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Erdogans Personalpolitik : Der tiefe Fall der türkischen Lira

Türkische Lira-Banknoten Bild: dpa

Die türkische Währung verliert über Nacht mehr als elf Prozent an Wert. Grund ist der überraschende Rauswurf des erst vor vier Monaten eingesetzten Notenbankchefs Naci Agbal. Auch sonst läuft es in der Türkei nicht rund.

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          Auf die überraschende Absetzung des türkischen Zentralbankpräsidenten Naci Agbal durch den Präsident Recep Tayyip Erdogan reagiert die türkische Lira zum Wochenanfang mit Wertverlusten von mehr als zehn Prozent. Im frühen europäischen Handel kostete ein Dollar 8,06 Lira, für den Euro mussten 9,58 Lira bezahlt werden. Das waren elf Prozent mehr als am Freitag. Allerdings bedeutete das gegenüber dem Handelsauftakt in Asien schon eine Verbesserung. Am Morgen gewann sie dann zunächst weiter an Boden.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Zunächst war die Währung um bis zu 17 Prozent abgestürzt, nahe auf Werte um den Rekordtiefstand, den die Lira Anfang November markiert hatte und der zur Ablösung des damaligen Notenbankgouverneurs beitrug. Die sich über das Wochenende verschärfte innenpolitische Lage mit Massendemonstrationen gegen das Verbotsverfahren der Kurdenpartei HDP sowie den Austritt des Landes aus einer Europarat-Konvention zum Schutz der Frauenrechte mögen dazu beigetragen haben.

          Ökonomen und Analysten einhellig skeptisch

          Notenbankpräsident Agbal hatte seit seiner Ernennung im November den Leitzins kräftig angehoben und damit dazu beigetragen, dass die Landeswährung sich stabilisieren und aufwerten konnte. An den Märkten war das als Wiederkehr des Vertrauens in eine Geldpolitik interpretiert worden, die die Bekämpfung der zuletzt auf 15,6 Prozent gestiegenen Inflation ernst nimmt. Erst am vergangenen Donnerstag hatte Agbal den Leitzins um weitere 2 Prozent auf 19 Prozent angehoben, was in Summe einen Sprung vom 8,75 Prozent binnen vier Monaten machte.

          Wurde in der Nacht zu Samstag entlassen: Zentralbankchef Naci Agbal
          Wurde in der Nacht zu Samstag entlassen: Zentralbankchef Naci Agbal : Bild: Reuters

          Erdogan war das offensichtlich zu viel. Es gab zwar keine Begründung für die über das Amtsblatt am Samstag mitgeteilte Ablösung, doch Erdogan hatte immer wieder seinen Unwillen über hohe Zinsen verlauten lassen. Nachfolger Agbals wurde Sahap Kavcioglu, ein früherer Banker und Abgeordneter der Regierungspartei AKP. Er ist der vierte türkische Zentralbankchef in fünf Jahren. In Zeitungskolumnen hatte er sich gegen eine straffe Geldpolitik gewandt. „Die Zinsen rund um die Welt sind nahe Null. Eine Anhebung in der Türkei zu erwägen, wird unsere wirtschaftlichen Probleme nicht lösen“, hatte er im Februar geschrieben. Allerdings ist im Rest der Welt die Rate der Geldentwertung auch nicht so hoch wie im Schwellenland Türkei, das im vergangenen Jahr zwar mit einem Wachstum von 1,8 Prozent überraschen konnte. Allerdings war das durch staatlich verordnete Billigkredite angefacht worden, die ihrerseits die Inflation genährt haben.

          Der neue Gouverneur Kavcioglu erklärte am Sonntag, er wolle alle geldpolitischen Instrumente nutzen, um die Inflation zu bekämpfen.  „Im Rahmen der gesetzlich festgelegten Pflichten und Befugnisse wird die Zentralbank der Republik Türkei die geldpolitischen Instrumente weiterhin effektiv nutzen, um ihrem Hauptziel zu entsprechen, einen dauerhaften Rückgang der Inflation zu erreichen“, hieß es in einer Mitteilung, die den Märkten allerdings wenig glaubwürdig vorkam.

          Recep Tayyip Erdogan
          Recep Tayyip Erdogan : Bild: Reuters

          Ökonomen und Analysten reagierten einhellig skeptisch auf die abermalige Umbesetzung an der Spitze der türkischen Notenbank und den damit vermuteten geldpolitischen Schwenk. Das Problem der Türkei bestehe darin, „dass der Präsident (und nur auf ihn kommt's im politischen Regime der Türkei an) eine nicht zielführende geldpolitische Strategie will“, schreibt beispielsweise Ulrich Leuchtmann, der bei der Commerzbank das Devisenresearch leitet. Der Konflikt entstehe, „weil innerhalb der Zentralbank jedermann wissen dürfte, dass solch eine Geldpolitik nicht funktioniert.“

          Das Scheitern der restriktiven Geldpolitik dürfte den Inflationsdruck in der Türkei verstärken, argumentiert er. Ohne geeignete Geldpolitik müsse die Regierung wohl andere Instrumente zur Inflationsbekämpfung wie Preisregulierungen verstärken. Auch der Lira-Schwäche könne nicht mehr mit marktkonformen Instrumenten begegnet werden. Allerdings könne die Regierung angesichts der hohen Verschuldung der Unternehmen in Dollar und Euro einer drastischen Lira-Abwertung, die die Finanzierung des Schulden weiter verteuert, nicht tatenlos zusehen. Es wachse deshalb das Risiko, dass „weiche „Kapitalverkehrskontrolle durch „härtere“ ersetzt werden müssten.

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