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Erklär mir die Welt (15) : Warum haben Manager Appetit auf Übernahmen?

Großer Fisch jagt kleinen Fisch. Nach dieser Devise handeln viele. Bild: picture-alliance / dpa

Den Chefs bringt es mehr Geld, Macht und Anerkennung: Eine hübsche Übernahme krönt die Karriere und sichert den eigenen Job. Wenn Manager ihr privates Reich gründen, müssen die Eigentümer in der Hälfte aller Fälle teuer dafür bezahlen.

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          Merck kauft Serono, Bayer übernimmt Schering, Linde greift sich BOC, Adidas wächst mit Reebok, Eon kämpft um Endesa, die Postbank besitzt die Bausparkasse BHW, Hexal gehört zu Sandoz. Die Liste der geplanten oder jüngst vollzogenen Übernahmen ließe sich fast beliebig fortsetzen. Denn Unternehmenskäufe stehen bei den Managern derzeit wieder hoch im Kurs. Mehr als 20.000 große und kleine „Transaktionen“ hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung für die vergangenen 12 Monate in Europa ausgemacht. Allein die Anzahl übertrifft damit den Boom der New Economy vor fünf Jahren erheblich. Übernahmen, so erscheint es, sind die Krönung einer Managerkarriere. Derjenige, der keine Transaktion vorweisen kann, hat sein Meisterstück nicht abgeliefert.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dabei sind die vielen Milliarden, die Manager bezahlen, nicht unbedingt gut investiert. Denn noch immer ist nur jede zweite Übernahme ein Erfolg. Die Hälfte also scheitert, bringt den Eigentümern nichts, führt im Gegenteil zur Wertvernichtung. Gerade weil so viele Übernahmen mißlingen, befassen sich Forscher seit längerem mit der Motivation der Manager, ihre Konzerne mit den Übernahmen anderer Unternehmen in immer neue Größenklassen zu treiben. Wenn Manager Marktanteil und damit Größe zur wichtigsten Stellschraube für den Unternehmenserfolg deklarieren, wenn sie Unternehmen immer häufiger auch kaufen, weil sie sich eine Gelegenheit nicht entgehen lassen konnten (weshalb AirBerlin-Chef Hunold unlängst die dba übernahm), dann stellt sich die Frage: Warum haben die Manager so viel Vergnügen an Übernahmen? Was treibt sie an?

          Übernahmen bescheren Managern Geld und Macht

          Die Faszination der Manager für das Wachstum des eigenen Unternehmens hat einen Grund: Denn an die Größe des Konzerns ist in der Regel die Vergütung gekoppelt. Die hinter der Größe vermutete steigende Komplexität ihrer Managementaufgabe steht in direktem Zusammenhang mit ihrem Managementgehalt - ganz unabhängig davon, ob das dauerhafte Wachstum auch den Eigentümern nützt und ihren Wohlstand mehrt. Darüber hinaus erwächst den Managern aus zunehmender Größe immaterieller Nutzen wie Macht und Status, Bedeutung und gesellschaftliche Anerkennung - ein nicht zu unterschätzendes Moment. Schon aus diesen Gründen also können Übernahmen in der Tat Vergnügen bereiten. Die Wissenschaftler haben für diesen Aspekt der Motivation einen hübschen Namen: das Empire-Building-Syndrom.

          Doch es geht noch weiter. Manager deklarieren die Eroberung des Marktes durch Unternehmenskäufe unter anderem auch deswegen zur einzig gültigen Erfolgsstrategie, um ihren eigenen Arbeitsplatz abzusichern. Der Wachstumskurs ist also eigentlich die Überlebensstrategie des angestellten Managers und seines Teams. Ein schnell wachsendes Unternehmen tut sich leichter, führende Mitarbeiter zu halten.

          Zukäufe schützen nicht davor, selbst gefressen zu werden

          Der Manager, der Übernahmen stemmt und zwei Unternehmen fusionieren muß, ist am wenigsten wegzudenken. Auch dann noch, wenn er nach einer wenig erfolgreichen Akquisition die Schäden beheben und die Fehler korrigieren muß, die er und sein Team gemacht haben. „Wir wollen der Größte werden“, hatte Jürgen Schrempp gesagt, als er Ende der neunziger Jahre den größten transatlantischen Autokonzern schuf. Die Aktionäre haben dafür teuer bezahlt. Doch Schrempp blieb und übte sich über Jahre im Krisenmanagement. Derweil haben die Eigentümer von Daimler-Chrysler mit ihrem reduzierten Gewinnanteil das Wohlfahrtsniveau des Managements subventioniert.

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