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Erklär mir die Welt (20) : Warum macht Geld nicht wirklich glücklich?

Schlimmer noch: Gefragt, ob sie lieber in Welt A leben möchten, in welcher das Durchschnittsgehalt bei 25 000 und das eigene Einkommen bei 50 000 Euro liegt, oder aber in Welt B, in der das Durchschnittseinkommen 250 000, das eigene Einkommen aber 100 000 Euro beträgt, entscheiden sich bei weitem die meisten Menschen für die Welt A, wiewohl sie dafür eine Einkommensverbesserung um satte hundert Prozent ausschlagen.

Aber mit weniger Geld wären sie relativ besser dran im Vergleich zum Durchschnitt ihrer Mitmenschen, was offenbar mehr Befriedigung verschafft. Die Menschen vergleichen ihr Einkommen mit dem ihrer Nachbarn. Schneiden sie schlechter ab, fühlen sie sich elend. „Keeping up with the Joneses“ nennen die Amerikaner solchen Neid auf die Nachbarn, der die Wirtschaftswelt in Bewegung hält.

„Hedonistischen Tretmühle“

Aber warum, um alles in der Welt, macht Geld eigentlich nicht glücklich? Die Ökonomen bieten zur Erklärung die Theorie des abnehmenden Grenznutzens an. Das hört sich geschwollen an und meint in Wirklichkeit den jedermann vertrauten Umstand, daß Menschen, haben sie einmal die elementare Not hinter sich gelassen, sich an alles gewöhnen, sogar an die jährliche Gehaltserhöhung.

Im Maße der Gewöhnung läßt das erwartete Glücksgefühl nach: das neue Auto, ein erstes Mal gefahren, löst bei vielen Männern einen Glückssprung aus; beim hundersten Mal hat sich alles abgenutzt. Die Psychologen sprechen von einer „hedonistischen Tretmühle“.

„Die Fehleinschätzung hilft uns“

Bleibt eine letzte entscheidenden Frage. Wenn mehr Geld und wachsender Wohlstand die Menschen nicht glücklich macht, warum streben die Leute dann rastlos nach immer mehr Geld? Wenn doch Könige nicht glücklicher sind als Bettler - warum wollen die Bettler Könige werden?

Adam Smith meint, die Menschen säßen einer ziemlich produktiven Selbsttäuschung auf. Sie glauben, daß wachsender Wohlstand sie glücklich macht und streben deshalb nach immer mehr Geld und Reichtum. Würden alle Leute in der Gewißheit des trügerischen Glücks vermehrten Geldes Bettler bleiben, sähe die ganze westliche Welt ziemlich elend aus. Denn es gäbe keinen Anreiz für wirtschaftliches Handeln.

„Es ist diese Irreführung, welche das produzierende Gewerbe kontiniuierlich in Bewegung hält“, schreibt Adam Smith: „Täuschung bringt uns dazu, das Land zu kultivieren, Städte zu gründen und Weltreiche zu errichten. Diese Fehleinschätzung hilft uns, Wissenschaft und Künste zu erfinden, die das menschliche Leben verschönern. Das hat den gesamten Globus vollständig revolutioniert.“

Die Menschheit sichert listenreich ihr Überleben

Es ist wie mit den kleinen Kindern. Obwohl die Balgen, sind sie einmal auf der Welt, nachweislich ihre Eltern ziemlich unglücklich aussehen lassen, glauben doch alle Paare felsenfest daran, daß Kinder die Erfüllung ihres Erdenglücks sind. Das ist gut so, denn andernfalls wäre die Menschheit längst ausgestorben.

So ist es auch mit dem Geld: Die Anhäufung von Reichtum macht die Menschen nicht wirklich glücklich. Daß sie aber gleichwohl daran glauben, bringt eine Wirtschaft in Fahrt und hält eine Gesellschaft am Leben. Es sind keine fremden Mächte am Werk, welche sich hinterrücks zur Täuschung der Menschen verschworen haben. Es ist die Menschheit selbst, die listenreich ihr Überleben sichert.

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