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Billiges Erdgas : Plötzlich blüht in Amerika die Industrie

Made in USA: Viele Investoren wollen neue Werke bauen Bild: J.C. Leacock / Aurora Photos

Chemie, Maschinen, Computer: Alles wird jetzt wieder in Amerika produziert. Vor allem, weil Energie so billig ist. Das billige Erdgas zieht immer mehr Investoren an.

          7 Min.

          George Biltz zeigt in diesen Tagen gerne eine Liste her. Der amerikanische Chemiekonzern Dow Chemical, bei dem Biltz als Vice President für Energiefragen zuständig ist, hat sie zusammengestellt. Mehr als 100 Investitionsprojekte auf amerikanischem Boden sind aufgeführt: neue Produktionsanlagen, Erweiterungen bestehender Betriebe, sogar Reaktivierungen stillgelegter Werke. Dow Chemical ist mit sechs Projekten dabei, daneben viele prominente Großkonzerne von Shell über Alcoa bis Caterpillar.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Gesamt-Investitionssumme beziffert Dow Chemical auf 80 Milliarden Dollar. Biltz sieht das als Beleg für eine Renaissance der verarbeitenden Industrie in Amerika. Zu verdanken ist dies nach seiner Meinung vor allem einem Standortvorteil, der für die Vereinigten Staaten neu ist und der dem Land lange erhalten bleiben könnte: extrem billiges und reichhaltig vorhandenes Erdgas. Dafür sorgt der jüngste Boom in der Förderung von früher schwer erschließbaren Rohstoffen in Schiefergestein mit der umstrittenen „Fracking“-Methode. Für Unternehmen, die viel Erdgas brauchen, ergibt sich damit eine ganz neue Kalkulation bei der Wahl von Produktionsstandorten. Ein Paradebeispiel ist die Chemieindustrie, die Erdgas sowohl als Rohmaterial für ihre Erzeugnisse als auch als Energiequelle zum Betreiben ihrer Werke nutzt. Entsprechend euphorisch gibt sich Dow Chemical. Biltz spricht von einer „Chance, die nur einmal im Leben kommt, die verarbeitende Industrie in den Vereinigten Staaten wiederzubeleben“.

          Wirtschaftliche Erholung

          Es wäre eine Umkehr eines jahrzehntelangen Niedergangs, den nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch andere westliche Industrieländer erlebt haben. In den fünfziger Jahren stand die verarbeitende Industrie in Amerika noch für mehr als 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, zuletzt waren es 11,5 Prozent. Zur Jahrtausendwende hatten noch mehr als 17 Millionen Amerikaner hier Jobs, jetzt sind es noch knapp 12 Millionen.

          Präsident Barack Obama hat sich die Stärkung der heimischen Industrie auf die Fahnen geschrieben, erst recht nachdem die jüngste Wirtschaftskrise Finanzdienstleister in Ungnade fallen ließ. Im vergangenen Wahlkampf zeigte er sich gerne bei Unternehmen, die Produktionskapazitäten in Amerika aufgestockt oder gar aus anderen Ländern zurückgeholt haben. Er kann auf ermutigende Signale in den Statistiken verweisen: So sind seit dem Tiefstand der Rezession mehr als eine halbe Million Industriejobs entstanden. Andererseits: Das Vorkrisenniveau ist noch fern. Das könnte heißen, die geschaffenen Stellen reflektieren einfach die allgemeine wirtschaftliche Erholung - und nicht gleich einen fundamentalen Reindustrialisierungstrend.

           Gaspreis vergleichsweise billig

          Robert McCutcheon von der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) ist aber vom Strukturwandel überzeugt: „Hier passiert noch etwas ganz anderes als eine zyklische Erholung.“ Erdgas ist für ihn der mit Abstand größte Impulsgeber; ein „game changer“, der den Vereinigten Staaten als Industriestandort einen immensen Wettbewerbsvorteil gebe. Eine von McCutcheon mitverfasste PwC-Studie sagt voraus, dass der Schiefergaseffekt allein bis 2025 eine Million Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie Amerikas schaffen wird. Zudem werde er der Industrie bis dahin jährliche Einsparungen von bis zu 11,6 Milliarden Dollar bescheren. Ein solcher Effekt auf das produzierende Gewerbe wäre aus amerikanischer Sicht ein hochwillkommenes Nebenprodukt des gegenwärtigen Rohstoffbooms.

