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Erfolgsmodell : Die Schweizer und ihr Wohlstand

Zahlungskräftig: An Kundschaft mangelt es für Luxushersteller in der Schweiz nicht. Hier eine Filiale des Juweliers Tiffany in Zürich Bild: Reuters

Trotz der Finanzkrise erwirtschaftet die Schweiz seit Jahren Haushaltsüberschüsse und beeindruckt mit konstant niedriger Arbeitslosenquote. Ihre Erfolgsformel: Eigenverantwortung, Forschung, Entwicklung, Qualität und Zuverlässigkeit.

          Wer in den Jahren der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise als Beobachter in der Schweiz weilte, erlebte auch in dem scheinbar stabilen Land tiefgreifende Veränderungen. Die Großbank UBS torkelte in den Kollaps und musste vom Staat aufgefangen werden. Das Bankkundengeheimnis zerbrach unter internationalem Druck. Die Mini-Steuern für ausländische Holdinggesellschaften in mehreren Kantonen ereilte dasselbe Schicksal. Der Franken als Fluchtwährung bedrohte Exporte sowie Tourismus und kann seit September 2011 gegenüber dem Euro nur durch den Mindestkurs der Nationalbank im Zaum gehalten werden. Die starke Einwanderung von netto rund 80.000 Menschen im Jahr oder rund ein Prozent der Wohnbevölkerung erzeugt Abschottungsbewegungen.

          Zugleich erstaunt im krisengeschüttelten Europa, was in der Schweiz wirtschaftlich alles blieb wie gewohnt. Die nach 2007 einsetzenden Schwächejahre sind weitgehend abgehakt, wenngleich die Wachstumsprognosen für dieses und das nächste Jahr mit 1,3 und 1,6 Prozent niedriger ausfallen. In Bern erwirtschaftet die Regierung seit Jahren Haushaltsüberschüsse. Die Arbeitslosenquote verharrt bei international beeindruckenden drei Prozent, Arbeitskämpfe haben Seltenheitswert. Die Schweizer Konsenskultur in den vier Sprach- und Kulturregionen wirkt wohltuend. Die UBS hat die Stellung als größter Vermögensverwalter der Welt zurückerobert. In den Ranglisten der globalen Wettbewerbsfähigkeit steht die Schweiz auf den obersten Plätzen. Unter den Minusposten der wirtschaftlichen Konstanten treten daher die Wettbewerbsmängel im Inland umso stärker hervor. Sie sind nicht das einzige Manko. Den Bauern gelang es, ihren Schutzwall gegen ausländische Konkurrenten zu halten. Die Finanzierungsprobleme der Sozialversicherung harren weiter durchgreifender Lösungen. Die bisher weitgehend gelungene Integration der vielen Flüchtlinge bereitet Sorgen; bezogen auf die Einwohnerzahl, nimmt die Eidgenossenschaft ja die zweitgrößte Zahl nach Schweden auf. Die Zersiedelung der Landschaft sowie immer vollere Straßen und Züge beunruhigen nicht allein Naturschützer, Pendler und Touristen.

          Millionärs-Weltrekord

          Zu den Konstanten zählt an vorderer Stelle der private Wohlstand. Trotz der hohen Preise können sich die Menschen im Land verhältnismäßig viel leisten. Dies fußt auf einem Wirtschaftswachstum, das seit 2009 dasjenige der meisten westlichen Industriestaaten übertrifft. Kein Wunder daher, dass der Zuzug aus dem Ausland anschwillt, sobald es in Europa kriselt. In der Alpenrepublik winken Arbeitsplätze und gut ausgebaute Sozialeinrichtungen. Die Schweiz ein Wohlstandsreservat: Die Credit Suisse ermittelte jüngst ein Pro-Kopf-Vermögen von 581.000 Dollar, weit vor Australien als Nummer zwei mit 431.000 Dollar. Die Pensionskassenguthaben schlagen sich darin sichtbar nieder. Deutschland liegt mit 211.000 Dollar immerhin auf Rang 15 der mehr als 200 untersuchten Länder.

          Gleichwohl ist die Schweiz kein Land, wo für alle Milch und Honig fließen. Die vergleichsweise vielen Millionäre und Milliardäre treiben – neben der Frankenstärke gegenüber dem Dollar – den rechnerischen Durchschnittswert in die Höhe. Gut 8600 Millionäre je 100 000 Einwohner: das bedeutet Weltrekord. Auch unter den Superreichen mit mehr als 50 Millionen Dollar Finanzvermögen nimmt die Eidgenossenschaft den Spitzenrang ein. Das beleuchtet zugleich eine Schieflage. In der Schweiz habe die Vermögensungleichheit in den vergangenen hundert Jahren kaum abgenommen, schreiben die Autoren der Credit-Suisse-Studie kurz und bündig.

          Erfolgsrezept für die Zukunft

          Durchschnittsfamilien mit Kindern, nicht zu reden von Alleinerziehenden, tun sich mit der Vermögensbildung auch in der vermeintlichen Wohlstandsoase schwer. Nicht jede Branche zahlt so gut wie die Banken und die Pharmaindustrie. Eine Chance auf sichtbaren Vermögensaufbau bieten die vorbildliche betriebliche Altersvorsorge sowie Erbschaften in einem Land, das seit der Staatsgründung 1848 keinen Kriegszerstörungen ausgesetzt war. Vor diesem Hintergrund nimmt sich der Plan einer – sogar rückwirkenden – landesweiten Erbschaftsteuer besonders schädlich aus. Zu hoffen bleibt, dass die Schweizer bei der Abstimmung über dieses Volksbegehren kühlen Kopf bewahren und sie ablehnen.

          Es zeigt sich immer wieder: Je wohlhabender Menschen sind, desto mehr befürchten sie Einbußen. In der Schweiz besteht diese Angst ebenfalls. Die Wirtschaftsentwicklung des kleinen Staates inmitten von Europa hängt stark vom Gedeihen des ganzen Kontinents ab. Aber die Schweizer haben es auch selbst in der Hand, ob ihr Land weiterhin eine wirtschaftliche Spitzenposition einnimmt. In einem kürzlich erschienenen Buch glaubt der Diplomat Simon Geissbühler eine „Rentnermentalität“ und einen Hang zur staatlichen Rundumversorgung zu erkennen. Der Autor dramatisiert die Lage, aber schon den offenkundigen Tendenzen gilt es zu wehren. Eigenverantwortung, Forschung und Entwicklung, Qualität der Produkte und Zuverlässigkeit in den Dienstleistungen: Damit ist die Eidgenossenschaft groß geworden. Sie bilden auch ein Erfolgsrezept für die Zukunft.

          Jürgen Dunsch

          Freier Autor in der Wirtschaft.

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