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Ermittlungen eingeleitet : Ratingagentur stuft versehentlich Frankreich herab

  • Aktualisiert am

Die Ratingagentur Standard & Poor’s sorgt für Verwirrung Bild: dpa

Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat irrtümlich eine Herabstufung von Frankreichs Kreditwürdigkeit verkündet. Nun ermittelt die französische Finanzmarktaufsicht.

          Mitten in der Euro-Schuldenkrise hat die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) Frankreich versehentlich die Top-Bonität aberkannt - und damit das zweitgrößte Euro-Land geschockt. Finanzminister François Baroin forderte in einer am späten Donnerstagabend in Paris verbreiteten Erklärung die Aufsichtsbehörde für die europäischen Finanzmärkte zu einer Untersuchung auf.

          EU-Kommissar Michel Barnier sprach am Freitag von einem „schwerwiegenden Vorfall“ und drohte mit Sanktionen. „Es ist nun Sache der europäischen Wertpapieraufsicht ESMA, gemeinsam mit der nationalen Aufsichtsbehörde AMF die Fakten zu prüfen und Schlussfolgerungen zu ziehen“, sagte er in Brüssel.

          Die Panne belegt nach Barniers Worten die Notwendigkeit, Ratingagenturen schärfer zu kontrollieren. „All dies stärkt meine Überzeugung, dass Europa striktere und schärfere Regeln braucht.“ Am Dienstag (15. November) wird der Binnenmarktkommissar neue Vorgaben präsentieren. Sie sehen unter anderem vor, Ratingagenturen vorübergehend die Veröffentlichung der Benotung von Euro-Krisenstaaten zu verbieten, der ESMA eine Kontrolle über die Ratingmethoden zu geben und Auftraggeber zu verpflichten, alle drei Jahre die Ratingagentur zu wechseln. Für fehlerhafte Benotungen sollen Ratingagenturen künftig haften.

          Die Agentur selbst klärte den Fehler erst Stunden nach dem Vorfall auf: Eine entsprechende E-Mail sei an einige Abonnenten der S&P-Internetseite versendet worden. Standard & Poor’s sprach von einem „technischen Fehler“. Man wolle die genaue Fehlerquelle untersuchen.

          Die Panne hätte zu kaum einem ungünstigeren Zeitpunkt passieren können: Bereits vorher waren die Risikoaufschläge französischer Staatsanleihen zu den als extrem sicher geltenden deutschen Staatsanleihen auf Rekordhöhe gestiegen - mittlerweile liegen sie bei knapp 1,6 Prozent. In diesem hochnervösen Umfeld verschickte die Agentur dann am Abend ihre E-Mail.

          Die französische Finanzmarktaufsicht (AMF) hat inzwischen eine Ermittlung eingeleitet. Zudem habe die AMF die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) kontaktiert, erklärte die Behörde am Donnerstagabend.

          S&P erklärte, ebenfalls zu untersuchen, warum die Mitteilung automatisch versendet worden sei. „Wenn die Empfänger auf den Link in dem Alert geklickt hätten, dann hätten sie gesehen, dass Frankreichs Rating unverändert war“, sagte ein S&P-Sprecher. Weiter wollte er sich nicht äußern. Es war unklar, wie viele Abonnenten die Mitteilung über die Herabstufung erhalten hatten.

          Am Freitag beruhigte sich die Lage am französischem Anleihemarkt nur leicht. Am Donnerstag hatte die Rendite für zehnjährige französische Staatstitel einen Sprung um rund 0,3 Prozentpunkte hingelegt, der laut Händlern zumindest teilweise auf den Patzer von S&P zurückging. Die Rendite des französischen Zehn-Jahres-Papiers lag am Freitagvormittag bei 3,4 Prozent und damit nur leicht unter dem Höchststand vom Donnerstag.

          Risikoaufschläge sinken

          Derweil hat sich die Lage für italienische und griechische Staatsanleihen zum Wochenausklang entspannt. Nachdem die Risikoaufschläge für italienische Staatstitel bereits am Donnerstag merklich gesunken waren, gingen sie auch am Freitag spürbar zurück. Deutlich geringere Risikoaufschläge muss Griechenland zahlen, nachdem dort der Weg für eine Übergangsregierung frei wurde.

          In Italien sank die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen Anleihe im Vormittagshandel um gut einen Viertel Prozentpunkte auf rund 6,6 Prozent. Am Mittwoch war die Rendite deutlich über sieben Prozent gesprungen. In der Nähe dieses Renditeniveaus, das unter Experten über längere Zeit als nicht tragfähig gilt, hatten die Euro-Länder Griechenland, Irland und Portugal mit Finanzhilfen gerettet werden müssen.

          Der frühere Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), Jacques Attali, hatte Paris in einem Gespräch mit dem französischen Wirtschaftsblatt „La Tribune“ (Donnerstag) bereits ein schlechtes Zeugnis ausgestellt: „Machen wir uns nichts vor: auf den Finanzmärkten haben die (französischen) Schulden schon kein AAA mehr.“ Frankreichs Regierung hatte in den vergangenen drei Monaten zweimal ihre Wachstumsprognosen reduziert und drastische Sparpläne ausgearbeitet, um dennoch ihre ehrgeizigen Ziele bei der Reduzierung des Budgetdefizits zu erreichen. Nach Bekanntgabe eines Nullwachstums im zweiten Quartal dieses Jahres hatten Spekulationen über eine möglicherweise bevorstehende Herabstufung der Top-Bonität Frankreichs an den Börsen für Aufruhr gesorgt.

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