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Erklär mir die Welt (51) : Warum ist zeitgenössische Kunst so teuer?

  • -Aktualisiert am

Kunst oder bloß Farbkleckse? Bild: Dieter Rüchel

Wertvolle Gemälde sind Statussymbol und Imagegarant für Millionäre, vom Hedge-Fonds-Manager bis zum Ölscheich. Das ist gut für die Künstler. Denn die Reichen werden immer mehr und immer reicher - und die Kunstpreise steigen in astronomische Höhen.

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          Der Hammer fällt. 65 Millionen Dollar. Plus Kommission macht das 72,8 Millionen Dollar für Katalognummer 31: „White Center“, ein Ölbild von Mark Rothko aus dem Besitz David Rockefellers. Es war der teuerste Rothko aller Zeiten und ein Weltrekord. Ein anonymer Telefonbieter zahlte den höchsten Preis, der jemals für ein zeitgenössisches Kunstwerk erzielt wurde. Rockefeller hatte das Gemälde 1960 für 8500 Dollar erworben.

          Die Sammler sind im Rekordtaumel. Die Preise für Werke von Willem de Kooning, Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Francis Bacon und anderen Künstlern der Nachkriegszeit werden in gigantische Höhen geschraubt. Sotheby's verkaufte im Mai in einer einzigen Nacht zeitgenössische Bilder für 254,9 Millionen Dollar, erzielte 15 neue Künstlerrekorde und schrieb damit Auktionsgeschichte - allerdings nur für kurze Zeit. 24 Stunden später überholte Christie's seinen Konkurrenten mit einer Spitzenbilanz von 384,7 Millionen Dollar und 26 Malern, die zum persönlichen Höchstpreis gehandelt wurden.

          Der Kunstmarkt läuft heiß. Weltweit werden zeitgenössische Arbeiten zu ungeheuren Preisen gehandelt. Das Geschäft der Auktionshäuser und Galerien mit extrem teuren Werken wächst rasant. Und nichts scheint den Hype bremsen zu können. Die amerikanische Kunstpreisdatenbank Artprice verzeichnete allein in den vergangenen drei Jahren einen Preisauftrieb von 43 Prozent für Gegenwartskunst. Nur der Aktienmarkt läuft noch besser: Der Deutsche Aktienindex gewann in dieser Zeit gut 103 Prozent hinzu. Wo das viele Geld herkommt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Waren Amerikaner und Europäer auf den großen Auktionen früher weitgehend unter sich, mischen sich heute Sammler aus Asien, dem Mittleren Osten und Russland unter die illustre Käuferschar. Das spiegelt sich auch auf den elektronischen Tafeln in den Auktionssälen. Die Preise werden neuerdings in sechs Währungen gezeigt: Dollar, Euro, Pfund, Franken, Yen und Rubel.

          Immobilientycoone und Internetmilliardäre

          Immobilientycoon, Internetmilliardär, Hedge-Fonds-Manager, Ölscheich, Casinomogul, Großspekulant - die Liste der Millionäre wird immer länger. Damit wächst der Käuferkreis für teure Gemälde. Weltweit gab es Ende 2005 rund 8,7 Millionen Menschen mit einem Finanzvermögen von mehr als einer Million Dollar, heißt es im „World Wealth Report 2006“. Vor allem in Schwellenländern wie Südkorea, Indien und Russland wird Reichtum angehäuft. Noch schneller als die Zahl der Reichen wächst die Gruppe der Superreichen. Dazu zählen Privatleute mit mindestens 30 Millionen Dollar Anlagevermögen. Mehr als 85000 Menschen zählen zu den Glücklichen. Viele wollen zeigen, was sie haben. Da gehört zu Limousine, Segelyacht und Luxusvilla eben auch das passende Bild an der Wand. Warum soll das Werk nicht so teuer sein wie das Appartement, in dem es hängt? Um eine sinnvolle Geldanlage geht es dabei nicht.

          Es ist so gut wie unmöglich, einen fairen und vernünftigen Preis für ein Kunstwerk auszumachen. Anleger ermitteln den Wert einer Aktie, indem sie die erwarteten Erträge der nächsten Jahre auf den heutigen Zeitpunkt abdiskontieren und aufaddieren. Ein solcher Ertragswert lässt sich für ein Kunstwerk nicht errechnen. Seine Zahlungsströme sind negativ, denn es kostet Geld, Bilder zu transportieren, zu lagern und zu versichern.

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