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Erklär mir die Welt (60) : Warum macht die Wirtschaft die Umwelt kaputt?

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Unternehmen verschmutzen die Luft und vergiften das Wasser. Der Markt kann das verhindern. Wenn der Staat den Verbrauch von Luft und Wasser verteuert. Ulrich van Suntum erklärt, warum das sicher funktioniert.

          Der globale Klimawandel wird zwischen fünf und 20 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts kosten. Mit diesen drastischen Zahlen machte eine britische Studie im Oktober 2006 Schlagzeilen. Ohne wirkungsvolle Gegenmaßnahmen würden demnach weitere Kosten in der gigantischen Höhe von 5,5 Billionen Euro auf die Menschheit zukommen.

          Diese Zahlen wurden nicht etwa von einer Umweltschutzorganisation vorgelegt, sondern von Nicholas Stern, dem ehemaligen Chefökonomen der Weltbank. Seinen Berechnungen zufolge müsste jährlich etwa ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts ausgegeben werden, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Angesichts der ansonsten drohenden Katastrophen wäre dies offenbar eine sehr lohnende Investition.

          „Grenzen des Wachstums“

          Es ist zwar nicht sicher, in welchem Ausmaß menschliche Einflüsse für den Klimawandel verantwortlich sind. Dass wir aber in vielerlei Hinsicht Raubbau an unserer Umwelt betreiben, ist unbestritten. Das ist übrigens kein neues Phänomen: Schon 1867 machte sich der liberale Ökonom Stanley Jevons Sorgen, dass die immer knapper und teurer werdende Kohle das englische Wirtschaftswachstum zum Erliegen bringen könnte. Ganz ähnlich argumentierte in Bezug auf das Erdöl und andere Rohstoffe knapp 100 Jahre später der Bericht "Grenzen des Wachstums" von Dennis Meadows an den Club of Rome.

          Steigende Rohstoffpreise machen alternative Energien wie Windkraft rentabel

          Zwar sind diese düsteren Vorhersagen bisher nicht eingetroffen. Der technische Fortschritt - und nicht zuletzt die steigenden Rohstoffpreise selbst - haben vielmehr immer wieder neue Energiequellen und Rohstoffe rentabel gemacht. Trotzdem haben wir in der Tat massive Probleme, etwa was die Überfischung der Meere betrifft und auch in Bezug auf die Luftverschmutzung.

          Vielfach wird in der öffentlichen Diskussion die Gewinnorientierung und Rücksichtslosigkeit der Wirtschaft dafür verantwortlich gemacht. Tatsächlich hat ein im Wettbewerb stehendes Unternehmen von sich aus zunächst wenig Anreize, die Umwelt zu schonen. Das kostet ja im Zweifel Geld und würde das betreffende Unternehmen daher im Konkurrenzkampf tendenziell zurückwerfen.

          Im Ostblock war es nicht anders

          Trotzdem greift es aber zu kurz, die Ursache der Umweltbelastungen im marktwirtschaftlichen Wettbewerbsprinzip an sich zu sehen. Denn in den staatlich gelenkten Volkswirtschaften des früheren Ostblocks trat das Problem in gleicher Weise auf. Auch hier hatten die Betriebsleiter in erster Linie Interesse an der Planerfüllung, denn daran wurden sie gemessen. Die ökonomische Planerfüllung war aber umso schwieriger, je mehr Rücksicht sie dabei auf andere Belange nahmen - also wurde sie genauso grob vernachlässigt wie lange Zeit im Westen.

          Da die sozialistischen Volkswirtschaften zudem ökonomisch viel weniger effizient arbeiteten, war die Umweltverschmutzung dort deutlich größer als im Kapitalismus. Für Umweltschutz war einfach nicht genügend Geld da, ähnlich wie im heutigen China oder in anderen wirtschaftlich aufstrebenden Ländern. Die Umweltbelastung ist also ein ökonomisches Problem, aber sie ist kein spezifisches Problem der Marktwirtschaften.

          Die Gemeinschaftsküche will auch keiner putzen

          Man kann sogar noch weiter gehen: Umweltverschmutzung resultiert letzten Endes nicht aus zu viel, sondern aus zu wenig Wettbewerb. Anders als bei anderen Gütern muss ja niemand etwas dafür zahlen, wenn er das knappe Gut "saubere Luft" in Anspruch nimmt oder seltene Fischbestände ausbeutet. Daher werden diese sogenannten Kollektivgüter zu stark in Anspruch genommen und im Extremfall ganz vernichtet, obwohl das eigentlich niemand will. Es ist ähnlich wie bei der Gemeinschaftsküche, die auch gern jeder sauber hätte, die aber niemand freiwillig putzen will. Die Ökonomen nennen das eine Rationalitätenfalle.

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