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Türkei : Erdogan zückt die Gas-Karte

Präsident Erdogan und das Explorationsschiff Fatih. Bild: Reuters

Während die Türkei und Griechenland im Streit um Gas im Mittelmeer Kriegsschiffe auffahren lassen, wird Erdogan im Schwarzen Meer fündig. Und macht eine große Ankündigung.

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          Die Türkei hat nach Angaben von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bedeutende Gasvorkommen entdeckt. Nie zuvor habe man größere Lagerstätten im Schwarzen Meer gefunden, und es bestehe die Chance auf weitere zu stoßen, sagte Erdogan am Freitag in Istanbul. Man wolle die Lager binnen drei Jahren ausbeuten, das Land könne schon im Jahr 2023 zu einem Nettoexporteur von Energie werden.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Die Funde könnten für das von Energieimporten abhängige Schwellenland von großer wirtschaftlicher Bedeutung und damit auch für den politisch angeschlagenen Erdogan relevant sein. Erste Spekulationen darüber hatten die Kurse an der Aktienbörse wie auch der Wert der Lira zum Dollar diese Woche bereits steigen lassen. Vor der Rede Erdogans kostete ein Dollar 7,22 Lira, nachdem am Vortag noch 7,30 Lira je Dollar gezahlt worden waren.

          Nach der Rede schnellte der Kurs aber bis auf 7,34 Lira je Dollar nach oben, auch die Börsenkurse gaben nach. Händlern zufolge waren die Märkte unzufrieden, weil man mit einer größeren Gasmenge gerechnet hatte.

          Die Lira hatte zuletzt wieder stark an Wert verloren. Dahinter steht neben der Sorge um die schwindende Zahlungsfähigkeit des Landes auch das mangelnde Vertrauen ausländischer Investoren in die Unabhängigkeit der Notenbank und Politik der Regierung.

          „Eine neue Zeitperiode“ für die Türkei

          Erdogan hatte die Spannung vor seiner Rede selbst gesteigert, indem er noch am Donnerstag angekündigt hatte, er werde „gute Nachrichten“ für das Land verkünden, die „eine neue Zeitperiode“ für die Türkei einläuten würden. Die unlängst etwa 150 Kilometer nördlich der türkischen Küste auf der Höhe der Hafenstadt Eregli im westlichen Schwarzen Meer vom Forschungsschiff „Fathi 1“ erkundeten Lager enthält laut Erdogan 320 Milliarden Kubikmeter Gas.

          In ersten Berichten war über eine Größenordnung von 800 Milliarden Kubikmetern spekuliert worden. Zum Vergleich: Deutschland verbrauchte im vergangenen Jahr knapp 90 Milliarden Kubikmeter Gas.

          Die Türkei ist aktuell weitgehend von Gas- und anderen Energielieferungen wie aus Iran und Russland abhängig. Das ist ein Grund, weshalb Erdogan in letzter Zeit aggressiver auch im zwischen Griechenland und der Türkei strittigen Regionen in der Ägäis und bei Zypern nach Erdgas suchen lässt. Vor dem Hintergrund einer drohenden militärischen Eskalation wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die EU vermitteln, auch die Schweiz hat ihre Dienste angeboten.

          Eine energiepolitische Dimension wird auch dem Militärengagement der Türkei in Libyen zugesprochen. Haben sich die Regierungen in Ankara und Tripolis doch auf die Aufteilung der Gewässer im östlichen Mittelmeer geeinigt – zu Lasten Griechenlands und Ägyptens, die das nicht akzeptieren wollen.

          Die Türkei gab für Energieimporte zuletzt mehr als 40 Milliarden Dollar aus. Die Einfuhr von Öl und Gas ist ein wesentlicher Grund für das seit Jahren hohe Leistungsbilanzdefizit des Landes. Auch wenn die Rechnung wegen des coronabedingten Preisverfalls dieses Jahr geringer ausfallen wird, so würde eine heimische Produktion die Kosten und den Bedarf an Devisen zur Finanzierung des Imports senken. Vor dem Hintergrund sind der Anstieg der Aktienkurse sowie die zunächst leichte Stärkung des Wechselkurses der Lira zu Dollar zu verstehen – auch wenn vom „Finden“ der Felder bis zu deren Ausbeutung noch viel Zeit vergehen dürfte.

          Die Agentur Reuters zitiert einen Experten der mit einer Dauer von 7 bis 10 Jahren rechnet und die Investitionskosten auf 2 bis 3 Milliarden Dollar kalkuliert. John Bowlus, Chefredakteur der „Energy Reporters“ wies auf die historisch niedrige Nachfrage nach Gas hin. Deshalb hielten sich Investoren aktuell mit neuen Engagements zurück, was das Angebot allerdings in drei bis vier Jahren straffen könnte. Wenn die Türkei die neuen Felder schnell entwickle, „könnte dieses Gas zu einem optimalen Zeitpunkt auf den Markt kommen.“

          Nahe dem türkischen Erkundungsfeld „Thunfisch-1“ laufen auch die Seegrenzen Bulgariens und Rumäniens zusammen. Dort, in rumänischen Gewässern, war vor Jahren der bisher größte Gasfund im Schwarzen Meer gemacht worden, im sogenannten „Neptunblock“. Er gehört der österreichischen OMV und Exxon, letztere will ihren Anteil aber nun verkaufen. Die Entwicklung des 500-Millionen-Euro-Projektes stockt, wohl auch wegen der großen politischen Unwägbarkeiten in Rumänien.  Der russische Konzern Rosneft hat laut der Agentur Bloomberg im russischen Teil des Schwarzen Meeres, aber keine konkreten Ergebnisse erzielt.

          „Blue Stream“

          Erdogan will die Türkei schon länger zu einer Drehscheibe für den Gashandel ausbauen. So will das Land nach Öl künftig auch Gas aus Aserbaidschan einführen, das teils in die EU weiterverkauft werden soll. Ähnliches gilt für die zweite Gasleitung nach Russland, Turk Stream, die Gas vor allem unter Umgehung der Ukraine weiter nach Südosteuropa transportieren soll.

          Die Türkei bezieht ferner durch die Schwarzmeerleitung „Blue Stream“ Gas aus Russland. Hier soll es in den vergangenen Monaten zu Unterbrechungen gekommen sein. Die Türkei und Russland unterstützen auf den Schlachtfeldern in Syrien und Libyen jeweils verfeindete Parteien.

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