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Ernährungswirtschaft : Laib und Seele

  • -Aktualisiert am

Tausende haben an diesem Samstag gegen die industrielle Lebensmittelerzeugung protestiert. Dabei ist die Ernährungswirtschaft überwiegend mittelständisch organisiert und schafft zahlreiche Arbeitsplätze. In ihr das Böse schlechthin zu sehen, ist nicht vernünftig.

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          Würste aus dem Thüringer Wald, Wodka aus Weißrussland; die Kiefer malmen, der Schnaps wärmt wunderbar. Abends verlassen die Reisebusse wieder das Berliner Messegelände. Die Grüne Woche in Berlin zieht ab diesem Wochenende wieder ein hungriges Publikum an - so wie ein Jahrmarkt. Das ist der eine Protagonist der Messe: der satte Bürger.

          Drinnen das große Fressen

          Aufwühlender ist, was sich ringsum abspielt. Vor dem Reichstag haben an diesem Samstag rund 20.000 Demonstranten protestiert. Sie haben "es satt": die industrielle Lebensmittelerzeugung, die "Massentierhaltung". Unweit diskutieren Agrarminister und Konzernchefs mit Vertretern der Gegenbewegung.

          Drinnen das große Fressen - und draußen schwingen Biobauern, Studenten und Rentner die Trommelstöcke. Die Zivilgesellschaft aus Biolandbau- und Kirchenverbänden, aus Nichtregierungsorganisationen und "ethischen" Banken wird wieder Transparente zeigen, die genveränderte Maiskolben mit Horrorfratzen zeigen, hinkende Puten, Konzernlogos mit Totenkopf, Kreuze wie von Todesanzeigen und solch humorvolle Dichtungen wie: "Iss Tofu, du Würstchen!"

          Es geht auch um Macht

          Die Botschaft lautet: "Die Agrarindustrie verursacht Dioxinskandale, Gentechnik im Essen und Tierleid in Megaställen. Sie verschärft Hungerkrisen, den Klimawandel und das Höfesterben. Zurück bleiben ausgeräumte Landstriche und Monokulturen." So einfach ist die Welt, so sichtbar das Böse - dabei geht es auch für die Biolobby um Hunderte Millionen Euro, wenn für die Agrarwende getrommelt wird. Und es geht den politischen Wortführern, die sich als Kämpfer für die Vernunft ausgeben, auch um Macht.

          Die Zerrbilder, die Demonstranten von der Land- und Ernährungswirtschaft zeichnen, bestimmen zunehmend deren öffentliches Bild. Die Parolen verwässern zwar, wenn man sich näher über den Wahrheitsgehalt der einzelnen Behauptungen informiert. Der Reiz liegt in der Klarheit der Botschaft. Vor Ort wirken die Kundgebungen oft eher wie Wellness-Veranstaltungen, deren Teilnehmer in der Menge der Gleichgesinnten baden wie Kurgäste in Fango-Heilerde, um am Ende mit dem sicheren Gefühl nach Hause zu fahren, Gutes für sich und die Menschheit getan zu haben.

          Unmöglicher Spagat

          In den Messehallen gibt es Nahrung für den Leib, auf der Demo für die Seele. Die Unternehmen aber sind zunehmend irritiert darüber, wie sie zum Feindbild einer Bewegung avancieren. Nichtregierungsorganisationen konfrontieren sie mit Maximalforderungen, die nicht mit der wirtschaftlichen Realität zusammenpassen. Und sich teilweise selbst widersprechen: So soll die Wirtschaft die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung sichern und auch den Energiebedarf in Zeiten der Ölknappheit decken. Dazu muss sie investieren, soll aber keinen großen Gewinn machen. Auf knappen Flächen muss sie effizienter werden, ohne mit den Zielen des Klima-, Umwelt- und Tierschutzes zusammenzustoßen. Und obwohl die grüne Gentechnik in mancherlei Hinsicht nachhaltig ist, soll sie keinesfalls zum Einsatz kommen.

          Das Ergebnis einer Studie der Universität Göttingen illustriert, welcher unmögliche Spagat in dieser gesellschaftspolitischen Gemengelage von der Ernährungswirtschaft erwartet wird: In sozialen Netzwerken fanden sich demnach 90 Prozent kritische Berichte über die Branche, in "Qualitätszeitungen" 70 Prozent. In Verbraucherumfragen waren es nur 40 Prozent. Und beim Einkauf werde aus dieser "Wunschökonomie" dann vollends eine "Preisökonomie": Dort entscheiden sich 90 Prozent für das günstigere Produkt. Wer ist also hier der "Souverän" - der politische Bürger oder der Konsument? Vielleicht sind sich Messebesucher und Demonstranten ähnlicher, als es scheint. Vielleicht verkörpern sie die beiden Seiten des bigotten Bürgers, der heute gegen einen Schweinestall protestiert und morgen Minutensteaks im Supermarkt kauft.

          Ein Wohlstandsphänomen?

          Die Halbwertszeit der Erregungen ist niedrig. Wer schimpft heute noch über Analogkäse, wer fürchtet Dioxin? Vielleicht sieht sich die Ernährungswirtschaft gerade deswegen, weil sie der Protest noch kaum substantiell trifft, mit den Parolen einer emotional zunehmend erregten Zivilgesellschaft konfrontiert. Kritik wird mit ähnlicher Schärfe hervorgebracht wie von der Anti-AKW-Bewegung gegen die Atomlobby. Warum? Weil sich fast jeder Mensch für seine Ernährung interessiert, weil immer weniger Menschen etwas davon verstehen und sich dennoch jeder zutraut, etwas verstehen zu können - anders als etwa von komplexen Bankprodukten.

          Vermutlich ist all dies ein Wohlstandsphänomen. Seit Jahrzehnten werden die Hygienevorschriften strenger. Nie waren so viele verschiedene Lebensmittel auch für die Ärmsten erschwinglich. Die Ernährungswirtschaft verkörpert paradoxerweise gerade das, was Bürger und Occupisten anstelle des "globalen Finanzkapitalismus" fordern: Sie ist überwiegend mittelständisch, sie schafft Arbeitsplätze gerade in der vielerorts sterbenden Provinz. In ihr das Böse schlechthin zu sehen kann nicht vernünftig sein.

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