          Fracking hat Zugang zu Rohstoffreserven verschafft

          Hydraulic Fracturing oder Fracking hat den Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren Zugang zu immensen Rohstoffreserven verschafft. Die Technik erleichtert den Abbau von Erdgas oder Öl aus tief in der Erde liegendem Schiefergestein. Die Bohrungen verlaufen vertikal oft kilometerweit bis zum Schiefergestein und setzen sich dann horizontal fort. Eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien wird in Bohrstellen gepresst, um das Gestein aufzubrechen und darin enthaltenes Erdgas oder Öl freizusetzen. Die horizontale Bohrung ermöglicht den Abbau großer Vorkommen von einer Bohrstelle aus, was die Projekte rentabler macht.

          Fracking hat die Erdgasproduktion in den Vereinigten Staaten sprunghaft ansteigen lassen und wird mittlerweile auch zunehmend zur Förderung von Öl eingesetzt - allen Warnungen von Umweltschützern zum Trotz, denen die Methode zu riskant erscheint. Nach Jahren der Sorge, immer abhängiger vom Öl und Gas anderer Länder zu werden, wird Amerika wieder selbst zur Rohstoffmacht. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) schätzte gerade, dass die Vereinigten Staaten 2015 Russland als größten Erdgasförderer der Welt ablösen und 2017 Saudi-Arabien als Spitzenreiter in der Ölproduktion stürzen werden.

          Für Amerika als Industriestandort ist vor allem Erdgas ein Differenzierungsmerkmal. Denn anders als Rohöl, das überall auf der Welt in etwa das Gleiche kostet, sind die Preise für Erdgas regional sehr verschieden. In den Vereinigten Staaten hat die Förderwut der vergangenen Jahre für eine Erdgasschwemme gesorgt und die Preise abstürzen lassen. Der Preis je Million British Thermal Unit (Btu), einer gängigen Einheit für Erdgas, rutschte in diesem Jahr zwischenzeitlich unter 2 Dollar, 2008 waren es noch mehr als 10 Dollar. Mittlerweile ist der Preis zwar wieder auf mehr als 3,50 Dollar gestiegen, was aber noch immer nur ein Bruchteil dessen ist, was Erdgas in Europa oder Japan kostet.

          Mindestens zehn Jahre Vorsprung

          Die Schere bei den Erdgaspreisen zwischen Amerika und anderen Teilen der Welt wird wohl nicht so schnell verschwinden. Analyst Harold Sirkin von der Boston Consulting Group schätzt, dass Erdgas auch noch Ende dieses Jahrzehnts in Amerika um 50 bis 70 Prozent billiger sein wird als etwa in Europa. Zwar gibt es auch außerhalb der Vereinigten Staaten bedeutende Schiefergasvorkommen, aber andere Länder sind mit der Erschließung noch nicht annähernd so weit, etwa weil die Opposition wegen etwaiger Umweltrisiken größer ist oder weil die Infrastruktur fehlt. Auch in Deutschland bremst der Widerstand von Bürgerinitiativen und Politikern bislang den Einsatz von Fracking. „Zehn plus x Jahre“ dürfte der Vorsprung der Amerikaner bei der Schiefergasförderung sein, meint Beate Ehle, die bei der amerikanischen Tochtergesellschaft des deutschen Chemiekonzerns BASF als Executive Vice President für die Produktionsstandorte in dem Land zuständig ist.

          Der Preisverfall in Amerika bereitet zwar Erdgasförderern wie Chesapeake oder Exxon-Mobil Kummer, er freut aber Unternehmen aus anderen Industrien, die den Rohstoff einsetzen. Das schlägt sich mehr und mehr in den Investitionen nieder, wie etwa bei Dow Chemical. Der Konzern will zum Beispiel 1,7 Milliarden Dollar in ein neues Ethylen-Werk in Texas stecken, während anderswo gespart wird. So wurde im Oktober die Schließung von zwanzig Anlagen in Ländern wie Belgien, Spanien oder Japan verkündet.

          Neue Produktionsstätten werden gebaut

          Martin Richenhagen, der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Landmaschinenbauers Agco, sagt, Agrochemieunternehmen wie Pflanzenschutz- und Düngemittelhersteller erzählten ihm derzeit ständig von Überlegungen, ihre Produktionskapazitäten in Amerika aufzustocken. „Das ist im Moment eine richtige Welle, die die Wirtschaft beleben wird.“ Umgekehrt drohe Deutschland, wo die Energiewende die Preise steigen lässt, ins Hintertreffen zu geraten.

