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Erklär mir die Welt (56) : Warum kaufen die Deutschen keine Aktien?

Auf Rekordhöhe - aber viele Deutsche haben davon wenig Bild: AP

Der Dax knackt das Allzeithoch und viele Deutsche haben gar nichts davon. Denn sie besitzen keine Aktien. Aus Angst vor Verlusten meiden die Deutschen die Börse. Kein Wunder: Sie haben nie gelernt, mit Risiken umzugehen.

          Ein Volk von Aktionären waren die Deutschen nie, auch wenn es vielleicht zeitweise einmal so schien. Ende der 90er Jahre zum Beispiel: Damals erklomm der Dax fast täglich neue Rekorde; Manfred Krug warb mit Fernsehspots für die Volksaktie der Deutschen Telekom; Taxifahrer gaben ihren Kunden Börsentipps; und die „Bild“-Zeitung titelte: „Reich mit Aktien“.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Anfang 2000 erreichte die Aktieneuphorie hierzulande ihren Höhepunkt - und trotzdem hatten damals nur gerade mal acht Prozent der Deutschen eine Aktie. In anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten oder Frankreich ist der Anteil der Aktionäre selbst heute noch deutlich höher als damals in Deutschland. Und hierzulande ist die Zahl der Aktionäre seither wieder gesunken - trotz des starken Kursanstiegs in den vergangenen vier Jahren. Ein anderes Bild ergibt sich auch nicht, wenn man die Fondsbesitzer mitzählt.

          Lieber aufs Sparbuch

          Die Deutschen wollen einfach keine Aktien in ihrem Depot haben. Sie legen Geld lieber aufs Sparbuch, allenfalls noch auf ein Tagesgeldkonto. Das hat einen einfachen Grund: Wir mögen Risiken nicht - und viele von uns haben keine Ahnung, wie sich die Risiken von Aktien am besten verringern lassen.

          Grundsätzlich sind Aktien sicher eine recht gefährliche Geldanlage. Die Aktien eines Unternehmens sind so viel wert wie das Geld, das diese Firma in Zukunft verdienen wird. Gewinne können sinken. Also geht auch der Kurs zurück, wenn die Zukunftsperspektiven des Unternehmens schlechter werden.

          Eher risikoscheu

          So ein Risiko tragen die Deutschen nur ungern, wie ein Forscherteam der Universität Zürich und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in einer Umfrage herausgefunden hat, die demnächst veröffentlicht wird: Rund die Hälfte der Deutschen findet sich generell eher risikoscheu, bei den Amerikanern ist das nicht einmal ein Drittel. Und wenn es ums Geld geht, sind die Deutschen noch ängstlicher. Umfragen privater Fondsgesellschaften zeigen ähnliche Ergebnisse im Vergleich mit europäischen Ländern wie Frankreich und Großbritannien.

          Darum betonen die Deutschen vor allem die negativen Ergebnisse, die Aktien bringen können. „An der Börse kann man schnell ein kleines Vermögen machen“, sagen sie gerne, „wenn man mit einem großen anfängt.“ Solche Sprüche sind verinnerlicht worden. Entsprechend wird Geld angelegt.

          Geduld mitbringen

          Viele setzen derzeit auf Zertifikate: Wertpapiere, die sich so ähnlich entwickeln wie eine bestimmte Aktie oder ein bestimmter Index, die aber auch von deren Entwicklung abweichen können. In den Vereinigten Staaten gibt es kaum eine Nachfrage nach solchen Produkten, die Menschen investieren lieber direkt in Aktien. In Deutschland dagegen wächst der Markt dafür stetig - und besonders beliebt sind Zertifikate, die zusätzliche Sicherheit gegen Verluste bieten. Dafür bezahlen die Anleger gerne, indem sie auf die Dividende oder einen Teil der Kursgewinne verzichten.

          Oft vergessen sie dabei, dass das Risiko aus Aktien gar nicht so groß ist, wenn die Strategie stimmt. Erstens sollten Anleger Geduld mitbringen: Nach spätestens 15 Jahren waren die deutschen Aktien einer Auswertung des Deutschen Aktieninstituts zufolge immer wieder im Plus. Zweitens sollten die Anleger ihr Geld auf möglichst viele unterschiedliche Aktien verteilen - wenn das eigene Geld dazu nicht reicht, dann zum Beispiel über einen Fonds.

          „In der Schule miserabel vorbereitet“

          Wenn sie diese Regeln beachten, haben Privatanleger in der Aktie den besten Arbeitsplatz für ihr Geld. Denn nur durch Aktien und Aktienfonds erhalten die Anleger einen Anteil an den Gewinnen, die die Unternehmen machen. Im Durchschnitt brachte das zwischen 1979 und 2003 knapp 14 Prozent Rendite im Jahr - das schafft kein Sparbuch, kein Tagesgeld-Konto und kein Rentenfonds.

          Doch viele Deutsche wissen nicht, wie sie mit Aktien umgehen sollen. „Es hat ihnen nie jemand ordentlich beigebracht“, schimpft Wolfgang Gerke, ehemaliger Finanzprofessor an der Universität Erlangen-Nürnberg. „Wir werden in der Schule miserabel auf die wichtigen Fragen des täglichen Lebens vorbereitet.“ So kommt es, dass sich einer Umfrage des Bankenverbands zufolge zwar mehr als 80 Prozent der Deutschen für Wirtschaft interessieren, aber die meisten keine Ahnung haben, was an der Börse passiert.

          Einfach kein Interesse

          Es war ja auch lange nicht nötig, sich um die Börse zu kümmern. Schließlich mussten die Deutschen kein Geld für ihre Rente anlegen. Um die Altersvorsorge hat sich der Staat gekümmert, manchmal spendierte der Arbeitgeber noch zusätzlich eine Betriebsrente. „Man war gar nicht gezwungen, für höhere Renditen zu sorgen“, sagt Professor Gerke.

          In den Vereinigten Staaten dagegen liegt die Altersvorsorge in der Hand der Bürger. Dies macht viele zu Aktionären. So ist eine Tradition entstanden: Die Menschen kümmern sich selbst darum, wie viel Geld sie verdienen wollen, um für das Alter ein Polster zu haben.

          Inzwischen hält auch der deutsche Staat seine Rente nicht mehr für ausreichend und erlässt Steuern, wenn die Bürger privat vorsorgen, zum Beispiel mit der Riester-Rente. Und was machen die Deutschen? Sie lassen sich Riester-Versicherungsverträge verkaufen. Fondssparpläne bezuschusst der Staat eigentlich auch. Aber dafür interessieren sich die Deutschen einfach nicht.

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