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Erdgaspipeline Nord Stream : Nur ein Rohr von A nach B

Lange Leitung: Das Ende der Nord Stream in Lubmin Bild: dpa

An diesem Dienstag wird die Ostseepipeline Nord Stream in Betrieb genommen. Sie war politisch wie ökologisch umstritten, hat aber vielen Menschen Arbeit gebracht und soll die Versorgungssicherheit erhöhen.

          8 Min.

          Der Tag in Moskau war gut gelaufen. Gerhard Schröder war stolz und gerührt. Soeben hatte der russische Staatspräsident Wladimir Putin ihn eingeladen, an den Feiern zum 60. Jahrestag des Kriegsendes im folgenden Jahr in Moskau teilzunehmen. Diese Ehre war noch keinem deutschen Regierungschef zuteilgeworden.

          Andreas Mihm
          (ami.), Wirtschaft

          Das war nicht der einzige Erfolg. Wie oft hatte der Kanzler Konzernchefs im Schlepp, 19 an der Zahl, darunter die von Siemens, Eon, Deutscher Bank. Absichtsbekundungen waren an diesem Donnerstag im Juli 2004 im Kreml abgegeben und fixiert worden, über Kooperationen im Eisenbahnwesen, Investitionen im Lebensmittelhandel - und eine schwammig gehaltene Absichtserklärung zum Bau einer Gasleitung durch die Ostsee, um sibirisches Erdgas nach Westeuropa zu pumpen.

          Keine Unterbrechungen mehr

          Das alles bewegte Schröder auf dem Heimflug in der „Konrad Adenauer“. Es hätte noch besser sein können, wäre da nicht die Debatte um Michail Chodorkowskij. Immer wieder hatten die Journalisten danach gefragt. Als gäbe es kein anderes Thema als den Prozess gegen den politisch engagierten Oligarchen und Yukos-Gründer, von dem der russische Staat milliardenhohe Steuernachzahlungen verlangte. Schröder hatte gesagt, er könne „nachvollziehen, dass ein Staat auch Steuern haben will“, dass er keinen Bruch geltenden Rechts sehe. In Deutschland war das nicht so gut angekommen.

          Nord Stream : Ostsee-Pipeline für Europa

          Auf den Tag genau sieben Jahre und vier Monate später - Chodorkowskij sitzt nach neuen Gerichtsurteilen wohl noch länger ein - wird die Ostseeleitung am kommenden Dienstag in Betrieb genommen. Sie heißt nicht mehr Nordeuropäische Gaspipeline sondern Nord Stream (analog zur Blue Stream-Pipeline durch das Schwarze Meer und Green Stream im Mittelmeer).

          Wieder werden Politiker dabei sein, darunter Russlands Präsident Dimitri Medwedjew und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie werden darauf hinweisen, dass die neue Leitung die Versorgung Deutschlands und Europas sicherer macht, dass Unterbrechungen durch Transitstaaten nicht möglich sein werden, dass Russland immer ein verlässlicher Lieferant gewesen sei.

          Pipeline-Baustelle bei Greifswald
          Pipeline-Baustelle bei Greifswald : Bild: Matthias Lüdecke

          Das hat auch Schröder gesagt. Der Altkanzler steht auch auf der Gästeliste. Immerhin ist er Vorsitzender des Aktionärsausschusses der Nord Stream AG. Dazu hatten die Anteilseigner Gasprom (51 Prozent), Eon, BASF (je 15,5 Prozent), Nederlandse Gasunie sowie Gaz de France/Suez (je 9 Prozent) ihn auf Vorschlag der russischen Seite gewählt, kurz nach seiner Wahlniederlage im Herbst 2005. Für die meisten kam die Personalie so überraschend wie die spätere Verlegung der Vertragsunterzeichnung über das Projekt von Moskau nach Berlin - auf einen Termin zehn Tage vor der Bundestagswahl 2005.

          Das Gehirn der Pipeline sitzt in der Schweiz

          Damals arbeitete Dirk von Ameln in Rumänien. 2005 war der promovierte Diplom-Ingenieur in den Führungskreis von Eon Gaz Romania berufen worden. Lange währte der Aufenthalt nicht. 2006 tauschte er seinen Wohnsitz, das malerische Târgu Mures im Herzen Rumäniens, mit dem Schweizer Kanton Zug. Im gleichnamigen Städtchen hat Nord-Stream Sitz genommen. Dort sitzen viele internationale Unternehmen. Es locken die Neutralität der Schweiz, der nahe FlughafenZürich, günstige Steuersätze.

          Die Gas-Übergabestation in Lubmin
          Die Gas-Übergabestation in Lubmin : Bild: Matthias Lüdecke

          Von Zug aus steuern 140 Beschäftige das 7,4 Milliarden Euro teure Projekt, das zu 70 Prozent kreditfinanziert ist. In der Zuger Industriestrasse sitzt das Gehirn von Nord Stream. Hier wird bestimmt, welche Ventile sich wann und wo öffnen, wie viel Gas durch die Röhre strömt, Notstromversorgung und Satellitenkommunikation inklusive.

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