https://www.faz.net/-gqe-qwv3

Erfolgsgeschichte : Mit 7000 DM Verwandtschaftsdarlehen zum Börsenmillionär

Erfolgreicher Unternehmer: Knut Löschke Bild: Archiv

Das Software-Unternehmen PC-Ware aus Leipzig ist so alt wie die Wiedervereinigung, aber wesentlich erfolgreicher. Die Wiedervereinigung war für den Firmengründer und Vorstandsvorsitzenden Löschke das „Allerbeste, was mir passieren konnte.“

          3 Min.

          „Ohne die Wiedervereinigung wäre ich heute vielleicht Rektor der Uni Leipzig oder Kombinats-Chef mit 35.000 Beschäftigten.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Knut Löschke denkt noch einmal nach und sagt dann schmunzelnd: „Oder ich wäre in den Westen abgehauen.“ Löschke ist der Gründer, Hauptaktionär und Vorstandsvorsitzende des Leipziger Softwareunternehmens PC-Ware, das genauso alt ist wie die deutsche Einheit - dessen Erfolg aber deutlich meßbarer ist: In den vergangenen 15 Jahren ist die einzige börsennotierte Gesellschaft Leipzigs zum zweitgrößten europäischen Lizenzierer von Microsoft-Programmen herangewachsen, vor Dell, Siemens oder HP.

          1990 hatte Löschke das Geschäft mit zwei Kompagnons und einem Mitarbeiter begonnen und rund 600.000 DM Umsatz erwirtschaftet. Im laufenden Geschäftsjahr dürfte die Gruppe mit 850 Beschäftigten 580 Millionen Euro erlösen.

          Das Zeug zum Erfolg hatte Löschke schon in der DDR. Geboren 1950 in Leipzig, studierte er an der dortigen Universität in Rekordzeit Festkörperphysik. Es folgten zwei Promotionen, die eine wissenschaftliche Karriere vorzeichneten. Doch nach einem Industriepraktikum stieg Löschke im „Kombinat Wälzlager und Normteile“ schnell auf und leitet dort die Entwicklungsgruppe für Personal Computer (PC) und Software. Er und zwei Mitstreiter nannten das Team selbstbewußt, aber inoffiziell „PC-Ware“ und wollten sich damit selbständig machen. Der Versuch scheiterte 1987 trotz Glasnost am Rechner-Kombinat Robotron, das um sein Monopol fürchtete.

          Boom in den ersten Vereinigungsjahren

          Löschke gründete PC-Ware dann im März 1990 und somit noch zu DDR-Zeiten. Zum 1. Juli, dem Tag der Währungsunion, überführten er und zwei weitere Gesellschafter das Unternehmen in eine GmbH. „Mit 7000 DM Darlehen von einem West-Onkel“. Seine Hauptkunden, denen er Programme für die rechnergesteuerte Konstruktion lieferte, waren die 31 Betriebe seines ehemaligen Arbeitgebers, des Wälzlager-Kombinats. „Doch einer nach dem anderen ging pleite. Einerseits war ich froh, rechtzeitig den Absprung geschafft zu haben, andererseits kam kein Geld in die Kasse.“

          In der Boomzeit der ersten Vereinigungsjahre taten sich schon bald neue Märkte auf. PC-Ware entwickelte und vertrieb ein Abrechnungssystem für niedergelassene Zahnärzte und verdiente an der gewaltigen Bautätigkeit: mit einem Programm für Immobilienmakler und einer betriebswirtschaftlichen Software für Handwerksbetriebe. In dieser Zeit entwickelten die Sachsen immer engere Kontakte zu Microsoft. Der erste größere Auftrag kam, als PC-Ware den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) mit dem Textprogramm Word ausstattete.

          Obwohl zur Installation nur ein einziges Exemplar nötig war, hätte Löschke eigentlich 1000 Kartons mit den Disketten und Handbüchern ausliefern müssen, da dort die Lizenznummern zur Nutzung der Software einzeln niedergelegt waren. Statt dessen trennten seine Mitarbeiter die entsprechenden Seiten heraus, kopierten die Lizenznummern von den Disketten und bastelten für ihren Großkunden eine Sammellizenz. Die Handbücher und Disketten verschenkten sie an Schulen.

