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Erklär mir die Welt (32) : Warum brauchen wir Märkte?

  • -Aktualisiert am

Die Märkte rücken zusammen Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

Was bieten Produzenten? Was wollen Kunden? Die Antworten gibt es nur auf Märkten. Wir brauchen sie um der Freiheit willen. Unter der Fuchtel einer Zentralplanungsbehörde verliert der Mensch nämlich die Souveränität über seine Entscheidungen.

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          Wir brauchen Märkte, weil die Welt nicht fertig ist. Nur der Wandel ist stetig - das gilt auch für die Bedingungen des Wirtschaftens. Märkte helfen uns beim Suchen nach neuen und besseren Lösungen, in der Not auch nach Ersatz. Der mag schlechter sein, er ist dann aber immerhin doch die zweitbeste Lösung. So helfen uns Märkte, das Wünschbare ins Mögliche zu übersetzen.

          Bekannte Rohstoffe werden knapp, weil Kriege die Handelswege blockieren oder weil im Frieden über eine lange Zeit immer mehr produziert wird. Erfindungen revolutionieren das Transportwesen und schieben Kontinente zusammen, weil die Raumüberwindung billiger wird. Die Naturwissenschaften ermöglichen eine neue Informationstechnologie, machen die Telefonfräuleins vom Amt arbeitslos und legen doch gleichzeitig die Basis für eine neue Industrie der schier entgrenzten Massenkommunikation, die auf der Welt Abermillionen Arbeitsplätze entstehen lässt. Die Chinesen schicken zuerst billige Turnschuhe und übernehmen dann die Produktion der empfindlichsten Teile der feinsten europäischen Automobile. Bisweilen dämmert die Wirtschaftsgeschichte fast ereignislos vor sich hin. Dann aber scheint die Gegenwart uns in großen Sprüngen zu enteilen.

          Märkte liefern Preissignale

          Die Welt ist nicht fertig. Wenn wir in ihr zurechtkommen wollen, brauchen wir die Märkte. Sie liefern uns die Preissignale, an denen wir unser wirtschaftliches Handeln ausrichten: als Anbieter und Nachfrager, als Arbeitnehmer und Arbeitgeber, als Produzenten und als Konsumenten. An den Aktienbörsen geht das blitzschnell, die Terminmärkte für Rohstoffe schauen in die Zukunft.

          Wir müssen dafür keine komplizierten Gleichungen lösen. Das tun die Märkte, im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Sie bündeln Erwartungen und Informationen, Spekulationen und Eindrücke. Sie bündeln Bewertungen und Reaktionen, Herausforderungen und Antworten, die sich zu neuen Mustern der Weltwirtschaft ordnen. So scheinen in dauernder Vorläufigkeit neue Muster am Rande unseres Zeithorizonts auf. Der Horizont rückt umso weiter in die Zukunft, je freier die Märkte sind und je mehr Menschen auf ihnen Informationen, Güter und Dienste austauschen können.

          Erwartungsgrößen

          Die Informationen, die wir so gewinnen, offenbaren sich in Preisen und Mengen: als Erlöse, als Zinsen, als Kosten, als Einkommen, als Beschäftigungsverhältnisse. Anders als in der Planwirtschaft sind sie nicht erdacht und gemacht. Es sind Erwartungsgrößen. Aber ihr Informationswert ist groß, weil sie nicht von einem Zentralamt politisch gesetzt sind. Hinter ihnen stehen die Einschätzungen von Millionen von Menschen. Deren vorrangiges Interesse ist es, die Gegenwart und die nahe Zukunft möglichst genau zu erkennen und zu ihrem Vorteil zu deuten.

          So ergibt sich ein anpassungsfähiges System des Sammelns von Informationspartikeln. Auf Seite 1 unserer Tageszeitung lesen wir von besorgniserregend zunehmenden Spannungen im Nahen Osten. Auf Seite 13 erklärt uns ein Energiefachmann, was das für den Ölpreis bedeuten könnte. Auf Seite 14 gibt es ein Gespräch mit dem Bundeswirtschaftsminister: Er spricht sich dafür aus, die Laufzeiten von Kernkraftwerken in Deutschland zu verlängern, weil wichtige Teile des Weltölmarktes schwerer einzuschätzen sein werden.

