energie-Mix 2030 aussehen sollte, wird hitziger, weil er die zusätzliche Laufzeit der 17 Atomkraftwerke beeinflussen wird. Die Regierung will bis zum Herbst ein neues Energiekonzept vorlegen. Umweltminister Röttgen glaubt, dass die Erneuerbaren 2030 vierzig Prozent des Stroms liefern können, Atomkraft also verlässlich ersetzen können. Er will deren Laufzeit nur moderat um acht Jahre verlängern. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) plädiert für eine ungefähr doppelte Zahl von Jahren und fühlt sich bestätigt durch eine Studie, die für sein Haus erstellt wurde. Die Autoren, zu denen auch Frondel gehört, sehen die Entwicklung des Öko-Stroms skeptischer und sagen voraus, dass man ohne Kernkraft im Jahre 2030 mehr Strom importieren müsste. Auch dem Röttgen-Szenario für 2050 misstraut Frondel. „Aus technischen und aus wirtschaftlichen Gründen ist es illusorisch, 2050 den gesamten Strom aus regenerativen Quellen gewinnen zu wollen.“

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