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Erklär mir die Welt (64) : Warum sind hohe Löhne schlecht?

  • -Aktualisiert am

„Autos kaufen keine Autos”, hat Henry Ford einmal gesagt Bild: DIETER RÜCHEL

Mehr Gehalt, mehr Konsum, mehr Beschäftigung. So geht die Kaufkrafttheorie. Leider ist sie falsch. Es handelt sich lediglich um eine krude Mischung aus ökonomischen Halbwahrheiten und schlechter Statistik.

          „Autos kaufen keine Autos“, hat Henry Ford einmal gesagt. Der Gründer des gleichnamigen Autokonzerns und erfolgreiche Unternehmer wird mit diesem Satz hauptsächlich von den Gewerkschaften zitiert. Denn damit lässt sich die sogenannte Kaufkrafttheorie der Löhne auf eine einfache, scheinbar für jedermann einleuchtende Formel bringen.

          Nach dieser Theorie sind hohe Löhne nicht etwa schlecht für die Vollbeschäftigung, sondern sogar notwendig. Denn nur wenn es genügend Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen gibt, werden auch entsprechend viele Arbeitskräfte eingestellt. Lohnsenkungen würden der Konjunktur dagegen eher schaden als nützen.

          Sparen ist nicht immer gut

          Als warnendes Beispiel wird dabei oft auf die Deflationspolitik in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre verwiesen. Damals hatte Reichskanzler Heinrich Brüning nicht nur den Staatshaushalt mit einem rigorosen Sparkurs zu sanieren versucht, sondern per Notverordnung auch die Löhne gesenkt. Nach heute allgemein vertretener Auffassung wurde die Krise damit verschärft.

          Wie der englische Ökonom John Maynard Keynes 1936 in einem bahnbrechenden Werk gezeigt hat, hätte man stattdessen die Staatsausgaben erhöhen sowie Zinsen und Steuern senken sollen, um wieder mehr Nachfrage zu schaffen. So wurde es schließlich auf Betreiben des Reichsbankpräsidenten und späteren Wirtschaftsministers Hjalmar Schacht auch gemacht. Gleichzeitig leitete Präsident Roosevelt in Amerika eine expansive Wirtschaftspolitik unter dem Namen „New Deal“ ein, was schließlich zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise führte.

          Umstrittene Kaufkrafttheorie

          Aus diesen Erfahrungen kann man nun aber keineswegs die Richtigkeit der Kaufkrafttheorie der Löhne ableiten. Denn erstens hat Keynes keineswegs vorgeschlagen, die Löhne zu erhöhen, sondern vielmehr die Staatsausgaben. So wurde in der Praxis auch verfahren. Die Löhne stiegen überwiegend erst wieder, als die Krise überwunden war. Zweitens wirken die Keynesschen Rezepte sowieso nur dann, wenn die Arbeitslosigkeit konjunkturelle Ursachen hat.

          Wendet man sie dagegen gedankenlos bei jeder Art von Unterbeschäftigung an, verschlimmert sich das Übel nur noch. Das haben insbesondere die 1970er Jahre gezeigt. Damals nahmen Staatsschulden und Löhne gewaltig zu, aber die Arbeitslosigkeit stieg unaufhaltsam weiter. Es ist in der Ökonomie eben wie in der Medizin: Wenn die Therapie auf einer falschen Diagnose beruht, wirkt sie kontraproduktiv.

          Was nun allerdings die Kaufkrafttheorie der Löhne betrifft, so ist von diesem Rezept auch grundsätzlich nicht viel zu halten. Eigentlich handelt es sich dabei nicht einmal um eine wirkliche Theorie, denn kein bedeutender Ökonom hat sie jemals vertreten. In der Fachliteratur sucht man denn auch vergebens nach einem entsprechenden Modell oder gar nach einer überzeugenden Beweisführung. Nicht einmal Karl Marx hat behauptet, mit Lohnerhöhungen ließe sich in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem Arbeitslosigkeit vermeiden.

          Der Kaufmann wäre pleite

          Man kann sich leicht klarmachen, warum die Kaufkrafttheorie der Löhne niemals funktionieren wird. Nehmen wir einen Einzelhändler, der dieser Theorie vertraut. Wenn er an seine Angestellten 100-Euro-Scheine verteilt, wird er dann aufgrund entsprechend höheren Umsatzes mehr Leute einstellen können? Wohl kaum. Das wäre nicht einmal dann der Fall, wenn seine Angestellten das ganze Geld sofort wieder in seinem eigenen Laden ausgeben würden. Dann hätte er am Ende zwar wieder genauso viel Geld in der Kasse wie am Anfang. Die von den Angestellten zusätzlich gekauften Waren würden aber fehlen - er hätte sie praktisch verschenkt. Man kann sich leicht ausrechnen, wie schnell ein solcher Kaufmann pleite wäre.

          Das Ganze funktioniert auch dann nicht, wenn alle Unternehmer gleichzeitig so handeln würden. Dann mag zwar der eine oder andere davon profitieren, dass seine Waren bevorzugt gekauft werden. Aber in der Summe bleibt das Ergebnis negativ - Umsatz ist eben noch kein Gewinn. Es kommt hinzu, dass ein Teil jeder Lohnerhöhung gar nicht für Konsumgüter verausgabt, sondern gespart wird. Und vollends absurd wird die Kaufkrafttheorie im Zeitalter der Globalisierung. In Deutschland wird nämlich knapp jeder dritte Euro für Importgüter ausgegeben. Die höheren Löhne steigern also insoweit erst einmal die Nachfrage in Frankreich, China oder Taiwan, aber nicht bei uns. Es sollte klar sein, dass unter diesen Umständen die Rechnung der Kaufkrafttheorie niemals aufgehen kann.

          Ökonomische Halbwahrheiten und schlechte Statistik

          Ein Blick auf die empirischen Fakten zeigt denn auch, dass an der Theorie nichts dran ist. So belegt die Arbeitsmarktentwicklung der 21 wichtigsten Industriestaaten in den vergangenen 20 Jahren eindeutig, dass die Länder mit den höchsten Beschäftigungssteigerungen eher niedrige und nicht etwa überdurchschnittlich hohe Lohnsteigerungsraten hatten. Das gilt auch für Großbritannien, das von einem bekannten saarländischen Politiker und Amateurökonomen gerne als Gegenbeispiel angeführt wird.

          Hier waren in den vergangenen Jahren zwar die Lohnsteigerungen höher als in Deutschland, aber eben auch auf der Grundlage eines viel höheren Wirtschaftswachstums. Und was das Entscheidende ist: Erst kam das Wachstum, dann folgten die Lohnerhöhungen, ebenso wie dies für Deutschland bisher in jedem Aufschwung der Fall war. Die Vertreter der Kaufkrafttheorie verwechseln somit schlicht Ursache und Wirkung.

          In Wahrheit wird ihre „Theorie“ weder von der ökonomischen Wissenschaft noch von der Erfahrung gestützt. Nicht einmal den einfachsten Plausibilitätsüberlegungen kann sie standhalten. Es handelt sich lediglich um eine krude Mischung aus ökonomischen Halbwahrheiten und schlechter Statistik. Warum wird die Kaufkrafttheorie dann trotzdem von den Gewerkschaften immer wieder vorgetragen? Nun, wer würde nicht gerne glauben, dass es der ganzen Volkswirtschaft hilft, wenn er selbst möglichst viel Geld verdient?

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