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Erklär mir die Welt (59) : Warum mögen die Menschen Reformen nicht?

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Veränderungen sind unangenehm und machen Angst. Viel bequemer ist es, alles beim Alten zu lassen. Erst wenn gar nichts mehr geht, schickt sich jeder in die Reform. Von Thomas Straubhaar.

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          Übergewicht? Schlafstörungen? Zu viel Stress? Menschen wissen sehr oft, was die beste Lösung für ihre Probleme wäre. Dennoch zögern sie, das Richtige zu tun: Essgewohnheiten umzustellen, Sport zu treiben oder mit der Partnerin zu reden. Obwohl es langfristig besser wäre, vertraute Lebens- und Verhaltensweisen zu verändern, ist es sehr menschlich, vorerst im alten Trott zu verharren. Menschen halten lieber am Status quo fest.

          So wird dann abends weiter das gewohnte Bier über den Durst getrunken, obgleich anderntags hierfür ein hoher Preis zu zahlen ist. Oder anstatt joggen zu gehen, bleibt man vor dem Fernseher sitzen. Das auf den ersten Blick fragwürdige bis irrationale Verhalten lässt sich vernünftig erklären.

          Wir lieben die Gegenwart

          Menschen lieben die Gegenwart mehr als die Zukunft (hier liegt ja auch die ökonomische Rechtfertigung für den Zins). Sie tun, was ihnen heute Spaß macht, und vermeiden Aktivitäten, die ihnen missfallen, selbst wenn sich der Verzicht morgen lohnen würde. Das Glück des gegenwärtigen Zustands wird bevorzugt, weil das Ergebnis bekannt ist, während Nutzen und Kosten von Veränderungen in weiter Ferne liegen und unsicher sind.

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          Natürlich lassen sich Unkenntnis und Unsicherheit verringern, indem man sich gut informiert, die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten abwägt und wenig berechenbare Optionen verwirft. All dies verursacht jedoch Kosten, die heute zu tragen sind, während der Nutzen erst später anfällt.

          Veränderungsängste und Trennungsschmerz

          Ebenso entstehen aus der Trennung von liebgewonnenen Verhaltensweisen sowohl ökonomische wie auch emotionale Kosten, also Ängste und Sorgen. Das gilt übrigens nicht nur für sehr persönliche Entscheidungen. Es gilt auch für ganz nüchterne Überlegungen. Denn verblüffenderweise behalten viele Kleinanleger Aktien in ihren Depots, die sie zum Tagespreis niemals kaufen würden. Sie verkaufen nicht, weil sie sich den Verlust gegenüber dem Einstandspreis nicht eingestehen wollen.

          Das Festhalten am Status quo, Veränderungsängste und Trennungsschmerz sind auch für gesellschaftliche Prozesse kennzeichnend. So gibt es sehr oft viel Zustimmung dafür, dass etwas getan werden müsse, um bestimmte Probleme zu lösen. Ob das nun die Lohnnebenkosten, das soziale Sicherungssystem oder die Steuern betrifft. Obwohl der Handlungsbedarf unbestritten ist, geschieht im politischen Tagesgeschäft wenig. Oft scheitern kluge Ideen nicht an einem Erkenntnisproblem, sondern an der Umsetzung.

          Das Zauberwort heißt Selbstbindung

          Es geht oft weniger darum, was in einer Gesellschaft gemacht werden sollte, sondern um die Frage, wer es tatsächlich tut. So wie bei den Mäusen, die alle der Meinung sind, es wäre die beste aller Welten, wenn Katzen Glocken trügen, aber offen bleibt, welche Maus der Katze die Glocke umhängt.

          Menschen haben trotz aller kurzfristiger Versuchungen eine Chance, Bequemlichkeit und eigene Schwächen zu überwinden und an langfristigen Absichten festzuhalten. Das Zauberwort heißt Selbstbindung. So, wie sich Odysseus an den Mast seines Schiffes binden ließ, um nicht dem Lockruf der Sirenen zu verfallen, müssen sich Menschen mit ungenügender Selbstdisziplin eine starke Selbstbindung auferlegen.

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