          Auch für deutsche Unternehmen ändert sich das Kalkül. „Investitionen, die sich vor fünf bis zehn Jahren in den Vereinigten Staaten nicht gelohnt haben, lohnen sich jetzt wieder“, sagt BASF-Managerin Ehle. Eine BASF-Anlage im Bundesstaat Louisiana, in der Butandiol hergestellt wird, sei heute ganz anders als noch vor einigen Jahren eine der profitabelsten im Konzern. Entsprechend werde darüber nachgedacht, die Kapazitäten für diese Substanz in Amerika zu erhöhen. In diesem Jahr haben die Deutschen schon den Bau einer Produktionsanlage für Ameisensäure in Louisiana angekündigt. Als Hauptgrund für die Standortwahl nennt Ehle, dass BASF in Amerika einen großen Markt für das Produkt sieht, aber auch der Erdgaseffekt habe eine wichtige Rolle gespielt. „Das hat die Entscheidung sicher erleichtert.“

          Wettrennen beim Bau

          Anlagenbauer wie Uhde aus dem deutschen Thyssen-Krupp-Konzern haben daher im Moment allen Anlass, sich die Hände zu reiben. Unberührt von den Sorgen, die Thyssen-Krupp derzeit mit seinem verlustträchtigen Stahlwerk in Amerika hat, macht die Tochtergesellschaft Uhde hier glänzende Geschäfte. Michael Thiemann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Uhde, konnte sich vor einem Monat über einen mit einer Milliarde Euro dotierten Auftrag zum Bau zweier Düngemittelanlagen für den amerikanischen Konzern CF Industries freuen. Nur ein paar Wochen vorher war er bei der Grundsteinlegung für eine Flüssigdüngeranlage im Bundesstaat Iowa, die Uhde für den ägyptischen OCI-Konzern errichten soll. Und das soll nur der Anfang sein: „Es stehen in nächster Zeit Entscheidungen über vier bis fünf weitere neue Anlagen an, und wir rechnen uns in allen Fällen gute Chancen aus.“ Nach einer langen Investitionsflaute lieferten sich Unternehmen derzeit ein Wettrennen mit dem Bau von Werken. „Jeder jagt jetzt jeden, und alles ist sehr eilig. Wir können uns im Moment sehr glücklich schätzen“, sagt Thiemann, der „substantielles Umsatzwachstum“ im Amerika-Geschäft seiner Sparte erwartet.

          Der Schub für die Industrie beschränkt sich nicht auf chemienahe Bereiche. PwC-Analyst McCutcheon sieht die Metallbranche als weiteren Gewinner - einen ebenfalls energieintensiven Zweig, der auch wichtiger Lieferant für die Rohstoffindustrie bei ihren Bohrprojekten ist. Harold Sirkin von BCG meint, dass sich der Reindustrialisierungstrend auf viele Branchen ausweiten könnte, nicht nur wegen des Erdgaseffekts, sondern auch weil der Lohnvorteil Chinas schmilzt. Kunststoffe, Maschinen, Haushaltsgeräte und vielleicht sogar Elektronikprodukte könnten wieder vermehrt in Amerika gefertigt werden. Selbst der notorische China-Outsourcer Apple verkündete in dieser Woche, von 2013 an zumindest einen Teil seiner Macintosh-Computer wieder in Amerika bauen zu lassen. In einer BCG-Umfrage unter Industrieunternehmen gaben 37 Prozent der Befragten an, über eine Rückverlagerung von Kapazitäten aus China nachzudenken.

          Regierung will Erdgas exportieren

          Das muss nicht gleich sehr viel mehr Arbeitsplätze bedeuten. „Industrieproduktion und Jobs bewegen sich nicht im Gleichschritt“, sagt PwC-Analyst McCutcheon. Die derzeit investitionsfreudigsten Branchen sind nicht allzu personalintensiv. Die Mega-Investition von Dow Chemical in Texas etwa soll zwar in der Bauphase 2000 Menschen beschäftigen, aber dann nach Inbetriebnahme mit 150 Mitarbeitern auskommen. „Das ist nicht zu vergleichen mit einem neuen Autowerk“, sagt Uhde-Chef Thiemann.

          Dow-Chemical-Manager Biltz macht sich derweil Sorgen, dass die Vereinigten Staaten den „neu gefundenen Wettbewerbsvorteil wieder verspielen“. Die Regierung will verflüssigtes Erdgas in großem Stil exportieren. Das Energieministerium hat dazu vergangene Woche eine Studie vorgelegt. Darin heißt es, Erdgasexporte wären gut für die amerikanische Wirtschaft. Biltz fürchtet dagegen, dies könnte das Ende für billiges Erdgas in Amerika bedeuten: „Wir müssen aufpassen, keine Fehler zu machen, die den Preis von Erdgas in Amerika auf das Niveau im Rest der Welt bringen.“

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