          Informationssplitter

          Auf Seite 15 steht ein Bericht über energiesparende Verfahren, die einen hohen Einsatz von teuren Edelmetallen erfordern. Die kommen aus Gegenden Afrikas, die jetzt noch politisch berechenbar sind, es aber nicht mehr lange bleiben müssen. Im Feuilleton gibt es eine Reportage über die Tristesse des Arbeiterdaseins in einer Agglomeration, die man früher einmal „Autostadt“ nannte.

          Das alles sind Informationssplitter und individuelle Deutungsversuche. Es sind Teilantworten auf die Frage: Was lesen wir aus den Zeichen der Gegenwart für die Bedingungen des Wirtschaftens in der Zukunft?

          Richtig und falsch, Gewinn und Verlust

          Jeder liest für sich. Ihren Informationswert gewinnen diese Teilantworten beim Abgleich von Daten, Deutungen und Interessen im weltweit verbundenen System der Märkte. In diesem System erscheint die Investition eines Unternehmers oder die Berufsentscheidung eines jungen Menschen wie eine Hypothese im Wissenschaftsbetrieb: als eine Theorie, die sich im Wettbewerb alternativer Weltdeutungen zu bewähren hat. Im Lichte der Wirklichkeit erweist sie sich als richtig oder falsch.

          Was wirtschaftlich richtig ist und was falsch, offenbart sich am Markt durch Gewinn und Verlust. Und wenn Gewinn ohne Monopole und Kartelle im Wettbewerb erzielt wird, dann ist das ein Zeichen dafür, dass der erfolgreiche Unternehmer auch im Sinne einer Wohlfahrtsrechnung richtigliegt: Er produziert das, was die Kunden kaufen wollen. Er produziert es ressourcensparend und dadurch zu so niedrigen Kosten, dass sich die Güter oder Dienste auch im Wettbewerb mit anderen Angeboten verkaufen lassen.

          Um der Freiheit willen

          Ein solches Unternehmen stellt Arbeitskräfte ein, anstatt sie zu entlassen. Die Investitionshypothese hat sich im Wettbewerb bewährt, das zeigt ein Gewinn auf das eingesetzte Kapital - und die Investition hat die Welt ein wenig heller gemacht, als sie vorher war. Auch unter diesem Gesichtspunkt bewährt sich der Vergleich des Marktes mit dem forschenden Wettbewerb um die Erkenntnis.

          Unter dem Auge des Großen Bruders, unter der Fuchtel einer Zentralplanungsbehörde, verliert der Mensch die Souveränität über seine Entscheidungen zur Lebensführung - aber auch in der Bevormundung durch manche Erscheinungsformen des Sozialstaats. Letztlich also: Warum brauchen wir Märkte? Wir brauchen sie um der Freiheit willen. Wir brauchen sie um unserer Würde willen.

          Auch dafür gibt es einen Markt

          Überraschungseier: Man kann ja gar nicht so viele essen, dass man alle Star-Wars-Happy-Hippos zusammenkriegt, bevor die wieder durch die nächsten Figuren ersetzt werden. Eines von den Plastiknilpferden fehlt immer. Damit sich die Sammlung vervollständigen lässt, gibt es spezielle Märkte - im echten Leben, mit Ständen und Besuchern, auch in Zeiten von Ebay. Schließlich erkennt man auf so einem kleinen Internetfoto ja kaum, in welchem Zustand der gewünschte „Luke Eiwalker“ ist.

          Schauspieler: An der „Hollywood Stock Exchange“ können die Teilnehmer Aktien auf Schauspieler und ihre Filme kaufen - ihr Verdienst hängt von den Einspiel-Ergebnissen der Filme ab. Das lustige Blockbuster-Raten hat sogar noch einen nützlichen Nebeneffekt: Die Börsenkurse sind für die Filmstudios und Kinobetreiber eine gute Prognose, wie beliebt ein Film wird. Das erleichtert die Planung ungemein. Aktueller Favorit ist Spider Man 3.

          Schnee: Auch Ebay ist ein Spezialist für unmögliche Angebote. Der Ort Steinach in Thüringen versteigerte „zehn Kubikmeter Schnee für Selbstabholer“. Sie gingen weg, sogar für 1420 Euro. Gemeint war ein Einsatz zum Schneeräumen. Der Kaufpreis für die weißen Kubikmeter floss an eine Stiftung.

          Feuerversicherung für Fische: Für alles findet sich eine Versicherung, auch für die skurrilsten Ängste. Wie für die eines Liebhabers teurer japanischer Fische, der Angst vor einem Feuer hatte. Ein Brand könne das Wasser im Aquarium erwärmen und den empfindlichen Fischen schaden, befürchtete er.

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