          „Wie eine Courtage bei der Wohnungsvermittlung“

          Der Durchbruch gelang den Leipzigern 1993, als sie eine Ausschreibung des Bundesfinanzministeriums für die Lizenzvermittlung von Büroanwendungen gewannen. Seitdem ist das „Makeln von Lizenzverträgen“ die Spezialität des Hauses. Anders als viele Anwender denken, so erläutert Löschke, können sie Software nicht erwerben. Das Eigentum verbleibt immer beim Hersteller. In Form einer Lizenz bekommen sie lediglich das Nutzungsrecht übertragen.

          Diesen Vertragsschluß vermittelt PC-Ware, das von dem Nutzungsentgelt einen Teil einbehält, „wie eine Courtage bei der Wohnungsvermittlung“. Dabei schlägt der Preis für die Software-Nutzung als eine Art Handelsumsatz zu Buche, die Courtage als Marge. Einschließlich der anderen Geschäftsfelder rechnet das Unternehmen für dieses Jahr mit einem Überschuß von 5,1 Millionen Euro. Diese anderen Aktivitäten sind das Service-Geschäft - die Installation und Wartung von Programmen bei Großkunden - und die sogenannten Systemhäuser, ein Komplettangebot für Mittelständler zur Einrichtung und Betreuung von Hard- und Software.

          Obwohl das Lizenzgeschäft noch immer die wichtigste Säule ist, nehmen die beiden anderen Zweige an Bedeutung zu. Löschke forciert das, um die Abhängigkeit von Microsoft zu vermindern und die Margen hochzutreiben: Sie liegen im Lizenzgeschäft bei nur rund 5 Prozent, in den anderen Feldern sind es bis zu 25 Prozent.

          „Die Wiedervereinigung war das Beste, was Deutschland passieren konnte“

          Auch räumlich greifen die Leipziger immer weiter aus. Nicht zuletzt deshalb ging das Unternehmen im Mai 2000 an die Börse. Aus einer Kapitalerhöhung sammelte Löschke 46 Millionen Euro ein. Mittlerweile macht PC-Ware in gut einem Dutzend Länder Geschäfte. Löschke gibt zu, daß der Börsenabschwung auch sein Unternehmen traf. Wie andere Hochtechnikwerte trudelte die Aktie zeitweilig ins Bodenlose. Zwar wurde der Ausgabekurs von 19 Euro bisher nicht wieder erreicht. Aber die Kursverluste halten sich, findet Hauptaktionär Löschke, mit heute 14 Euro „in vertretbaren Grenzen“. Die Dividende sei seit 2000 von 6 auf 40 Cent gestiegen.

          Löschke weiß, daß sich die ostdeutsche Wirtschaft seit der Wiedervereinigung nicht halb so prächtig entwickelt hat wie sein Unternehmen. Der streitbare Sachse macht dafür die frühen Fehler in der Wendezeit verantwortlich. Statt die damals schon maroden Arbeits-, Steuer- und Sozialversicherungssysteme auf die neuen Länder zu übertragen, hätte man sie einer „Generalrevision“ unterziehen müssen.

          Löschke geißelt das vorherrschende „fast schon sozialistische System der allgemeinen Umverteilung“ sowie die „Selbstbedienungsmentalität in den Sicherungssystemen“ und beklagt, daß die Gesellschaft Tüchtigkeit nicht anerkenne. Darunter, daß Deutschland 1990 einen wirklichen Neuanfang verpaßte, leide es noch heute, der Osten schwerer als der Westen. Dennoch sehne sich in seiner Heimat niemand ernsthaft nach der Zeit vor 1990 zurück. „Die Wiedervereinigung war das Beste, was Deutschland passieren konnte. Und sie war das Allerbeste, was mir passieren konnte.“

          Weitere Themen

          Geldwäsche-Berichte setzen Deutscher Bank zu Video-Seite öffnen

          „Fincen-Files“ : Geldwäsche-Berichte setzen Deutscher Bank zu

          Die Aktien der Deutschen Bank und anderen Großbanken haben zum Wochenbeginn nach Medienberichten über Datenlecks bei der weltweiten Bekämpfung von Geldwäsche an Wert verloren. Im Zentrum: Die Deutsche Bank.

          Topmeldungen

          Paul Rusesabagina vor Gericht in Ruandas Hauptstadt Kigali am 14. September

          „Hotel Ruanda“-Star entführt : In der Höhle des Löwen

          Während des Völkermords in Ruanda rettete er Tutsi das Leben. Nun ließ Präsident Kagame den einstigen Helden Paul Rusesabagina entführen. Seinen Prozess will die Juristin Amal Clooney beobachten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.